Sarah Bosetti in Stuttgart Die charmante Feministin
Die Satirikerin Sarah Bosetti hat im Alten Schauspielhaus getan, was sie gut kann: Einem Publikum auf sehr unterhaltsame Art harte Wahrheiten nahebringen.
Die Satirikerin Sarah Bosetti hat im Alten Schauspielhaus getan, was sie gut kann: Einem Publikum auf sehr unterhaltsame Art harte Wahrheiten nahebringen.
Was Menschen nicht alles wollen: urbane Infrastruktur, aber vorm Fenster den glitzernden See, die Wahrheit hören, aber nicht enttäuscht werden. Mit Sehnsuchtsfantasien beginnt die satirische Poetin und Aktivistin Sarah Bosetti ihren Abend im Alten Schauspielhaus und setzt klug den Ton: Keine Selbsttäuschung ist vor ihr sicher. Mit Wortwitz, großem Mut und Charme widmet sie sich dem Hass gegen Frauen, Fremde und „die da oben“.
Erstmals bespielt die Rosenau, wo Bosetti einst schon als Slam-Poetin auftrat, das Theater, dessen Intimität der Wortartistin entgegenkommt. Zwei Ängste hat sie ausgemacht als Ursachen für den Hass: „Kastration und Invasion.“ Sie sammelt eine Flut wüster Hass-Kommentare in einem Ordner namens „Gauland“. „Wenn es um Feminismus geht, werden die Leute so wütend,“ sagt sie. Die harmloseren Sprüche: „Feminismus ist eine Persönlichkeitsstörung“ blendet sie auf einem Monitor ein, Feminismus diene nur dazu, „Männern ihren Jagdtrieb zu verbieten“.
Scheinbar unbeeindruckt zerlegt Bosetti die Aggression, dichtet den Hass in „Liebeslyrik“ um. „Es könnte sein, dass es Gründe gibt, mich zu hassen, aber die kennen die ja gar nicht“, sagt sie. Dafür bekommt sie Szenenapplaus von den gut 400 Besuchern. „Sexuelle Gewalt ist kaum ein Thema, außer wenn die Täter keine Deutschen sind“, führt Bosetti aus, „da entdecken sie ihre Liebe zu Frauen.“
Zwischendurch gönnt sie dem Publikum Anekdoten über den ganz normalen Wahnsinn in einem Zug der Deutschen Bahn oder widmet sich einem, der die AFD als Sündenbock sieht, „während andere Waffen an den iss schicken“. „Da hat er sich vertippt, da fehlt ein L“, sagt Bosetti – da gehe es wohl um „Waffeln für den Weltraum“.
Doch schnell ist sie zurück im Politischen und bei der angeblich nicht mehr existierenden Meinungsfreiheit. Der TV-Talker Dieter Nuhr habe da einmal verschwörerisch raunend eingestimmt, als sie als Gast bei ihm saß, erzählt Bosetti. „Ich habe ihm gesagt: Da kannst du ja froh sein, dass du eine regelmäßige Sendung und ein Millionenpublikum hast.“ Seither sei sie nicht mehr eingeladen worden.
Sie erinnert auch an die Elfjährige auf einer Querulanten-Bühne, die coronabedingt einen Geburtstag nicht feiern konnte und sich deshalb mit Anne Frank verglich. „Wie könnt ihr Leid nur derartig relativieren?“, fragt sie die Eltern des Mädchens – „ihr seid ein bisschen wie Hitler.“ Bosetti, diese scharfsinnige Bürgerrechtlerin und Entlarverin, wird selbst Opfer derartiger Vergleiche: „Solche wie du haben Hitler groß gemacht“lautet ein Kommentar.
Über „Nazis“ sagt sie: „Ich hab immer das Gefühl, das die Betroffenen es selbst eigentlich auch doof finden. Warum sonst regen sie sich so auf, wenn man sie beim Namen nennt?“ Dann folgt die Pointe des Abends: „Wenn Nazis nicht Nazis genannt werden wollen, heißt das dann nicht, das sogar Nazis wissen, dass Nazis Scheiße sind?“ Bosettis große Kunst besteht darin, harte Wahrheiten so zu verpacken, dass man ihr trotzdem gerne und gebannt zuhört – und über die vom Hass Zerfressenen sogar lachen kann.