Sanktionen gegen Russland Spiel mit dem Gashahn

Russlands schärfste Waffe im Sanktionsstreit scheint die Kappung der Gaslieferungen nach Westeuropa. Experten geben allerdings Entwarnung: Man könne sich auch aus anderen Quellen mit Energie versorgen.

Korrespondenten: Knut Krohn (kkr)
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Brüssel - Wladimir Putin hat Pech. Das Wetter passt nicht in seinen Plan. Würde Europa unter einer Kältewelle leiden, würden die Europäer wohl noch zögerlicher in Sachen Sanktionen gegen Russland agieren. Doch wegen des warmen Winters sind die Erdgasspeicher fast voll, und die Lage ist relativ entspannt.

Dennoch sitzt die Angst tief, der Kreml könnte als Reaktion auf die angekündigten EU-Sanktionen die Gaslieferungen drosseln. Vor allem in Deutschland blickt die Wirtschaft gebannt auf die Krise in der Ukraine. „Wir können uns Sanktionen gegen Russland nicht leisten“, warnt Ökonom Hans-Werner Sinn. Zu groß sei die Abhängigkeit des Kontinents von den russischen Lieferungen. Immerhin deckt die EU fast ein Viertel ihres jährlichen Gasverbrauchs mit Importen, die der halbstaatliche russische Gazprom-Konzern liefert. Und mehr als die Hälfte davon fließt durch ukrainische Leitungen in Richtung Westen. Dort heißt der mit Abstand größte Abnehmer Deutschland.

Die deutsche Industrie demonstriert Gelassenheit

Die Furcht scheint begründet: schon zweimal – 2006 und 2009 – hat der Kreml gegenüber der Ukraine aus politischen Gründen am Gashahn gedreht. Der Grund waren beide Male ein Streit über Transitbedingungen in Richtung Westen. Die Auswirkungen waren auch in Europa zu spüren. Vor allem im Südosten des Kontinents mussten Millionen Menschen wegen des Streits zwischen Moskau und Kiew in der Kälte zittern.

Doch nicht alle Vertreter der deutschen Industrie läuten die Alarmglocke. „Wir sind nicht erpressbar“, unterstreicht Ulrich Grillo, Präsident des Industrieverbandes. Die Angst vor einem Energieengpass teilt er nicht. „Wir brauchen natürlich Energie, wir haben aber auch andere Quellen, wo wir uns versorgen können.“ Im schlimmsten Fall, wenn Russland die Gaslieferungen ganz einstellen würde, könnte etwa kurzfristig flüssiges Erdgas aus dem Nahen Osten über Tanker nach Europa verschifft werden. Mittelfristig könnte auch die Liefermengen aus Norwegen oder Algerien gesteigert werden. Auf lange Sicht wäre der Iran eine Alternative – sollte sich das Land weiter öffnen.

Auch die Russen sind vom Westen abhängig

Keiner der Experten geht allerdings davon aus, dass der Kreml die Leitungen kappt. „Russland ist sehr stark abhängig von den Energielieferungen nach Europa“, betont Claudia Kemfert, Energieexpertin beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, DIW. „60 Prozent der russischen Staatseinnahmen kommen aus den Verkäufen von Öl, Gas und Steinkohle – ein Großteil durch das Geschäft mit Europa. Insofern würde sich Russland ins eigene Fleisch schneiden.“

Also: nicht nur der Westen ist abhängig vom russischen Gas. Selbst im Kalten Krieg hat die damalige Sowjetunion den Klassenfeind zuverlässig mit Energie versorgt. Die Deviseneinnahmen aus diesem Exportzweig sind für Russland noch heute überlebenswichtig. Denn Putin hat es trotz allerlei vollmundigen Ankündigungen nicht geschafft, die eigene marode Wirtschaft zu modernisieren.

Ein Einblick in die tatsächlichen Kräfteverhältnisse gibt eine kleine Meldung in der russischen Zeitung „Wedemosti“ vom Montag. Russlands größter Gasproduzent Gazprom erwäge wegen drohender Sanktionen des Westens eine Änderung seiner Verträge, heißt es da. Demnach solle eine Klausel geändert werden, die Kunden zur Zahlung zwinge, auch wenn die angeforderte Menge Gas gar nicht abgenommen worden sei, berichtet die Zeitung unter Berufung auf dem Unternehmen nahestehende Kreise. Damit wolle der Konzern seine europäischen Kunden halten. Gazprom wollte den Bericht nicht kommentieren – aber auch das ist eine Antwort.




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