Schritte ins Ungewisse! Im Forum am Schlosspark Ludwigsburg liegt Kunstnebel in der Luft, an der Tür wurden Ohrstöpsel ausgehändigt. Vorboten des Bühnenereignisses: Sasha Waltz’ „Beethoven 7“. Die Choreografin beschäftigte sich mit der siebten Symphonie bereits 2021 für die Arte-Reihe „Mit Beethoven durch Europa: 9 Symphonien, 9 Orchester, 9 Städte“. Ihr Stück zum zweiten und vierten Satz wurde – initiiert vom World Human Forum – vor den Apollo-Tempel-Ruinen der Kultstätte in Delphi aufgeführt zu Teodor Currentzis’ Orchester MusicAeterna, der im antiken Amphitheater konzertierte. Die Musik ließ Waltz nicht los. So feierte „Beethoven 7“ 2023 im Berliner Radialsystem Premiere mit einem zusätzlichen fünften Satz: Der chilenische Komponist Diego Noguera entwickelte „Freiheit/Extasis“ in Proben mit der Kompanie Sasha Waltz & Guests.
Eine Wolke aus Klang, Rauch und Chaos
Nun schält sich Noguera bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen aus den Schwaden, entlockt dem elektronischen Cockpit ein tiefes Wummern, das Dezibel um Dezibel anschwillt, untermalt von Zischen, Fauchen, metallisch industriellen Geräuschen. In endlosen Glissandi gleiten Töne und Höhen ineinander, verstärkt von technoiden Beats, herzschlagartig, synkopiert, schnell-rhythmisch treibend, mal an Düsenjäger oder Gewehrsalven erinnernd. Der Pegel geht nicht nur unter die Haut. Die Wolke aus Klang, Rauch, Chaos fordert alle Sinne, erschüttert bis ins Mark, lässt alle Körper im Raum beben. Das Publikum wird, ob es will oder nicht, bewegt; fühlt, wenn sich die Tanzenden – zum Teil mit außerirdisch anmutenden Knospenmasken – in pointierten Lichtkegeln als Gruppen, Duo oder einzeln vom vorsichtigen Staksen und Beugen in einen ungezügelten Rausch steigern. Da wird gezuckt, in Slow-Motion gestürzt, gekickt, gedreht, geschubst, gekämpft, zurückgezogen. Was ist menschenmöglich? Was ist menschlich?
Die Antwort kommt nach der Pause: die Siebte als Aufnahme von MusicAeterna, dirigiert von Teodor Currentzis. Ludwig van Beethoven schrieb die „große Sinfonie in A“ 1813 in einer Zeitenwende, Restauration, Industrialisierung, Wissenschaftsfortschritt verunsicherte, man sehnte sich nach Poesie und Natur. Auch der Komponist mit schwindendem Gehör zweifelte am Menschen: „[I]st der ächte Wahre / Ein Sklave der Umgebung oder Frey?“
Tanz um Freiheit und Humanismus
Und doch gehört die Siebte zu seinen lebensfrohen Sinfonien, ist, so der Musikkritiker Romain Rolland, die „Orgie des Rhythmus“. Waltz gibt sie harmonisch und kontrastreich. 13 Menschen schreiten, hüpfen, begegnen sich leichtfüßig – nun in fließenden Gewändern statt zuvor in Blau-Hosen mit kissenartigen Brustpanzern. Das Leben wird angenommen im Tanz um Freiheit und Humanismus, als Gruppe, als Individuum, trotz Widrigkeiten und Unterschieden. Zwar probt zwischen den Sätzen erst Frau allein, dann mit Mann, schnaubend den Kampf; auch in der Gruppe wird zu Crescendi der Kopf gehalten, in und aus der Reihe gedreht. Aber die Zeichen stehen auf Versöhnung. Am Ende zielt ein diverses Team gemeinsam mit raumgreifenden Armbewegungen in die Zukunft.