Sinan Dillek ist stolz, ein Teil der Stadt Stuttgart zu sein. Von manchen Menschen, die die Toiletten nutzen, würde er sich jedoch mehr Respekt wünschen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Kot, Erbrochenes und Gestank gehören zu Sinan Dilleks Berufsalltag. Der Sanitärreiniger putzt für die AWS öffentliche Toiletten in Stuttgart. Eindrücke eines herausfordernden Jobs.
Es ist noch früh am Morgen, als wir auf dem Betriebshof der Abfallwirtschaft Stuttgart (AWS) in Stuttgart-Münster ankommen. „Wir alle sind die AWS!“ kündigt ein riesiger bunter Graffiti-Schriftzug an der Wand des Gebäudes an. Bei jenen, die damit gemeint sind, herrscht schon geschäftiges Treiben – im Verwaltungsgebäude wird der Tag geplant, um Stuttgart sauber zu halten.
In der Kaffeeküche gleich nebenan wärmen sich Reinigungskräfte, Verwaltungsangestellte und Handwerker bei einem Kaffee auf. Hier begrüßt man sich mit Handschlag, dort mit einem Schulterklopfen. Unter den 21 Mitarbeitenden der Abteilung Öffentliche Toilettenanlagen (ÖTA) ist auch der 46-jährige Sinan Dillek. Der zweifache Familienvater arbeitet als Sanitärreiniger beim städtischen Reinigungsdienst AWS und putzt Toilettenanlagen – ganze 73 gibt es davon in Stuttgart und der Umgebung. Das AWS-Team kümmert sich um die 44 konventionellen Anlagen. Dazu kommen etwa 26 Automatik-Anlagen, die sich selbst reinigen, jedoch vom Team kontrolliert werden. An diesem Morgen im Dezember nimmt uns Sinan Dillek mit auf Tour zu drei der 44 Toiletten, bei denen Handarbeit gefragt ist.
Toiletten reinigen in Stuttgart – jeder Tag ist anders
Auf dem Plan der Frühschicht, die an diesem Tag von sechs Uhr morgens bis 14.45 Uhr am Nachmittag dauert, stehen die Toiletten in der Arnulf-Klett-Passage am Stuttgarter Hauptbahnhof, am Charlottenplatz und in der Eichstraße. Nach einem ersten Stopp am Morgen folgen bis zum Nachmittag zwei weitere Kontrollen und Reinigungen derselben Anlagen, wenn Sinan Dillek die Runde noch zweimal in einer sogenannten „rollierenden Tour“ wiederholt. Was ihn in den Anlagen erwartet, weiß er vorher nie.
Doch der Reihe nach: Beim Start in der Betriebsstelle in Münster füllt der 46-Jährige im Auto noch schnell sein Tagesbericht-Formular aus – die Kilometerstände müssen schließlich stimmen und auch welches Auto er für die Tour nutzt, wird dokumentiert. Dann geht’s los zum Hauptbahnhof. „Das Praktische ist, mit dem Auto der Stadt kann ich fast überall parken“, erklärt er schmunzelnd, als wir ankommen. In seinem vorigen Job war das nicht so einfach. Der 46-Jährige stammt ursprünglich aus der Türkei, kam 1999 nach Deutschland und hat sich hochgearbeitet. Bevor er zur AWS kam, arbeitete er als Handwerker, war zuletzt als Stuckateur in Stuttgart tätig.
Ankunft am Hauptbahnhof: Mit dem Fahrzeug der Stadt kann Sanitärreiniger Sinan Dillek fast überall parken. Foto: Scheffel/StZN
Ein Arbeitsunfall machte ihm im letzten Jahr dann jedoch einen Strich durch die Rechnung – an schwere körperliche Arbeit auf Gerüsten und an Hausfassaden war erst einmal nicht mehr zu denken. Über den Reinigungsjob seiner Frau in den Büros des Betriebshofs in Münster kam er schließlich selbst zur AWS. „Ich habe meiner Frau ab und zu geholfen, in der Betriebsstelle zu putzen, habe mich mit den Mitarbeitern hier gut verstanden – das haben die Chefs mitbekommen“, erzählt er. Diese legen ihm eine Bewerbung nahe. Der 46-Jährige kommt dem nach – mit Erfolg. Mit seiner positiven, anpackenden Art und seinem Know-how kann er die Vorgesetzten überzeugen. Seit Februar 2025 ist er nun für die AWS tätig.
