Meinungsumfragen sind meist nur Momentaufnahmen. Und doch bereitet das Resultat oft Aufregung – so auch bei zwei demoskopischen Erhebungen aus jüngster Zeit. Da wollte zum einen der Steuerzahlerbund von den Bürgern in Baden-Württemberg und Stuttgart per Online-Votum wissen, ob sie die bisher mit knapp über einer Milliarde Euro kalkulierte Opernsanierung zu teuer finden und deshalb neu geplant werden solle. Das Ergebnis: Mehr als 70 Prozent der 2000 Befragten plädierten für eine Neuplanung. Dann ist da der jüngste Baden-Württemberg-Trend des Meinungsforschungsinstituts Insa, der die CDU im Land in der Wählergunst vor den Grünen sieht.
Bekanntlich sind die Christdemokraten im Landtag– anders als im Gemeinderat – ebenfalls für die Prüfung kostengünstigerer Opernvarianten, wurden aber von Regierungschef und Opernfreund Winfried Kretschmann (Grüne) fürs Erste zurückgepfiffen. Doch was passiert, wenn Kretschmann wie erwartet bei der Landtagswahl 2026 nicht mehr antritt? Könnte der Grundsatzbeschluss, mit dem sich die Träger Stadt und Land zur Sanierung der Stuttgarter Staatsoper bekannt haben, noch einmal gekippt werden? Eine Bestandsaufnahme.
Wie ist die Ausgangslage?
Nach jahrelangen kontroversen Debatten über die Sanierung und Erweiterung des denkmalgeschützten Littmann-Baus und den Bau einer Interimsspielstätte hatten Stadt und Land im vergangenen Jahr den Weg für die Planung freigegeben und dafür eine Summe von jeweils 13,5 Millionen Euro bereitgestellt. Laut einer Grobkostenschätzung aus 2019 werden für die Sanierung der Oper einschließlich Abriss und Neubau des Kulissengebäudes sowie den Bau einer Übergangsspielstätte beim Kulturzentrum Wagenhallen über eine Milliarde Euro veranschlagt. In der Summe enthalten waren Baupreissteigerungen von drei bis vier Prozent pro Jahr sowie ein Risikozuschlag von 30 Prozent für Unvorhergesehenes. Corona und der russische Überfall auf die Ukraine waren nicht vorhersehbar: Seitdem explodieren die Bau-, Rohstoff- und Energiepreise, die Lieferketten sind gestört, die Inflation steigt rasant. Gegenüber unserer Zeitung hatten Projektinsider im Mai Mehrkosten von bis zu 500 Millionen Euro prognostiziert, wenn diese Entwicklung länger anhalten sollte.
Wie steht es um die Finanzierung?
Die Co-Finanziers Land und Stadt spielen im wahrsten Sinne des Wortes auf Zeit: Bei einer angenommenen Dauer von bis zu 16 Jahren bis zum Abschluss der Sanierung gehe es um Jahresbeträge, „die darstellbar sind“, erklärte jüngst der Kulturstaatssekretär und frühere Regierungssprecher Arne Braun (Grüne) in einem Zeitungsinterview. Bei der Stadt sieht man das ähnlich: Auch die derzeitigen extremen Baupreisteigerungen würden sich irgendwann wieder auf einem bestimmten Niveau einpendeln, das wohl über den angenommenen drei bis vier Prozent liegen werde, aber nicht mehr wie derzeit bei 14 oder 15 Prozent, hofft man im Rathaus. Zudem erstrecke sich die Gesamtinvestition über eineinhalb Jahrzehnte. Die Umfrage des Steuerzahlerbundes wird vor diesem Hintergrund wahlweise als „unseriös“ oder als „Stimmungsmache“ klassifiziert, die der Komplexität des Themas nicht gerecht werde. Genauere Kosten seien erst zu ermitteln, wenn das Projekt das Stadium der Entwurfsplanung erreicht habe. „Dann kommt es zum Schwur“, sagt ein Eingeweihter. Ob der eingepreiste Risikozuschlag ausreicht, um Mehrkosten aufzufangen, darauf will niemand wetten.
Wie laufen die Vorbereitungen?
Bevor mit der eigentlichen Sanierung des Littmann-Baus begonnen werden kann, muss die Ausweichspielstätte bei den Wagenhallen stehen. „Der EU-weite Realisierungswettbewerb dafür ist dieser Tage ausgeschrieben worden“, sagt der städtische Hochbauamtsleiter Peter Holzer. Am Ende werden 20 Architektur- und Planungsbüros dem Preisgericht am 19. Juni 2023 ihre Entwürfe präsentieren. Der Sieger kann dann voraussichtlich 2024 mit dem Bau loslegen, das Interim dürfte dann wohl 2028 in Betrieb gehen. Parallel zum Wettbewerb läuft das Bebauungsplanverfahren für das sogenannte Teilgebiet C 1 des künftigen Rosensteinviertels. Auf dem Areal der späteren Maker-City, einer Art Kreativquartier, sollen neben der eigentlichen Spielstätte auch Gebäude errichtet werden, die übergangsweise von der Oper genutzt werden, anders als der Opern-Modulbau nach der Interimszeit aber stehen bleiben.
Auch die Planung für den Erweiterungsbau des Kulissenlagers an der Cannstatter Zuckerfabrik, der ebenfalls 2028 verfügbar sein soll, läuft. Allerdings muss die Stadt zunächst noch das dafür notwendige Grundstück eines dort ansässigen Backtechnik-Produzenten erwerben. Dem Vernehmen nach sind die Verhandlungen weit gediehen, die Preisvorstellungen liegen freilich noch auseinander. Erst wenn die Halle an der Zuckerfabrik steht, kann das wuchtige Kulissengebäude an der Konrad-Adenauer-Straße einem schlankeren Neubau weichen.
Wie geht es weiter?
Am 28. November tagt der Verwaltungsrat der Württembergischen Staatstheater. Im Mittelpunkt steht dabei die von Stadt und Land für Anfang 2023 angestrebte Gründung einer gemeinsamen Opernprojektgesellschaft, die nach dem Muster der Messeprojektgesellschaft das Mammutprojekt steuern und betreuen soll. Deren Hauptaufgabe dürfte die Vorbereitung und Durchführung eines Architektenwettbewerbs für den Opernstandort am Eckensee sein, der für 2025 vorgesehen ist. Nach Informationen unserer Zeitung haben Personalvermittlungsagenturen bereits mit der Rekrutierung von Mitarbeitern für die Gesellschaft begonnen, auch ein Geschäftsführer soll bis Sommer 2023 bestellt werden. 2028 könnte die auf zehn Jahre veranschlagte Sanierung und Erweiterung der denkmalgeschützten Staatsoper dann beginnen. Dass der Ausgang der Landtagswahl 2026 das Projekt noch einmal grundsätzlich infrage stellen könnte, wird im Rathaus und in Regierungskreisen angesichts des bis dahin fortgeschrittenen Projektstadiums als äußerst unwahrscheinlich eingestuft.