Sangerhausen im Harz Besuch von einem Funktionär aus Berlin

Von Marco Lauer 

Es ist Herbst 1979, als man Heidi Stein und ihrem Mann ausrichten lässt, dass sie am nächsten Tag nicht zur Arbeit zu kommen brauchen. Sie sollen zu Hause bleiben. Ein Funktionär aus Berlin habe sich angekündigt, um sie über den neuesten Stand im „Fall Dirk“ zu informieren. Hoffnung keimt auf, aber sie hören nichts Neues von dem Mann. Dirk sei tot, sie sollten ihn endlich, nach einem halben Jahr, offiziell für tot erklären. Sie fragt ihn, ob man wirklich nichts gefunden habe, ob man nicht die Halter des Moskwitsch ermittelt habe. Ja, längst, aber die hätten es nicht nötig, ein Kind zu entführen. „Zum ersten Mal habe ich das Wort Entführung gehört“, sagt Heidi Stein, „obwohl ich es so gar nicht gemeint habe.“ Der Mann sagt beim Abschied: „Unterschreiben Sie die Todeserklärung.“

Nach dem Verschwinden von Dirk empfindet Heidi Stein diesen Besuch als zweiten Schlüsselmoment ihres Lebens. Von nun an ist sie sicher, dass die Stasi ihren Sohn entführt hat, dass er ein Fall von Zwangsadoption wurde, die unter DDR-Bürgern ein offenes Geheimnis war. Nur dass die meisten Kinder ihren Eltern, wenn diese nicht linientreu waren, schon kurz nach der Geburt weggenommen wurden.

Frührente wegen angegriffener Nerven

Die Familie stellt einen Ausreiseantrag, dessen Genehmigung sich über Jahre zieht und am Ende abgelehnt wird. Aber Heidi Stein will weiterkämpfen. Ihrem Mann kommen da zum ersten Mal Zweifel am Sinn dieses Kampfes. Der Tod von Dirk ist nun fast vier Jahre her – länger als er bei ihnen war.

„Zu dem Zeitpunkt konnte ich nicht mehr aufhören“, sagt Heidi Stein. Zu viel hatte sie investiert – Liebe, Zeit, unzählige Nächte, in denen sie wach lag und sich fragte, wie er lebt, ob er überhaupt noch lebt. Sie hat oft Schweißausbrüche wegen ihrer angegriffenen Nerven. Vor fünf Jahren ging sie deshalb in Frührente.

Als das Regime von den Hilferufen in den Westen erfuhr, verhaftete man die Schillers. Sie hatte gerade Claudia, die kleinere Tochter, in den Kindergarten gebracht. Ihr Mann saß schon im Wagen. Viereinhalb Jahre Bautzen wegen landesverräterischer Nachrichtenübermittlung, Paragraf 99: „Es ist ausdrücklich verboten, ausländischen Organisationen Informationen zukommen zu lassen, die zum Nachteil der Interessen der DDR gerichtet sind.“ Nach fünfzehn Monaten werden sie von der Bundesrepublik freigekauft und können im Mai 1985 mit den Kindern in den ersehnten Westen reisen. „Ein befreiendes Gefühl.“ Aber es hält nicht lang an.

Aktenstudium nach dem Fall der Mauer

Ende der 80er lassen sie sich scheiden. Er sagt zum Abschied: „Lass mich wissen, wenn du ihn gefunden hast.“ Sie arbeitet hart, erkämpft sich eine Stelle als Vertreterin für Putzmittel, lernt einen neuen Mann kennen, heiratet. Alles sollte gut sein, „für den Fall, dass er auf einmal wieder da ist“. Ihre Tochter Silvia zieht mit 17 Jahren aus. Dass immer wieder Dirk das Thema ist, erträgt sie nicht länger. Nach zehn Jahren ist die Frage „Wo ist Dirk?“ für sie verjährt. Die Suche ihrer Mutter gleicht für sie immer mehr einem Wahn.

Dann fällt die Mauer, und Heidi Stein fährt hinüber nach Magdeburg, wo die Akte über ihren Sohn einsehbar wird. Sie liest und liest, mehrere Hundert Seiten. Irgendwann stößt sie auf einen Satz, den die Zentrale Koordinierungsgruppe der Staatssicherheit in Berlin der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit in Leipzig schrieb. Es geht um den dunkelblauen Moskwitsch auf dem Parkplatz: „Bei möglicher Identifizierung sind keinerlei Maßnahmen einzuleiten. Fehlmeldung ist zu geben. Leiter der Abteilung Uhlmann, Oberst.“ Benommen verlässt sie das Gebäude. Es geht weiter.