Sat 1 zeigt „Lange undercover“ Türsteher mit sensiblem Gemüt

Von Antje Hildebrandt 

Nach RTL entdeckt jetzt auch Sat 1 den investigativen Journalismus. Dienstags zeigt der Privatsender „Lange undercover“ – und lässt seinen Reporter im Sumpf des Verbrechens waten.

Kritische Aufklärung bringt Quote: Daniel Lange watet  jeden Dienstag für Sat1 im Sumpf des Verbrechens. Foto: Sat 1
Kritische Aufklärung bringt Quote: Daniel Lange watet jeden Dienstag für Sat1 im Sumpf des Verbrechens. Foto: Sat 1

Stuttgart - Er ist dann mal weg. Abzocker, Dealer und Zuhälter jagen. Und jetzt hockt Daniel Lange mit zwei verurteilten Menschenhändlern in einem rumänischen Gefängnis und fragt, wie viele Frauen sie verkauft haben. Die Männer schauen nur für den Bruchteil einer Sekunde irritiert. Dann sagt einer von ihnen: „Vielleicht 700“ – eine Momentaufnahme aus „Lange undercover“, der neuen Reportagereihe von Sat 1. Daniel Lange, 40, ist dabei die Antwort des Bällchensenders auf Günter Wallraff, 71, der für RTL dorthin geht, wo das Recht mit Füßen getreten wird. Er ist ein Mann von der Statur eines Türstehers, aber mit sensiblem Gemüt.

Wo Wallraff nüchtern berichtet und auf die Macht der Bilder vertraut, versichert Lange unablässig, wie „betroffen“ ihn die Gewalt an den Frauen macht. Das verstehen sie bei Sat 1 unter investigativem Journalismus. Immerhin haben sie sich des Genres nach langer Zeit wieder angenommen: Am Dienstag kurz vor Mitternacht darf der Reporter im Sumpf des Verbrechens wühlen. Der Titel des Formats freilich geht ein bisschen an seiner Arbeit vorbei. „Undercover“ klingt nach Agentenmethoden und sonnenbebrillten Herren mit hochgeklapptem Trenchcoatkragen.

Bei RTL ist es ja auch ein bisschen so. Wallraff und seine jungen Reporter geben sich nicht als solche zu erkennen. Sie verkleiden sich, um tiefer ins Umfeld ihrer Recherche eintauchen zu können, als Ordner bei Sicherheitsdiensten, als Pfleger in Altenheimen, als Boten beim Versandriesen Zalando. Lange indes geht meistens als Lange. Früher war er Polizeireporter beim Sat-1-Magazin „Akte“, dann aber schwappte der Investigativ-Journalismus zurück ins Fernsehen, eben in Gestalt von Wallraff, der bewies, dass seine Recherchemethoden aus den Siebzigern RTL-kompatibel sind.

Speerspitze des investigativen Journalismus?

Die Privaten als Speerspitze des kritischen Journalismus? Nun, dass ausgerechnet ein 71-Jähriger zum Aushängeschild eines Senders wird, der traumhafte Renditen erwirtschaftet, sein Programm aber mit Pseudo-Dokus zupflastert, klingt wie ein Scherz. Und ist doch wahr. Vor einem Jahr angetreten, hat sich der neue RTL-Programmchef Frank Hoffmann tatsächlich vorgenommen, das „journalistische Profil“ des Senders zu schärfen. „Wir sind beides. Die große Show ebenso wie guter und auch investigativer Journalismus. Unterhaltung und Information“, sagt dazu Jan Rasmus, Leiter der Redaktion, welche die Undercover-Formate verantwortet. „Dieser Mix ist kein Widerspruch, sondern Kern unseres Erfolgs.“

Auf kaum ein anderes RTL-Format passt diese schwammige Definition so gut wie auf „Das Jenke-Experiment.“ Jenke von Wilmsdorff ist kein Journalist, sondern Schauspieler. Für die RTL-Reihe stellt er sich als Proband für Tests zur Verfügung, die sich schön bebildern lassen, aber kaum Erkenntniswert versprechen. Wie wirkt es sich aus, wenn man vier Wochen lang Alkohol in sich hineinkippt und den Tag mit Müsli in Portwein beginnt? Wie reagiert der Körper, wenn man exzessiv kifft? Das sind Themen nach dem Geschmack der RTL-Zuschauer. Die Bilder werden mit Experten-Interviews, Opferberichten und Statistiken ummäntelt: Journalismus, wie ihn das RTL-Publikum schätzt. Mit vier Millionen Zuschauern ist das „Jenke-Experiment“ eine der erfolgreichsten neuen RTL-Sendungen.

Dass diesen Rekord jetzt aber ausgerechnet ein Querulant wie Wallraff getoppt hat, für den die Maskerade immer nur Mittel zum Zweck ist, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Ein kauziger Alter als Chef eines Teams von jungen, telegenen Reportern, ein Thema, mehr oder minder vom Rande der Gesellschaft, ausgebreitet in der epischen Länge von neunzig Minuten, verfremdete Gesichter, verzerrte Stimmen. Wer will denn so etwas sehen?

Wallraff und die Scoops

4, 4 Millionen Zuschauer schalteten die vorletzte Folge ein, die vom Alltag in deutschen Pflegeheimen erzählte, von hoffnungslos überlasteten Pflegern und alten Leuten, die stundenlang im eigenen Urin saßen und darauf warteten, dass sie jemand wäscht. Der Balanceakt zwischen Handwerk und Unterhaltung, zwischen solider Recherche und spannender Bildsprache, er funktionierte. Die Konkurrenz vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen verfolgt es mit Argwohn. Dass ausgerechnet RTL mit Wallraff im Bunde einen journalistischen Scoop nach dem anderen landete, wer hätte das gedacht? Der Chefredakteur des ZDF jedenfalls, Peter Frey, versucht den Erfolg herunterzuspielen: „Besonders originell sind Themenauswahl und Erkenntnisse nicht.“ Und tatsächlich kann man darüber streiten, ob diese Undercover-Reportagen ein realistisches Bild vom Journalismus entwerfen. Dass es dem Sender aber gelungen ist, seinen jungen Zuschauern eine Vorstellung davon zu vermitteln, was echter Journalismus leisten kann, das darf andererseits nicht unterschätzt werden.

Wer mit dem Häppchen-Journalismus à la RTL II-News groß geworden ist, dem muss Wallraff wie Mahatma Ghandi erscheinen. Eine moralische Instanz. Gegen ihn ist Daniel Lange chancenlos. Die ersten Folgen erreichten nur knapp eine Million Zuschauer. Wohlwollend formuliert: Da ist noch Luft nach oben.