Satiremagazin „Charlie Hebdo“ Hierzulande galt Satire als Majestätsbeleidigung

Kultur: Thomas Klingenmaier (tkl)
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In Deutschland mit seiner vom Unter­tanengeist geprägten Geschichte haftete der Satire stets der Ruch der Majestäts­beleidigung an. Weite Teile der bürgerlichen Klasse, die ihre Privilegien als von oben gewährtes Lehen sahen, standen dem frechen Geist stets ablehnend gegenüber. In Frankreich lebt die Erinnerung fort, dass Karikatur und Satire Waffen des ganzen Volkes waren, als es sich im 18. Jahrhundert gegen den Adel erhob. Dass erschütternde, den Frieden störende, manches auf den Kopf drehende Bilder nötig sind, damit sich nach der Erschütterung zuvor Verkantetes neu positionieren kann, wird in Frankreich als Funktion von Satire akzeptiert, mehr als bei uns. Was nicht heißen soll, dass Satire stets ohne Repression blieb.

„Charlie Hebdo“ ging 1970 aus dem Vorgängerblatt „Hara-Kiri“ hervor, das bei Konservativen und Christen oft angeeckt hatte. Das Verkaufsverbot an Minderjährige nach einem lästerlichen Titel über den Tod Charles de Gaulles führte zu einem Ausweichmanöver der Redaktion: Sie gründete mit „Charlie Hebdo“ eine neue Zeitschrift. Hebdo ist schlicht die Abkürzung von hebdomadaire, allwöchentlich also, und Charlie bezog sich, glaubt man den einen, auf den allen Kummer ertragenden Charlie Brown aus „Peanuts“. Der Zeichner Georges Wolinski hat allerdings zu Protokoll gegeben, natürlich sei das eine Anspielung auf de Gaulle gewesen.

Antastbar ist grundsätzliche alles und jeder

„Charlie Hebdo“ hat sich lange als linkes Blatt verstanden. Aber die ideologische Zersplitterung der Linken und die Schwierigkeiten mit den Utopien haben es den Karikaturisten von „Charlie Hebdo“ immer schwer gemacht, sich als braves Korrekturinstrument zu sehen, als Hilfe, die Gesellschaft in eine bestimmte Richtung zu drehen. Einend war der Angriff auf das, was man als klar antiaufklärerisch sah, was in fundamentaler Opposition zu Grundwerten stand. Erzkonservative Christen und Moslems wurden eben nicht nur aus wirtschaftlichem Kalkül angegangen.

Heilig, das heißt im Denken des Gläubigen auch: unantastbar. Das Unantastbare aber ist das erste Ziel der Karikatur, die die Antastbarkeit aller Personen, Ämter und Ideen für die Essenz der Demokratie und Diskurskultur hält. Der zwölffache Mord von Paris soll keineswegs den Rachedurst einiger Fanatiker stillen, er ist ein Anschlag auf jenen freien Diskurs, den „Charlie Hebdo“ nicht einfach ausgenutzt, sondern verteidigt hat. Aus Frankreich kommt eine Nachricht, über die sich nicht einmal die großen Spötter lustig gemacht hätten: Nächste Woche wird „Charlie Hebdo“ wieder erscheinen, erstmals mit einer Auflage von einer Million.




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