SAP verdient mit Achtsamkeitskursen Yogasitz auf dem Bürostuhl

Von Akiko Lachenmann 

SAP bietet jenseits von IT eine neue Dienstleistung an: Kurse in Achtsamkeit sollen die Mitarbeiter zufriedener und damit leistungsfähiger machen. Ein Gewinn für alle?

Der Achtsame genießt und schweigt – beim Mittagessen in der Kantine. Foto: Bernd Krug 8 Bilder
Der Achtsame genießt und schweigt – beim Mittagessen in der Kantine. Foto: Bernd Krug

Walldorf - Kundentermin bei Siemens. SAP-Mitarbeiter Torsten Simon setzt sich abends in Walldorf ins Auto und steht am nächsten Morgen in der Münchner Zentrale vor einer Gruppe von 40 Siemensianern. Was folgt, ist keine Präsentation neuer Software. Es geht auch nicht um Bitcoins oder Blockchains. Simons Einsatz widmet sich Existenziellerem. „Bitte lenken Sie nun Ihre Aufmerksamkeit auf einen einzigen Atemzug, vom Beginn der Einatmung bis zum Ende der Ausatmung“, sagt der 43-jährige IT-Experte und schließt die Augen.

Als Simon 2005 in Walldorf anfing, lag seine Kernkompetenz darin, bei den Kunden Software zu konfigurieren. Niemals hätte sich der studierte Wirtschaftsinformatiker damals träumen lassen, eines Tages in seiner Arbeitszeit jemanden beim Meditieren anzuleiten. Seit 2013 hat sich in der Unternehmenskultur des Softwareriesen jedoch einiges getan – genauer gesagt, seit ein Mitarbeiter namens Peter Bostelmann, damals als Berater im Silicon Valley unterwegs, einige Manager in Walldorf für sogenannte Achtsamkeitskurse begeistern konnte – Kurse wie sie Nachbar Google seinen Mitarbeitern seit über einem Jahrzehnt anbietet.

Eintragungen ins Dankbarkeitstagebuch

Die Seminare, die auf Erkenntnissen der Wissenschaft und der buddhistischen Lehre basieren, aber frei sind von religiöser Konnotation, sollen eine Reihe von nützlichen Eigenschaften fördern: „Die Selbstwahrnehmung wird erhöht, die emotionale Intelligenz gefördert, die Konzentration gesteigert“, zählt Simon auf. Teilnehmer berichten, sie seien zufriedener, gelassener und kreativer geworden. Etwa Elisaveta Meixner, eine Management-Assistentin, die gleich drei Terminkalender organisiert und manchmal nicht weiß, wo ihr der Kopf steht. „Dann nehme ich drei tiefe Atemzüge. Das erdet mich“, erzählt die 35-Jährige. Eine andere Übung setzt sie manchmal nach einem langen Arbeitstag ein, wenn eine Art innere Leere in ihr aufsteigt. „Ich überlege mir drei Dinge, für die ich dankbar bin, und schreibe sie in ein Dankbarkeitstagebuch.“ Obwohl manche Übung etwas gefühlig anmutet, sind die freiwilligen Kurse ausgebucht. Weltweit haben bereits 8000 SAP-Mitarbeiter das Programm durchlaufen, weitere 8000 stehen auf der Warteliste.

Die Fehlzeiten der Mitarbeiter sind deutlich gesunken

Als die Medien davon Wind bekamen, dass bei dem bodenständigen DAX-Konzern quer durch alle Hierarchieebenen meditiert wird, erschienen Krawattenträger mit geschlossenen Augen auf den Titelseiten einschlägiger Magazine. Andere Firmen wurden hellhörig: Konzerne wie Siemens, Thyssen-Krupp oder Deutsche Telekom luden Peter Bostelmann zu Vorträgen ein. Der Director Global Mindfulness Practice, wie man ihn bei SAP nennt, konnte harte Fakten aus einer internen Vergleichsstudie mit 4800 Mitarbeitern präsentieren, zum Beispiel, dass die Fehlzeiten im Vergleich zu einer Kontrollgruppe deutlich gesunken sind. „Monetär ausgedrückt nehmen wir mit dem Programm doppelt so viel ein, wie wir ausgeben. Das entspricht einem Return on Investment von 200 Prozent.“ Daraufhin reiste der eine oder andere Manager nach Walldorf zur Hospitation. „Könnt ihr das nicht auch bei uns machen?“, sei Bostelmann immer wieder gefragt worden. Ende 2016 stand die Entscheidung fest: SAP bekommt ein neues Geschäftssegment.

Umbrüche in der Arbeitswelt belasten

Die bis dato interne Abteilung hat inzwischen sieben zahlende Kunden, darunter Autobauer aus dem Süden der Republik, weitere 30 potenzielle Kunden sowie einen Pool aus 45 intern ausgebildeten Trainern. Dass die Abteilung weiter expandieren dürfte, darauf deuten auch Zahlen der Krankenversicherungen hin, wonach sich die Zahl der Fehltage aufgrund von psychischen Erkrankungen in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt hat. Bostelmann glaubt zudem, dass das Programm auf die Umbrüche in der Arbeitswelt vorbereitet, die vielen Mitarbeitern Sorgen bereiten. „Im Grunde kann man unser Angebot auch als Begleitservice zum digitalen Wandel verstehen. Das Umfeld verändert sich rasant. Am Anfang steht für jeden ein mentaler Schritt, nämlich aufgeschlossen an neue Situationen heranzugehen.“

