In Weil der Stadt wird die seit einem Jahrhundert verlassene Türmerwohnung saniert. Das Projekt birgt ungeahnte Herausforderungen, um Geschichte zu bewahren.
Ralf Recklies
14.04.2026 - 16:28 Uhr
Leben über den Dächern der Stadt: Heutzutage ist das meistens ein Luxus, in früheren Jahrhunderte war es eher eine karge und vor allem kalte Angelegenheit. So auch in Weil der Stadt, wo an der Spitze der Pfarrkirche Peter und Paul einst der Türmer lebte. Seit knapp 100 Jahren ist die kleine Wohnung verwaist. Doch bald soll im Dachgeschoss des Turmes wieder mehr Betrieb herrschen.
Einen kleinen Einblick, was dort geplant ist, gaben jetzt der Pfarrer Martin Gruber und der Sanierungsprojektleiter Martin Buhl. Als langjähriger CDU-Stadtrat fühlt er sich der Geschichte seiner Heimatstadt besonders verbunden.
Die Verantwortlichen hatten gehofft, ihre Gäste, darunter Bürgermeister Christian Walter, in luftiger Höhe mit bereits eingebauten Fenstern willkommen heißen zu können. Doch die Produktion der Fenster, die nach Vorgaben des Denkmalschutzes in Einfachverglasung gefertigt werden, lassen auf sich warten. Dennoch sei man mit dem gesamten Projekt innerhalb des vergangenen Jahres gut voran gekommen, sagt Buhl.
Pfadfinder tragen Schutt und Baumaterial über die steile Treppe
Dies auch dank vieler fleißiger Hände. So hätten unter anderem die Pfadfinder Gerümpel und Bauschutt auf Rückentragen über die steilen Treppen von der Türmerwohnung nach unten geschafft – und Baumaterial nach oben. Eine besondere Herausforderung war für das Sanierungsteam ein 2,8 Tonnen schwerer Stahlträger, der quer durch die Türmerwohnung ging. Der sei einst eingebaut worden, um die Kirchenglocken anzuheben, als der hölzerne Glockenstuhl gedreht werden mussten.
Der Türmer musste Weil der Stadt gut im Blick haben. Foto: Ralf Recklies
Erneut war der Statiker und Architekt von einst gefordert, diesmal, um den Träger wieder zu entfernen. „Wir haben den Stahlträger in Einzelstücke zu je 84 Kilo zerkleinert“, erläuterte Bernhard „Jimmy“ Schmid. Es gehe nicht darum, eine wieder bewohnbare Türmerwohnung zu schaffen, „es geht um eine Konservierung“, so Pfarrer Gruber, „damit alles alt aussieht“.
Die Wohnung, in der zuletzt August Lutz als Türmer von 1907 bis 1928 gelebt und gewirkt hatte, steht seit fast 100 Jahren leer. Sie war seit Mitte des 16. Jahrhunderts ständig bewohnt gewesen, „365 Tage im Jahr, rund um die Uhr“, sagt Martin Buhl. Denn der Türmer habe dort unter anderem Brandwache gehalten. Viele der Türmer, die einst hoch über Weil der Stadt residierten, haben sich mit ihren Namen auf Wänden verewigt. Auch dieses besondere Zeitzeugnis werde erhalten.
Nur das kleine Schlafzimmer des Türmers war beheizbar
Überhaupt würden einzelne Wandschichten erhalten und nicht in historischer Bauweise verputzt. Nur so könne man die Geschichte bewahren und für die Nachwelt erlebbar machen. Neben der eigentlichen Stube und dem Dienstzimmer der Türmer gibt es ein kleines Schlafzimmer, das früher beheizbar gewesen ist. Alle anderen Räume seien damals kalt geblieben. Angesichts der kühlen Witterung, die beim Ortstermin vorherrschte, konnten sich die Besucher einen Eindruck davon verschaffen, wie unwirtlich das Leben der Türmer damals gewesen sein muss.
Ein Wanderfalke verzögert die Sanierung in Weil der Stadt
Der Start der Sanierungsarbeiten war ernüchternd gewesen: „Alles war schlechter und katastrophaler, als man es vermutet hat.“ Doch inzwischen sind Martin Buhl und seine Mitstreiter guter Dinge, dass die Arbeiten im kommenden Jahr abgeschlossen werden können. Sie müssten aber zeitweise eingestellt werden, weil ein Wanderfalke auf dem Turm nistet – „das ist eine absolute Besonderheit“. Zum Schutz der Vögel herrscht bis Mitte Juli eine Schonphase.
„Im Herbst geht es dann wieder weiter“, so Buhl. Dann wird unter anderem der Außenraum verputzt und der Treppenaufgang mit mehr Licht und Geländern versehen, sodass künftig auch hin und wieder Besucher in die Türmerwohnung geführt werden könnten.