Sargschreiner in Nöten Das klassische Begräbnis stirbt

Ein Sargtischler in Kappel-Grafenhausen bei der Arbeit Foto: Siebold
Ein Sargtischler in Kappel-Grafenhausen bei der Arbeit Foto: Siebold

Obwohl die Zahl der Todesfälle konstant ist, kämpfen die Sargfabriken ums Überleben. Ein Fallbeispiel aus dem Ortenaukreis.

Baden-Württemberg: Heinz Siebold (sie)
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Freiburg - Gestorben wird immer – und dann braucht man einen Sarg. Bestattungen müssten somit ein sicheres Geschäft­ sein – sind sie aber nicht, nicht mal im Trauermonat November. Obwohl die Zahl der Todesfälle in Deutschland in etwa gleich bleibt: Im Jahr 1975 gab es 990 000 Sterbefälle, 2015 waren es 925 000. „Früher war die Erdbestattung die übliche Form, heute ist es die Kremation“, beschreibt Bernhard Wurth die für sein Unternehmen ungünstige Trendwende. Auch wenn für die Feuerbestattung derzeit noch ein Sarg vorgeschrieben ist: Es reicht dafür ein einfaches, günstiges Produkt. Ein prunkvoller Sarg, der kurz nach der Trauerfeier in Flammen aufgeht, ist vielen zu teuer geworden. Selbst bei der Erdbestattung soll es etwas­ Einfaches sein – bei manchen ist der Grund Bescheidenheit, bei anderen handelt es sich um eine Geldfrage.

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„Darüber urteilen wir nicht, das steht uns nicht an“, betont Bernhard Wurth (63). Er ist Mitinhaber der Süddeutschen Sargfabrik in Kappel-Grafenhausen im Ortenaukreis, einem Familienunternehmen, das 25 Menschen beschäftigt. Umsatzzahlen gibt die Firma nicht bekannt. Bis zu 20 000 Särge verlassen jedes Jahr die Hallen der Schreinerei. Die eine Hälfte wird selbst hergestellt, die andere ist zugekauft. „Wir wollen auch Kunden erreichen, die sich kein teures Produkt leisten können“, betont Wurth. Deshalb hat die 1957 gegründete Traditionsfirma nicht nur eigene und hochwertige Ware von Wettbewerbern aus Italien im Sortiment, sondern auch Billigware aus Polen oder Rumänien.

Importsärge aus Osteuropa setzen der hiesigen Produktion zu

„Hier“, sagt Vertriebschef Volker Wurth (52) und deutet achselzuckend auf ein simples Kiefermodell: „Das ist ein Sarg, den wir zu diesem Preis niemals produzieren könnten.“ Er will den Betrag nicht nennen, der Bundesverband Bestattungsbedarf geht aber von Erzeugerpreisen von 65 Euro für osteuropäische Importsärge aus. Vergleichbare hiesige Modelle liegen mit knapp 160 Euro Produktionskosten deutlich höher. Der Verband beklagt zudem eine „ungerechte Subventionspolitik der Europäischen Union zu Gunsten osteuropäischer Hersteller“, so Geschäftsführer Dirk-Uwe Klaas. Fast 75 Prozent der verkauften Särge kämen inzwischen aus dem Ausland: „Im letzten Jahr wurden 400 000 Importsärge aus Osteuropa und gerade mal 117 000 in Deutschland gefertigte Exem­plare verkauft“, sagt Klaas.

Der Preisverfall hat dazu geführt, dass deutsche Sarghersteller aufgegeben haben oder nur noch mit fremder Ware handeln. Die Sargfabrik der Familie Wurth in der Nachbarschaft des Europaparks Rust ist weit und breit die einzige große im Südwesten, die sich hält. „Wir fertigen etwas, was andere nicht haben“, sagt Holzingenieur Bernhard Wurth: „Statt mit Holzfurnier beschichten wir die Kiefern- oder Fichtensärge mit bedrucktem Papier.“ Das Papierdekor ist nicht nur preiswerter, sondern auch umweltverträglicher. Das Ergebnis sieht täuschend echt nach Massivholz aus. Und so machen die Särge für die kurze Zeit, in der sie im Blickpunkt der Trauergesellschaft stehen, auch ordentlich was her.

Wohn- statt Erdmöbel

So solle es auch sein, das Begräbnis dürfe nicht „zum Entsorgungsfall“ werden, mahnt der Bestatterverband. Der Wettlauf um den günstigsten Sarg werde „der Bedeutung des Sterbens nicht gerecht“, meint Verbandsgeschäftsführer Klaas. „Unser Vorteil ist aber die regionale Verankerung und unsere Kundennähe“, streicht Bernhard Wurth die Stärken seiner Firma heraus­: „Wir können individuelle Wünsche berücksichtigen und in kurzer Zeit an das Bestattungsunternehmen liefern.“

Ein Vorteil, der auch anderweitig greifen kann: „Wir werden weiterhin Särge herstellen, haben aber begonnen, uns ein zweites Standbein aufzubauen“, verrät Marcus Jertschewske (51), einer der Enkel des Firmengründers. „Holz bearbeiten, das können wir schließlich.“ Massivholzplatten aus edlen Laubhölzern wie Eiche, Buche und Kirsche werden Schreinern, Treppenbauern, Möbel- und Küchenherstellern angeboten. Massive, individuelle Tische im hochwertigen Preissegment können auch komplett mit Gestell geliefert werden. 500 der 800 Kunden der Fabrik sind inzwischen Schreiner. Und die brauchen in der Regel Wohn- und Küchen- statt Erdmöbel.

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