Sarg-Design Der letzte Schrei

Von Thomas Zehender 

Am Ende muss es nicht immer Eiche rustikal sein: Rainer Hiller aus Schwäbisch Gmünd gestaltet Särge, die anders sind.  

Särge sind aus dem gleichen Holz geschnitzt wie Landhausküchen, sagt... Foto: dpa 5 Bilder
"Särge sind aus dem gleichen Holz geschnitzt wie Landhausküchen", sagt... Foto: dpa

Schwäbisch Gmünd - Gestorben wird immer. In Baden-Württemberg etwa 100.000-mal, Jahr für Jahr. Weil auch der Tod hierzulande seine Ordnung haben muss, regelt das Gesetz über das Friedhofs- und Leichenwesen den letzten Gang des Menschen, begleitet von der Bestattungsverordnung des Sozialministeriums und die örtliche Friedhofsordnung. Die Regelwut bäumt sich nochmals auf, wenn es Abschied nehmen von einem Menschen heißt: am Sarg. Aus Holz muss er sein, so wollen es die Vorschriften. Eiche, so lehrt der Blick auf viele Beerdigungen, wird immer wieder gerne genommen. Rustikal schaut's dann aus. Und traurig zugleich.

"Särge sind aus dem gleichen Holz geschnitzt wie Landhausküchen", sagt der Diplomdesigner Rainer Hiller eindrücklich zweideutig. Ihm geht es nahe, wenn wieder einmal ein Mensch in Einheitseiche zu Grabe getragen wird, die so gar nicht zu dessen Leben und Charakter passt. Im eigenen Freundeskreis ist es erst vor Jahresfrist geschehen. Es mag ihm den Anstoß gegeben haben für eine wohl einzigartige Arbeit, die seiner schöpferischen Unruhe geschuldet ist. Einfach mal nichts tun zwischen zwei Aufträgen, gibt's nicht. Anstatt auf seiner Moto Guzzi wie in jüngeren Jahren die Alpenpässe zu bügeln, sucht er in seiner Denkfabrik in einem Vorort von Schwäbisch Gmünd nach "designfreien Branchen".

Entworfen und gestaltet hat Hiller schon so unterschiedliche Dinge wie Badarmaturen oder eine Fußgängerunterführung, Laboreinrichtungen für ein weltweit agierendes Unternehmen im Allgäu - oder einen Sportwagen auf der Grundlage des Mercedes 190 während seines Praxissemesters beim Daimler in Sindelfingen. Noch heute schwärmt Hiller vom großen formalästhetischen Reiz dieser Aufgabe, die er auf eigenen Wunsch und mit Wohlwollen des damaligen Chefdesigners Bruno Sacco erfüllen durfte. Auf einem Regal in Hillers Büro staubt das Modell in Würde vor sich hin. Seine Heckleuchten erinnern an die erste C-Klasse von Mercedes, die Proportionen der Karosserie gleichen dem SLK-Sportwagen. War da einer seiner Zeit um Jahre voraus? Hiller lässt die Frage offen.

Er richtet den Blick auf das zunehmende "Drogeriemarktphänomen", wie er es nennt: zu viele Produkte, die sich zu ähnlich sind. Schließlich treibt ihn die Suche nach designfreien Branchen in Richtung der Sarghersteller. Als "Mensch, der sich gegen Bezahlung ganzheitlich mit einem Unternehmen auseinandersetzt" will er für seine Ideen begeistern, gemeinsam mit jenen Fachleuten, die Markt- und Produktionsbedingungen bestens kennen. Erfahrung in dieser Disziplin hat Rainer Hiller reichlich gesammelt während zwölf Jahren als Mitarbeiter eines renommierten Designstudios in Schwäbisch Gmünd sowie seit seiner freiberuflichen Tätigkeit für Unternehmen unterschiedlicher Branchen.

Zu viele Produkte, die sich zu ähnlich sind

Was er tut, tut er mit schwäbischer Gründlichkeit, gleichzeitig aber eine Gesamtschau betreibend. Entwerfen und Gestalten allein genügen nicht seinen Ansprüchen - es soll gesellschaftliche Relevanz haben, was zuerst in seinem Kopf, dann am Computer und schließlich als Modell entsteht und hoffentlich irgendwann in die Serienproduktion geht.

Hiller, Jahrgang 1959, ist ein lebensfroher Mensch und ein liebevoller Familienvater. Wie entwickelt so jemand ein Interesse an Särgen? Wenn er sich intensiv mit einem Thema auseinandersetze, antwortet er, dann wachse die Begeisterung automatisch.

Prinzipiell kann Hiller allem eine besondere Form geben. Doch nicht jede Besonderheit lässt sich an den Mann und die Frau bringen. Laut den Marktforschern der Mannheimer Firma Sigma ist in Deutschland beim sogenannten aufstiegsorientierten Milieu mit fast zwölf Millionen Menschen am meisten zu holen. Auf ihrem Weg nach oben geben sich diese Menschen ihrer Konsumfreude hin. Sie stellen das Erreichte gerne zur Schau, leben schon mal über ihre Verhältnisse und vertrauen den etablierten Marken. Mercedes-Fahrer im Boss-Anzug, die in der Kneipe das i-Phone deutlich sichtbar auf dem Tresen platzieren und zu Hause ihre Küche mit Miele-Geräten bestückt haben - so etwa darf man sich diese Spezies vorstellen. Immerhin folgen ihnen die anders gestrickten Vertreter des postmodernen und des liberal-intellektuellen Milieus zahlenmäßig dicht auf den Fersen.

Will der Boss-Anzug tragende Mercedes-Fahrer etwa im gleichen Sarg zur letzten Ruhe gebettet werden wie die Angehörigen jener Schichten, die er während seines gesellschaftlichen Aufstiegs überholt hat? Hier setzt Rainer Hiller mit seinem Verständnis von Produktdesign an, das er als "bewusstes und professionelles Gestalten von Konsum- und Investitionsgütern" definiert. Er bringt die unterschiedlichen Zielgruppen ins Spiel, die von den meisten Branchen wie Auto- oder Küchenherstellern mit speziellen Produkten bedient werden, die genau auf ihre Bedürfnisse und Denkweise zugeschnitten sind. Er fragt sich, weshalb die Sarghersteller in aller Regel diesen marketingtechnischen Schritt noch vor sich haben.