Frau Richter, man stellt sich die Marbacher Schillerhöhe gerne als ein friedliches Gelehrtenwolkenkuckucksheim vor, ein Ort der ästhetischen Erziehung, doch derzeit scheint eher die Kabale zu überwiegen.
Da ist die Schillerhöhe wie jeder andere Kulturbetrieb. Aber das muss auch nicht verwundern. Wir haben hier einen erheblichen Reformstau, großen Personal- und Raumbedarf. Der Bund hat uns Stellen und Mittel bewilligt, doch das Land konnte noch nicht gleich nachziehen. Insgesamt hat die Pandemie unser Reformprojekt etwas verlangsamt. In der Folge gab es allerlei Vermutungen, wo kommen die 19 neuen Stellen hin, entscheidet das die Direktorin allein? Nein, tut sie natürlich nicht. Aber all dies hat für große Unruhe gesorgt.
Von einem Teil der Belegschaft wird Ihnen Egoismus, mangelnde Empathie vorgeworfen. Von Rachsucht und Duodezverhalten ist die Rede. Haben Sie den Widerstand unterschätzt?
Es sind 38 Personen aus dem Archiv, die sich in anonymer Form beschwert haben, das ist bei 272 Mitarbeitern ein Siebtel der Belegschaft. Womit ich die Probleme nicht herunterspielen möchte. Mein Eindruck ist, es geht um den Wunsch nach Anerkennung und auch um das Definieren der eigenen Rolle
War es klug, sich von so einer zentralen Figur, wie der Verwaltungsleiterin Dagmar Janson zu trennen?
Das war keine Frage der Klugheit, sondern eine notwendige Entscheidung. Es geht natürlich nicht um die Abschaffung dieser Position, ganz im Gegenteil. Zum konkreten Vorfall kann ich aus arbeitsrechtlichen Gründen nichts sagen.
Umgekehrt steht die Rückkehr der Leiterin der Marbacher Literaturmuseen in der Kritik. Ein Teil der Mitarbeiter fühlt sich von ihr offenbar bedroht. Mit Edward Albee gefragt: Wer hat Angst vor Heike Gfrereis?
Sie ist ein großes kreatives Temperament und hat viel Energie. Das erschreckt vielleicht manche. Aber das ist eine Voraussetzung für die außergewöhnlichen Ausstellungen, für die Marbach bekannt ist. Diese haben zurzeit eine teamförmige Anlage und werden sich vielleicht auch noch weiter verändern. Heike Gfrereis hat mittlerweile mit Vera Hildenbrandt eine sehr starke zweite Persönlichkeit neben sich.
Wäre ein klarer Schnitt nicht besser gewesen?
Heike Gfrereis hatte einen Arbeitsvertrag, sie war lediglich beurlaubt und hatte das Recht, auf Ihre alte Stelle zurückzukommen. Hätte man da einen Einschnitt haben wollen, hätte das mein Amtsvorgänger tun müssen, vor dem Hintergrund von Erfahrungen mit ihr, die ich nicht habe. Das, was wir gemeinsam machen, sehe ich aber durchaus als einen neuen Ansatz: die Ausstellungen partizipativer anzulegen und zugleich die Analyse von Inhalt und Struktur der Texte zu stärken.
Wie wollen Sie wieder zusammenkommen?
Wir hatten nach diesen Konflikten Mitte Juli eine Mitarbeiterversammlung. Ich habe das als eine sehr produktive Auseinandersetzung empfunden. Ein Austausch von Argumenten darüber, was gut läuft, was wir verbessern müssen. Im Rahmen einer Aussprache mit dem Betriebsrat haben wir beschlossen, dass wir einen Prozess des Changemanagement brauchen, der in der zweiten Jahreshälfte beginnen soll.
Was spricht eigentlich dagegen, nach Marbach zu ziehen?
In modernen Familien kommt es vor, dass beide Teile an verschiedenen Orten sind. Die gegenwärtige Lebenssituation ist sicher nicht auf Dauer angelegt, langfristig möchte ich mich in Richtung Süden verändern. Zurzeit geht das noch nicht. Wir befinden uns in einer Übergangsphase. Aber ich habe eine Zweitwohnung in nächster Nähe zum Archiv, in der sich gerade meine Kinder aufhalten, und hoffentlich nichts anstellen.
