Die Sanierung des Stuttgarter Opernhauses könnte den Oberen Schlossgarten auf Jahre hinaus zur Großbaustelle werden lassen. Nach StZ-Informationen denken die Träger daüber nach, an der Stelle des heutigen Eckensees eine Interimsoper bauen zu lassen.

Stuttgart - Nach dem Mittleren Schlossgarten, in dem die Bahn sich durch das Erdreich wühlt, droht auch der Obere Schlossgarten zur Großbaustelle zu werden. Am Montag befasst sich der Verwaltungsrat der Württembergischen Staatstheater erneut mit der Sanierung und Erweiterung des Opernhauses. Unabhängig von städtebaulichen, denkmalschutzrechtlichen und finanziellen Fragen steht eines jetzt schon fest: Für die Zeit der Sanierung des vom Architekten Max Littmann zwischen 1909 und 1912 errichteten Baus braucht die Stuttgarter Oper eine Ausweichspielstätte mit Bühne und 1400 Plätzen für die Besucher. Nach StZ-Informationen ist dafür ein bis zu fünf Stockwerke hohes Gebäude an Stelle des Eckensees im Gespräch, das für etwa fünf Jahre als Interimsquartier dienen soll.

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Dass die Oper sanierungsbedürftig ist, darüber besteht zwischen den Staatstheatern und den Trägern Stadt und Land Konsens. Ebenso klar ist mittlerweile, dass die ursprünglich veranschlagten 18 Millionen Euro allenfalls für eine Schmalspursanierung insbesondere der technischen Anlagen ausreichen würden. Ein Gutachten der Firma Kunkel Consulting, das die Staatstheater in Auftrag gegeben hatten, war im Sommer vergangenen Jahres zu dem Schluss gekommen, dass mehr als 300 Millionen Euro an Investitionen notwendig wären, um die Zukunftsfähigkeit des renommierten Opernhauses zu garantieren. Der geschäftsführende Intendant der Staatstheater, Marc-Oliver Hendriks, sprach gar von einem „großen Wurf für die nächsten hundert Jahre“.

Von bis zu 600 Millionen Euro ist die Rede

Mittlerweile sollen die kalkulierten Kosten für die Maximalvariante die 400-Millionen-Euro-Grenze überschritten haben. Insider gehen freilich aufgrund von Erfahrungswerten – etwa beim Neubau der John-Cranko-Ballettschule am Urbansplatz und der Sanierung des Schauspielhauses – davon aus, dass es auch bei dieser Summe nicht bleiben wird. Von bis zu 600 Millionen Euro ist die Rede, es gebe vor allem bauliche und somit finanzielle Unwägbarkeiten bei der Sanierung des mehr als 100 Jahre alten Littmanbaus. Die Befürchtungen sind groß, dass das Projekt zu einem Fass ohne Boden werden könnte. Stadt und Land, so ist es im Staatsvertrag vereinbart, teilen sich die Finanzierung zur Hälfte.

Was ist umstritten, was ist konsensfähig?

Worum geht es und wo liegen die Hauptknackpunkte des Projekts?

Im Kunkel-Gutachten ist ein Flächenbedarf von insgesamt rund 13 000 Quadratmeter für Proberäume, Büros, Werkstätten und Chorsaal aufgelistet. Auch die Gastronomie und die Toilettenanlagen im Littmann-Bau seien nicht mehr zeitgemäß und müssten erweitert werden. Um diesen Mangel auszugleichen, schlägt die Expertise Neubauten auf dem Parkplatz vor dem Landtag, die Überbauung des Theaterinnenhofs, die Überbauung eines Parkplatzes am Königin-Katharina-Stift unter „Integration“ der dortigen Turnhalle sowie eine Ausdehnung des Kulissengebäudes bis zur Kante der Konrad-Adenauer-Straße vor.

Konsensfähig ist die Erweiterung des Kulissengebäudes. Der schmucklose Betonbau aus den 1960-er Jahren gilt ohnehin als städtebaulicher Schandfleck und könnte im Zuge der Erweiterung abgerissen und ganz neu gebaut werden. Die Erweiterung würde zirka 6000 Quadratmeter zusätzlich erbringen. Bei der Überbauung des Theaterinnenhofs (150 Quadratmeter) einschließlich des sogenannten Böhm-Pavillons (1500 Quadratmeter) hätten freilich die Denkmalschützer ein Wörtchen mitzusprechen. Vom Tisch ist nach StZ-Informationen dagegen die noch im Gutachten vorgeschlagene Überbauung der Turnhalle am Königin-Katharina-Stift: Unter der Baufläche liegt eine Fernwärmestation der EnBW, die jederzeit zugänglich sein muss. Das Gymnasium steht zudem selbst unter Denkmalschutz, die neue Turnhalle musste deswegen tiefergelegt werden.

