Jahrzehntelang lag der Fruchtkasten, das nach der Stiftskirche zweitgrößte historische Gebäude in Herrenberg im Dornröschenschlaf. Im vorerst letzten Kapitel seiner wechselvollen Nutzungsgeschichte diente er dem Stadtarchiv als provisorisches Lager für allerlei historische Gerätschaften und Gegenstände. Zuvor war er bereits Getreidespeicher – daher auch der Name – und später wurde er unter anderem als Eiskeller genutzt.
Jetzt soll das denkmalgeschützte Gebäude, das wohl in den Jahren 1683 und 1684 errichtet wurde, als Ort der Kultur und Begegnung wieder mit Leben erfüllt werden.
Dekaden der Diskussion und immer wieder verworfener Pläne waren dem vorausgegangen. „Dies ist ein ganz besonderer Tag für Herrenberg“, ist Oberbürgermeister Thomas Sprißler bei der Grundsteinlegung überzeugt. Denn auch wenn es in Summe „das finanziell größte Projekt in der Stadtgeschichte“ sein wird, sei dieses „wichtig und richtig“. Denn der Fruchtkasten soll zukünftig im Südosten der Altstadt „als Anker für eine Vitalisierung“ dienen: Magnet, Frequenzbringer und öffentliche Anlaufstation soll er gleichermaßen sein.
Nach der jüngsten Vergaberunde steht die Gesamtsumme für das Vorhaben bei rund 14,5 Millionen Euro. Eine weitere Erhöhung auf etwa 15 Millionen Euro scheint aufgrund der allgemeinen Baupreissteigerung wahrscheinlich. Die Stadt muss die Belastung jedoch nicht allein stemmen: Fix sind vier Millionen Euro, die aus dem Bundesprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“ kommen. Der Fruchtkasten ist dort als „Premiumprojekt“ gelistet. Weitere etwa 2,7 Millionen Euro kommen aus der Städtebauförderung des Landes hinzu. Da es sich dabei um eine prozentuale Förderung handelt, steigt diese Unterstützung bei weiteren Mehrkosten an.
Neben einer modernen und interaktiven Dauerausstellung rund um die Herrenberger Stadtgeschichte sowie innovativen Wechselausstellungen finden ein Café, ein Laden für regionale Produkte, eine Touristeninformation sowie Veranstaltungs- und Büroräume in dem zukünftigen multifunktionalen Gebäude Platz.
Eine Nachricht in die Zukunft schicken
Der Startschuss für dessen Sanierung und Umbau erfolgte bei der symbolischen Grundsteinlegung am frühen Dienstagnachmittag im Beisein zahlreicher geladener Vertreterinnen und Vertreter aus Stadtgesellschaft und Kommunalpolitik. Dabei präsentierte Sprißler einen rund 30 Zentimeter langen, glänzenden Stahlzylinder. Diese Zeitkapsel versenkte er gemeinsam mit Jörn Küsters vom Stuttgarter Architekturbüro Atelier Brückner in einer bereits vorhandenen Baugrube im Erdgeschoss des Fachwerkgebäudes, genauer gesagt im Bereich des Steinhauses. Denn der Fruchtkasten wurde ursprünglich über das älteste Gebäude der Stadt aus dem 13. Jahrhundert gebaut und in ihn integriert.
Unter anderem sind eine aktuelle Tageszeitung sowie eine in diesem Jahr herausgegebene 20-Euro-Sammlermünze zum 400. Jubiläum der Erfindung der Rechenmaschine durch den Herrenberger Universalgelehrten Wilhelm Schickard in der nun vergrabenen Kapsel enthalten. Sprißler hofft, „dass sie dort viele Jahrhunderte bleiben wird“. Der Rathauschef zeigte sich „unendlich dankbar“ darüber, dass der Gemeinderat 2018 den Grundsatzbeschluss pro Wiederbelebung gefasst hat.
Aufgrund der Diskussionen, die das Projekt angesichts der aktuellen Haushaltslage mit sich bringt, erinnerte Sprißler daran, dass es ähnliche Debatten auch vor dem Umbau der Hofscheuer gab. Was für das damals auf gut Schwäbisch „alte Glomp“ gegolten habe, das inzwischen über 20 Jahre als Ensemble mit VHS und Stadtbibliothek immer noch alle begeistere, werde aus seiner Sicht auch beim Fruchtkasten so sein. Aktuell rechnet Jörn Küsters vom Atelier Brückner damit, dass Sanierung und Umbau Ende 2025 abgeschlossen sein könnten.