Ihr Vorgänger war ähnlichen Anfeindungen ausgesetzt und ist heute noch in einen Prozess mit dem Haus verstrickt. Ist die Luft im Archiv besonders dick?
Vielleicht sind die Marbacher Querelen im positiven Sinne ein Ausdruck davon, dass man sich Kritik zutraut und selbstbewusst ist. Das DLA ist ein Ort, der Kritik auch aushält, weil es letztlich etwas gibt, was alle wieder zusammenhält, und das ist die Literatur.
Aber der Status der Literatur im Digitalen Zeitalter kann auch entzweien. Positionieren Sie sich in der dem Streit um Tradition und Moderne, analog oder digital zu einseitig?
Ich glaube nicht. Ich glaube, dass das Archiv in dieser Hinsicht gerne schon weiter wäre. Unsere Abteilung der wissenschaftlichen Datenverarbeitung beispielsweise ist fantastisch, aber sehr klein. Um so einen großen Prozess der Digitalisierung richtig in Gang zu bringen, brauchen wir an verschiedenen Orten zusätzliche Kompetenzen. Durch die Pandemie, die phasenweise Schließung des Hauses, sind wir zurückgeworfen worden. Das ist sicher ein Grund für eine gewisse Frustration.
Speist sich die Frustration aber nicht auch aus der Furcht, dass sich das Berufsbild verändert, dass die neuen Stellen an IT-Spezialisten gehen, nicht mehr an Geisteswissenschaftler.
Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind mit digitalen Anforderungen durch ihre Bibliothekarsausbildung bestens vertraut, andere sind neugierig, einige wenige bevorzugen vielleicht das analoge Material. Aber wir wollen in die Zukunft sammeln, wir wollen auch für Verlagskorrespondenzen per E-Mail und Literatur im Netz zuständig sein – für alles was Literatur ausmacht. Das wurde während der letzten Wochen in unseren internen Verständigungsprozessen immer wieder betont. Wir sehen, wie sich Literatur wandelt, jetzt noch einmal verstärkt in den Zeiten der Pandemie, wo Autoren via Social Media präsent sind oder über Twitch Lesungen anbieten.
Lebt ein Archiv nicht auch vom Unzeitgemäßen? Ist es nicht ein Ort, wo die Vergangenheit kritisch in Stellung gegen die Gegenwart gebracht wird?
Das Literaturarchiv hat ganz unterschiedliche Aufgaben, das Vorhandene erschließen, das Neue zu sichten und zu sammeln. Das sind interessante innere Spannungen. Das macht den Ort aus. In die Zukunft zu schauen und das Vergangene als Widerhaken dagegen zu setzen. Das versuchen die Ausstellungen zu verbinden, dieses Sich-Reiben an historischem Material macht den Ort so spannend.
Ist Ihnen angesichts der derzeitigen Schwierigkeiten bang mit Blick auf eine im Herbst anstehende externe Überprüfung der Organisationsstrukturen?
Das Deutsche Literaturarchiv konzentriert sich sehr auf die Rolle und Person des Direktors. Das halte ich für ein Haus in dieser Größenordnung nicht für gesund. Mir wäre es ein Anliegen, etwa mit den Abteilungsleitern mehr Verantwortung zu teilen. Vielleicht bedarf es einer anderen Struktur, etwa einer Doppelspitze – ich bin für Veränderungen offen.
Hatten Sie nicht zuletzt manchmal Lust, das Ganze hinzuschmeißen und an die Universität zurückzukehren?
Wir sind mit dem Reformprozess gut vorangekommen, das waren anderthalb intensive Jahre. Jetzt können wir in die genaue Konzeption und an die Umsetzung gehen. Wir müssen mit der Bauplanung schnell vorankommen, das ist essenziell für das Haus, damit es seinen Sammelauftrag weiter in herausragender Weise erfüllen kann. Da fände ich es voreilig von mir, wenn ich zu diesem Zeitpunkt auf die Kritik mit Rückzug reagieren würde.