Horrorvorstellung für Denkmalschützer

Ersatzweise wird nun über einen Neubau auf dem Parkplatz auf der Westseite der Schule spekuliert, der vor allem von den Beschäftigten der Staatstheater genutzt wird (rund 2000 Quadratmeter). Um Platz für eine 350 Quadratmeter große Seitenbühne zu schaffen, könnte zudem die Fassade an der Südseite der Oper aufgemacht und in Richtung Landtag verschoben werden – für Denkmalschützer eine Horrorvorstellung. Summa summarum ergäbe sich daraus eine zusätzliche Fläche von knapp 10 000 Quadratmetern.

Eine Überbauung des Parkplatzes zwischen Oper und Landtag wird dagegen aus städtebaulichen und denkmalschutzrechtlichen Gründen von Stadt und Land abgelehnt. Nach StZ-Informationen hat die Stadtverwaltung kurzzeitig eine teilweise Überdeckelung der Konrad-Adenauer-Straße erwogen, um Platz für die Oper zu schaffen. Diese Idee hat man mittlerweile wegen der daraus resultierenden verkehrstechnischen Problemen ad acta gelegt.

Was passiert während der Bauzeit?

Für drei bis fünf der insgesamt auf sieben Jahre kalkulierten Sanierungsdauer müssten Ballett und Oper in ein anderes Gebäude ausweichen, um weiterhin Einnahmen zu generieren. Um von der Sanierung nicht betroffene Räume weiter nutzen zu können, wäre eine Ausweichspielstätte in unmittelbarer Nähe zum Littmann-Bau aus Sicht der Staatstheater optimal. In Ermangelung anderer Flächen soll daher der Eckensee trockengelegt und an seiner Stelle ein den akustischen und optischen Ansprüchen einer Oper genügender, bis zu fünf Stockwerke hoher provisorischer Bau erstellt werden. Damit wäre freilich der Obere Schlossgarten als attraktives Naherholungsgebiet für die Bürger und als Ort für Events wie das Stuttgarter Sommerfest für Jahre passé. Alternativ dazu wäre auch der vorübergehende Umzug der Spielstätte in die Region denkbar. Doch auch dort sind Gebäude, die über die entsprechende Infrastruktur für eine Opern- oder Ballettaufführung verfügen, rar gesät. Über eine Möglichkeit wird dennoch diskutiert: das Forum am Schlosspark in Ludwigsburg.

Mindestens sieben Jahre Bauzeit

Da sich die Bauzeit auf mindestens sieben Jahre erstreckt, müssten Stadt und Land ihren jeweiligen Finanzierungsanteil von 50 Prozent nicht auf einen Schlag aufbringen – und das auch nicht sofort, da der Baubeginn frühestens 2019/2020 sein dürfte. Just zu diesem Zeitpunkt wird allerdings beim Land die beschlossene Schuldenbremse wirksam. Die mittelfristige Finanzplanung der Stadt ist gegenwärtig zwar angespannt, doch in einigen Jahren dürfte die aufwendige Schulhaussanierung, die viele Mittel bindet, beendet sein. Zudem rechnet die Stadt in drei Jahren mit einer Einmalzahlung von der Landesgesellschaft GPBW – einer Art Bad Bank – in Höhe von etwa 200 Millionen Euro. Es handelt sich dabei um seit 2014 angesammelte Provisionszahlungen für Bürgschaften. Über diese Gesellschaft sind 2009 zur Absicherung von Verlustbeträgen aus risikobehafteten Wertpapieren der LBBW Garantien von 12,7 Milliarden Euro abgeschlossen worden. Die Stadt ist mit 18,9 Prozent beteiligt. Dem Vernehmen nach will der Verwaltungsrat am Montag lediglich Prüfaufträge für die einzelnen Varianten vergeben. Bis zum Herbst soll die federführende Landesbauverwaltung die Pläne und vor allem die Kosten für die Um- und Neubauvorhaben konkretisieren. Doch die öffentliche Diskussion über Art und Ausmaß der Opernsanierung – sie ist ab sofort im Gang.