Kot, Blut, Erbrochenes und Spritzen – der Job ist nichts für schwache Mägen
Damals ist Sinan Dillek noch nicht klar, was ihn auf den Touren durch Stuttgarts Toilettenlandschaft alles erwartet. Heute kann ihn kaum noch etwas schocken: Von kotverschmierten Toiletten, Blut und Drogenspritzen – in den Sanitäranlagen hat er schon vielen menschlichen Abgründen ins Gesicht geblickt.
Ausgestattet mit Handtuch, Handschuhen und Hochdruckreiniger rückt der 46-jährige den Widrigkeiten auf die Pelle – so auch an diesem Morgen. Wie jeden Tag steht zu Tagesbeginn eine Grundreinigung an. Denn obwohl Dilleks Kollegen in der Spätschicht erst am Vorabend unterwegs waren, gibt es morgens um sieben Uhr schon wieder genug zu tun.
Die Damentoilette in der Arnulf-Klett-Passage: Graffiti, Binden und eine verschmutzte Toilettenschüssel warten auf den Sanitärreiniger. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Die Toilettenanlage in der Arnulf-Klett-Passage am Stuttgarter Hauptbahnhof ist nichts fürs schwache Nerven – und Mägen. Beim Betreten empfängt uns ein stechender Uringeruch, eine Toilettenkabine ist kotverschmiert, blutige Damenbinden liegen in der Kabine verteilt. Im Vorraum stehen leere Flaschen und Verpackungen herum. „Das heute ist noch eher eine Kleinigkeit“, so der Sanitärreiniger. „Aber ich bin immer noch jeden Tag überrascht, worauf die Leute kommen.“ Kotspritzer, Graffiti, Erbrochenes oder Spritzen – das alles sei keine Seltenheit. Manchmal dürfe er gar nicht darüber nachdenken, was ihn erwarte, sonst werde ihm übel.
Toilettenreinigen in Stuttgart – auch mental eine Herausforderung
Gab es Situationen, in denen der Sanitärreiniger im wahrsten Sinne des Wortes das Handtuch werfen musste? „Ich bin eine Kämpfernatur“, sagt Sinan. „Ich musste schon oft kurz raus aus der Toilette und durchatmen. Dann habe ich mich aber immer überwunden und mir gesagt: „Du bist hier zum Putzen und du schaffst das.“ Das kann nicht jeder. Kollegen hätten auch schon abgebrochen. „Man braucht gute Nerven für den Job, sollte mental stabil sein – und kein Problem mit üblen Gerüchen haben.“ Bei der Arbeit gehe man immer wieder über seine Grenzen hinaus – aber man gewöhne sich auch daran und härte ab, so Sinan Dillek.
Die „positive“ Art, von der seine Vorgesetzten gesprochen haben, bemerken auch wir auf dem Termin mit dem 46-Jährigen. So dreckig und unangenehm die Situation auch sein mag, Sinan Dillek behält die Nerven, hat immer ein Lächeln auf den Lippen, immer einen lustigen Spruch parat.