Das oberste Management bekennt sich zur Praxis

Der Service beschränkt sich jedoch nicht nur auf Trainings, er umfasst auch strategische Beratung. „Entscheidend für den Erfolg ist, wie man das Thema verpackt“, erklärt Bostelmann. Noch immer kursierten falsche Vorstellungen. „Manche glauben, Achtsamkeit mache weich und willenlos oder sei eine religiöse Praxis.“ Darum sollten – gerade vor einem Publikum, das faktenbasiert denkt – von vornherein die Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft kommuniziert werden. Ein weiterer Tipp: „Hilfreich ist, von Beginn an jemanden aus dem obersten Management dabei zu haben, der sich zur Praxis bekennt.“

So wie Daniel Holz, der Geschäftsführer von SAP Deutschland ist. In einem internen Kurzfilm erzählt er, wie er Achtsamkeit im Alltag einbindet. Oder wie Wolfgang Fassnacht, Senior Vice President und Human Resources Director Deutschland, der Sitzungen stets mit einer Minute Stille einleitet. Dass Führungsfiguren die Praxis anwenden, senkt offenbar auch die Hemmungen bei den Mitarbeitern. „Mein PC erinnert mich alle zwei Stunden daran, kurz innezuhalten“, erzählt Marion Augenstein aus dem Bereich Industry Solutions. „Dann setze ich mich im Yogasitz auf den Bürostuhl und beobachte meinen Atem.“

Fast täglich findet ein achtsames Mittagessen statt

Am Standort Walldorf – im Businessjargon ein Best-Practice-Beispiel – scheint das Thema allgegenwärtig. An zentraler Stelle gibt es einen Raum der Stille, in dem täglich geführte Meditationen stattfinden, mal in Zenmanier um 7.30 Uhr, mal Einsichtsmeditationen am Mittag, im Sitzen, im Liegen, im Gehen. Heute führt Oliver Bareiss durch die Meditation. Er ist einer von über 50 Ambassadoren, die neben ihrer Arbeit die Achtsamkeitskultur bei SAP fördern. Nach einer kurzen Atemmeditation im Stuhlkreis spricht Bareiss über subjektive Realität. „Wir sind ja alle berufsbedingt viel in Gedanken. Machen wir uns bewusst, dass die Realität eigentlich nur eine Vorstellung ist, die unser Geist erschafft, können wir auch versuchen, kontraproduktive Gedanken loszulassen.“ Mindfulness Motion, eine Art achtsames Yoga, ist ein weiteres Angebot der Ambassadore. Ebenso wie der stille Lunch. Fast täglich findet in einer der sieben SAP-Kantinen am Hauptsitz ein achtsames Mittagessen statt. Man trifft sich an der roten Couch vorm Eingang, geht geschlossen hinein ins Kantinengetöse und sucht einen etwas abseits gelegenen Tisch. Während der Mahlzeit schlägt der Ambassador hin und wieder eine Klangschale an und gibt Tipps. „Fühlt mal den Unterschied zwischen gekochtem und rohem Gemüse.“

Beobachter sprechen vom Phänomen McMindfulness

Lena Meixner aus der Abteilung Qualitätsmanagement geht regelmäßig mit. „Die Praxis beginnt schon bei der Auswahl des Essens: Ich tue mir weniger auf, ich esse bewusster, danach fühle ich mich nicht vollgestopft, sondern einfach gut.“ Außerdem genieße sie das Schweigen. Kein oberflächlicher Smalltalk, keine verkrampfte Konversation mit Vorgesetzten, einfach nur Sitzen und Essen. An den Nachbartischen wundert sich schon lange niemand mehr über die schweigsamen Kollegen.

Bei aller Zustimmung weiß Bostelmann auch um die Stimmen der Kritiker. Vor allem in den USA, wo der englische Begriff Mindfulness inflationär verwendet und wirtschaftlich ausgeschlachtet wird, sprechen Beobachter häufig vom Phänomen McMindfulness.

Persönlichkeitsentwicklung steht vor Effizienzsteigerung

Gemeint ist, dass die Erkenntnisse der 3000 Jahre alten Lehre stark entschlackt, in verdaulichen Portionen und zum sofortigen Verzehr angeboten werden. „Daraus entsteht eine banale, therapeutische Selbsthilfetechnik, die mit der Intention des Buddha“ – nämlich Verblendung, Gier und Böswilligkeit auszumerzen – „nichts mehr zu tun hat“, schreibt der Managementprofessor und Buddhist Ron Purser in der „Huffington Post“. Andere sehen darin nur eine weitere Maßnahme der Wirtschaft, Mitarbeiter zu optimieren und einer Grundsatzdebatte über das beschleunigte System auszuweichen.

Bostelmann fühlt sich von der Kritik nicht angesprochen. „Bei uns geht es nicht um Effizienzsteigerung des Seelenlebens, sondern um Persönlichkeitsentwicklung. Die Mitarbeiter sollen klarer sehen, worauf es ihnen im Leben ankommt – davon profitiert auch SAP.“ So mancher verschiebe nach dem Kurs seine Prioritäten. „Es kommt auch vor, dass ein Mitarbeiter SAP verlässt“, berichtet Bostelmann. „Wenn die Person zu dieser Einsicht gelangt, so ist das auch im Sinne von SAP.“