Satireklassiker: „Fast wia im richtigen Leben“ Lustiger war Fernsehen nie

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In „Fast wia im richtigen Leben“ haben Gerhard Polt und Gisela Schneeberger gruselige Alltagstypen karikiert. Bayern wiederholt den Klassiker im Dritten Programm, in der ARD-Mediathek kann man alle Folgen sehen.

Neureiche und Spießbürger gehörten zu den bevorzugten Zielen der Sketche von Gisela Schneeberger und Gerhard Polt, Foto: BR/Sessner
Neureiche und Spießbürger gehörten zu den bevorzugten Zielen der Sketche von Gisela Schneeberger und Gerhard Polt, Foto: BR/Sessner

Stuttgart - Ja, der Dillinger, jetzt ist er doch nicht gekommen, jetzt steht alles still: Mit schwerfälliger, umständlicher, sehr zufriedener Katastrophenorakelei versucht der Tiefbaukapo zu erklären, was das alles für Folgen hat, hier in der bayerischen Provinz, wo es offenbar viele Baustellen gleichzeitig gibt. Für eine davon scheint er die Verantwortung zu tragen, eine schwere Bürde, die ihm immer nur eine Hand frei lässt, mal für die Bierflasche, mal für die Wurstsemmel.

Gerhard Polt spielt diesen Typen so gut, wie er das in der Serie „Fast wia im richtigen Leben“ mit allen Figuren gemacht hat: so, als habe er viele Jahre Erfahrung im jeweiligen Metier zugebracht und trage das Verpetzungsbedürfnis eines tief Enttäuschten in sich. Die Witze in dieser Sketch-Reihe, die immer noch lustiger ist als alles, was das deutsche Fernsehen sonst je zu bieten hatte, sind manchmal so ätzend, dass sie vermutlich Löcher in den Schreibtisch des zuständigen Redakteurs und in den Fußboden gefressen haben und dann ins Büro eine Etage tiefer tropften.

Reale Integration

Im Baustellen-Gag zum Beispiel hilft der Kapo, während ein eher nicht in Bayern geborener Hilfsarbeiter im Straßengraben schaufeln muss, mit sinnstiftender Wegweisung aus: „Habib, Muffe frei sein müssen, wenn Dillinger kommen“. Irgendwann aber beschließt er, es werde jetzt eh zu spät, plant seinen baldigen Aufbruch und hinterlässt Habib die Anweisung, das eben Aufgegrabene wieder zuzuschaufeln. Außer, Dillinger komme später doch noch: „Dann wieder aufschaufeln!“ Besser sind die kleineren Planungsunschärfen im kommunalen Bauwesen nie dargestellt worden – und nebenbei zeigt die immer noch aktuelle Satire aus dem Jahr 1982, dass man die Integration zugezogener Arbeitskräfte im Alltag auch in früheren Jahrzehnten keinesfalls übereilt angegangen ist.

Zusammen mit seiner begnadet alle Schicksen, Xanthippen, Nachbarschaftstratschen, Vorstadtspießerinnen und Society-Hexen karikierenden Partnerin Gisela Schneeberger und mit dem Autor Hanns Christian Müller hat Polt von 1979 bis 1988 eine Horrorenzyklopädie der deutschen Alltäglichkeit vorgelegt, in der neben Grobheit und Missgunst Selbstgefälligkeit und Wurschtigkeit wichtige Naturgewalten darstellen. Bayern wiederholt die Serien derzeit wöchentlich montags, die bereits ausgestrahlten Folgen sind in der Mediathek zu genießen. Aber Vorsicht: Sie sind kein bisschen gealtert, sie tun noch immer auch weh.

Ausstrahlung: BR 3, Montag, 6. April 2020, 22.45 Uhr. Alle Folgen derzeit in der ARD-Mediathek.




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