In der Passage am Hauptbahnhof muss Sinan Dillek nun erst einmal dafür sorgen, dass Passanten, die sich noch auf der Toilette befinden, den Bereich für die Zeit der Reinigung verlassen. Das sei nicht immer einfach, erzählt er. „Es ist immer ein Kampf. Wenn ich nicht abschließe, kommt trotz Reinigung ständig jemand rein“, sagt er. „Das geht aus Sicherheitsgründen nicht, denn der Boden ist nass – aber auch, weil ich mich schützen muss.“
Reaktionen der Passanten nicht immer positiv
Während Sinan Dillek die Reinigung vorbereitet und seine Materialien bereitstellt, kommen immer wieder Passanten vorbei, die die Toiletten nutzen wollen. Der Sanitärreiniger vertröstet sie mit freundlichen Worten, bittet darum, abzuwarten, bis geputzt ist. Die meisten Passanten reagieren an diesem Morgen mit Verständnis. Es geht aber auch anders, erzählt der 46-Jährige. Er berichtet von Situationen, in denen sich Leute beispielsweise in einer Toilettenkabine eingeschlossen hatten oder aggressiv geworden sind. „Das kann auch schon mal gefährlich werden, wenn die Leute randalieren“, sagt Sinan Dillek.
„Wenn die Leute dankbar sind, weiß man, was man geleistet hat“
Ob er das Gefühl hat, dass die Leute seiner Arbeit Respekt entgegenbringen? „Teils, teils“, so der Sanitärreiniger. „Es gibt Leute, die zeigen sich dankbar, dass wir hier putzen. Andere beschimpfen mich aber, wenn sie nicht gleich auf die Toilette können.“ Von der Dankbarkeit würde sich der 46-Jährige, der seinem Job jeden Tag mit Gewissenhaftigkeit und Durchhaltevermögen nachgeht, manchmal etwas mehr wünschen: „Wenn die Leute dankbar sind, weiß man, was man geleistet hat und fühlt sich gesehen.“
Während der Reinigung sperrt Sinan Dillek die Toilette für ab. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Doch zur Realität gehört auch, dass viele Menschen darauf keine Rücksicht nehmen. Zur Sicherheit schließt Sinan deshalb während der Reinigung die Toiletten für Männer und Frauen ab, sodass niemand mehr Zutritt hat.
Ausgestattet mit Hochdruckreiniger und Reinigungsmittel geht er anschließend durch die zwei Räume. Mehrere Graffiti, die in der Nacht in den Kabinen gesprayt wurden, müssen entfernt werden. Ein schwieriges Unterfangen, denn die Farbe haftet fest an der Kabinenwand und das ätzende Reinigungsmittel darf nicht auf die Haut kommen, zudem kommt ein stechender Geruch. Neben Handschuhen trägt Sinan deshalb auch eine Schutzmaske. Er muss vollen Körpereinsatz zeigen.
Benutzte Spritzen auf Stuttgarter Toiletten
Zur Reinigung einer Toilette braucht der 46-Jährige etwa ein bis zwei Stunden – je nachdem, wie umfangreich die Arbeiten sind, die vorgenommen werden müssen. Dabei gebe es von Standort zu Standort unterschiede, erzählt der Sanitärreiniger. „Die Toiletten am Hauptbahnhof sind die schlimmsten – da ist man nach der Reinigung teils wirklich erschöpft“, erklärt er. Zudem finde man hier am häufigsten benutzte Spritzen von Drogenabhängigen. Doch auch die Sanitäranlagen am Charlottenplatz, am Feuersee oder in Bad Cannstatt seien diesbezüglich problematisch.
Sinan Dillek braust die Toilette mit einem Hochdruckreiniger ab. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Warum hinterlassen die Menschen Toiletten auf diese Art und Weise? Diese Frage stellt sich auch der 46-Jährige häufig. Doch er sagt: „Ich habe Mitleid mit den Menschen, die so etwas hinterlassen. Er frage sich auch, „wieso es den Leuten zum Teil wohl Spaß macht, die Klos zu verschandeln“, sagt er. „Was haben die Leute davon, wenn die Reinigungskraft darunter leidet? Was haben sie davon?“
„Ohne uns würde vieles in der Stadt nicht funktionieren“: Dillek wünscht sich mehr Respekt
Wer eine Toilette wie hier verschmutze, der bestrafe nicht nur die Reinigungskräfte, sondern auch alle Bürgerinnen und Bürger der Stadt, die die Toiletten nutzen wollen. Sinan Dillek appelliert deshalb an die Menschen in Stuttgart, dabei mitzuhelfen, die öffentlichen Anlagen möglichst sauber zu halten. „Ich würde mir von den Leuten wünschen, dass sie ein bisschen mehr Respekt uns und anderen Bürgern gegenüber zeigen“, sagt er.
