Satire-Projekt zu Deepfakes Das „Southpark“-Team schlägt zu

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In einem neuen Youtube-Video der „Southpark“-Erfinder scheinen unter anderem Donald Trump, Al Gore und Michael Caine mitzuspielen. Aber „Sassy Justice“ zeigt bloß die Macht der Deepfake-Technologie: Bewegtbildern ist nicht mehr zu trauen.

Ein bisschen vertraut darf einem dieser Reporter Fred Sassy schon vorkommen. Er hat das Gesicht von Donald Trump. Foto: Youtube/DeepVoodoo
Ein bisschen vertraut darf einem dieser Reporter Fred Sassy schon vorkommen. Er hat das Gesicht von Donald Trump. Foto: Youtube/DeepVoodoo

Cheyenne - Donald Trump irrt, wenn er glaubt, alle Journalisten seien Lügenschleudern, denen es nur darum ginge, den besten Präsidenten aller Zeiten, Völker und Galaxien schlechtzuschreiben. Einige Journalisten sind nach wie vor unbestechliche Wahrheitssucher, Fred Sassy vom Provinzsender Channel 9 aus Cheyenne, Wyoming etwa. Der kämpft in seiner Sendung „Sassy Justice“ gegen Lügner, Betrüger und Fake News.

Aber Moment mal, sieht dieser Mann im silberfischchengrauen Anzug nicht jemandem ähnlich? Ist er nicht Donald Trump wie aus dem Gesicht geschnitten, mit derselben Schmollschnute etwa, die sich zu einem hämischen Grinsen verzerren kann? Nur, dass er eine andere Frisur hat. Fred Sassy trägt nicht das weltbekannte orangefarbene Haar, sondern eine weiße Lockenfrisur, wie man sie von altrömischen Cäsaren und rentennahen Sportstudiomoderatoren kennt. Er spricht auch ein wenig anders als Trump, nicht wie dessen Zwillingsbruder, eher wie ein Cousin.

Achtung, Desinformation

Thema des 15-minütigen Youtube-Videos, das „Sassy Justice“ über Cheyenne hinausträgt, ist das beängstigende Phänomen Deepfake. Diese Desinformationstechnologie stellt Menschen mit Bild- und Sprachmanipulation in Situationen, in denen sie nie waren, zeigt sie bei Handlungen, mit denen sie nichts zu tun haben, und lässt Sätze aus ihrem Mund kommen, die sie nie gesagt haben. So fällt denn auch der Groschen: Fred Sassy ist eine Erfindung. Es gibt seine Sendung nicht wirklich.

Tatsächlich pflanzt da der Computer Kopf, Gesicht und Grimassen des US-Präsidenten mit gehirnchirurgischer Sorgfalt auf den Körper eines Schalks.

„Sassy Justice“ ist ein Projekt der „Southpark“-Erfinder Matt Stone und Trey Parker, die sich dafür mit dem britischen Schauspieler und Stimmenimitator Peter Serafinowicz zusammengetan haben. Wie man das vom „Southpark“-Humor kennt, wird das Ganze deftig absurd, manchmal plump vulgär und dann wieder begnadet durchgeknallt.

Ein Spielfilm platzt

Sassy warnt hier vor Deepfake-Videos, aber als Beispiel für kaum erkennbare Fälschungen führt er bizarre Puppenauftritte vor, die weniger realistisch sind als irgendetwas in der „Muppet Show“. Dafür sind dann auf der vermeintlichen Wahrheitsebene alle Interviewpartner aus Fleisch und Blut so wie Sassy selbst digitale Retuschen: Ex-Vizepräsident Al Gore und der Schauspieler Michael Caine etwa.

Der „New York Times“ haben Parker, Stone und Serafinowicz, die sich in den ersten Tagen ihres Scherzes nicht zu erkennen gaben, nun verraten, wie es zu dem Schabernack kam. Fasziniert und erschreckt von den Möglichkeiten des Deepfakes, hatte das Trio demnach einen Spielfilm entworfen, die Geschichte eines Doppelgängers von Donald Trump, der als TV-Journalist in Cheyenne arbeitet. Die Dreharbeiten sollten im Frühjahr 2020 gerade losgehen, als Corona das Projekt zum Platzen brachte. Weil der eigens gekaufte und umgerüstete Übertragungswagen von Sassy nebst anderem Equipment aber sowieso herumstand, beschlossen sie, etwas damit anzufangen.

Jared Kushner in Kindergröße

Nun gibt es also in Sassys Sendung an Matratzenlagerausverkäufe erinnernde Werbeclips eines skandalös übertreibenden Dialysezentrums – mit Facebook-Chef Mark Zuckerberg (Achtung, Deepfake!) als Inhaber. Dieser Halsabschneider preist eine gründliche Blutwäsche schon mal im Hühnerkostüm an. Der in seiner Verbindung aus gruseliger Perfektion und greifbarem Wahnsinn gelungenste Gag ist ein angebliches Interview mit Trumps Schwiegersohn Jared Kushner. In einem dunklen Herrenanzug in Kindergröße sitzt da Trey Parkes siebenjährige Tochter vor der Webcam. Ihr Kopf wird vom Schummelprogramm zu einem Mix aus Kushner-Antlitz und übergroßem Kinderschädel verzupft.

Dass wir auch jenen Videobildern nicht mehr trauen sollten, die durch unsere liebsten Filterblasen laufen und die uns bestätigen, wie recht wir mit unseren Meinungen haben, wird unter dem Schirm der Albernheit eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Es sind längst nicht mehr nur wenige hochgerüstete Geheimdienstlabore, die das Zeugnis von Kameras zu beliebigen Schwindeleien verdrehen können.

Mitten im Schlamassel

Allerdings gibt es auch ganz bedenkenswerte Nutzungen der Technologie. Der Dokumentarfilm „Welcome to Chechnya“ von David France erzählt vom lebensgefährlichen Kampf schwul-lesbischer Aktivisten gegen Repressionen und Pogrome in Tschetschenien. Einige hoch gefährdete Protagonisten des Films wurden mithilfe der Deepfake-Technik verfremdet.

Parker, Stone und Serafinowicz aber denken mitten im Schlamassel der Fake-News-Inflation ganz pragmatisch: Sie sehen Deepfake als erweiterte Möglichkeit des Filmemachens. Sie könnten sich Fred Sassy nun erst recht als Held eines Kinofilms, einer TV-Serie und weiterer Youtube-Videos vorstellen.

Im Bundesstaat Wyoming haben sie übrigens testhalber echte TV-Werbung für ihr falsches TV-Magazin „Sassy Justice“ geschaltet. Nicht allen Zuschauern ist angeblich aufgefallen, dass da Scherzbolde am Werk waren.




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