Er sei nicht stolz darauf, Klos zu putzen. Aber: „Es macht mich stolz, einer der Mitarbeitenden der AWS und damit ein Teil dieser Gemeinschaft zu sein. Ohne uns würde vieles in der Stadt nicht funktionieren.“
Stadt Stuttgart baut öffentliche Toiletten aus – mehr Barrierefreiheit
Damit das auch so bleibt, setzt die Stadt Stuttgart für die Zukunft nicht nur auf engagiertes Personal wie Sinan Dillek und einen respektvollen Umgang seitens der Bürgerinnen und Bürger mit den öffentlichen Toiletten – sie plant zudem den Ausbau bestehender Sanitäranlagen.
Bis zum Jahr 2028 sollen laut Angaben der Stadt elf bestehende Toiletten so umgebaut werden, dass sie barrierefrei nutzbar sind. Sieben weitere Standorte, die technisch nicht mehr sanierbar sind, erhalten demnach einen Ersatzneubau mit modernen, barrierefreien Toiletten, deren Größe und Ausstattung auf den jeweiligen Standort abgestimmt sind. Zudem sollen vierzehn weitere Toilettenanlagen modernisiert und unter anderem durch Notrufsysteme ausgestattet werden. Damit will die Stadt insgesamt rund 30 Anlagen barrierefrei- oder freundlicher nutzbar machen.
Die Arbeiten sollen laut Angaben der Stadt schrittweise im laufenden Betrieb erfolgen. Für alle Maßnahmen stellt die Stadt insgesamt 3,3 Millionen Euro bereit. Umgesetzt werden sollen diese ab dem kommenden Jahr 2026 bis 2028. Die Finanzierung soll über die Wirtschaftspläne der Stadt erfolgen.
Trotz dieser Entwicklungen gibt es laut AWS immer wieder Beschwerden seitens Bürgerinnen und Bürgern, die die Sauberkeit in öffentlicher Toiletten bemängeln, heißt es auf Anfrage seitens der AWS-Abteilung Öffentliche Toilettenanlagen (ÖTA). Man versuche die Anlagen nach bestem Wissen und Gewissen und im Rahmen der personellen Möglichkeiten sauber zu halten, heißt es. Entsprechend könnten nicht alle Toiletten in rollierenden Touren, wie etwa die stark frequentierten Anlagen am Hauptbahnhof oder dem Charlottenplatz, mehrfach am Tag gereinigt werden. Dennoch bemühe man sich bei jeder Reinigung um höchstmögliche Sauberkeit.
Sauberes Stuttgart? Auch Bürger in der Verantwortung
Sinan Dillek jedenfalls wird dafür weiterhin sorgen. Bei unserem Termin verabschieden wir uns nach der Reinigung in der Arnulf-Klett-Passage von ihm – denn nach einer kurzen Pause muss er auch schon weiter zur nächsten Station am Charlottenplatz.
Zum Ende seiner Schicht am Nachmittag wird er mit seinem Auto wieder zum Betriebshof in Stuttgart-Münster zurückkehren, um den Tagesbericht final auszufüllen, seine Arbeitsmaterialien zu verstauen, an den Spätdienst zu übergeben und sich den Dreck des Tages bei einer frischen Dusche abzuwaschen.
Auf dem Weg dorthin wird er auch den Schriftzug „Wir alle sind die AWS!“ auf der Wand des Betriebsgebäudes wieder passieren. Nach den Erlebnissen am Vormittag haben die Worte für uns längst eine neue Bedeutung bekommen. Denn das „Wir“ meint nicht nur Reinigungskräfte wie Sinan Dillek – jede Stuttgarterin und jeder Stuttgarter kann einen Teil dazu beitragen, dass die Stadt sauber bleibt.
Alle öffentlichen Toiletten sind auf einer Webseite der Stadt Stuttgart abrufbar >>>