„Charlie Hebdo“ steht in einer karikaturistischen Tradition, die ihre Ursprünge in der Französischen Revolution hat. Das Blatt passt aber in keine ideologische Schublade, sondern richtet sich gegen antiaufklärerische Tendenzen jeder Couleur.

Kultur: Thomas Klingenmaier (tkl)

Paris - Es war ein spontanes und rührendes Zeichen von Solidarität und Protest. Die Meldungen, dass Attentäter die Redaktion der Pariser Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ überfallen hatten, liefen noch nicht lange, da tauschten Menschen ihre Nutzerbilder in den sozialen Netzwerken gegen einen weißen Schriftzug auf schwarzem Grund aus: „Je suis Charlie“, also: Auch ich bin Charlie. Auf Twitter ist das zum Hashtag geworden, mit dem man seine eigenen Wortmeldungen zu dem Mordanschlag markiert. Zeitungen druckten den Satz großflächig, und der schwarze Hintergrund wurde ein Bild für den Zensuranspruch der Mörder.

Gibt es Zeitgenossen, die das böse kommentieren könnten? Ja, und von sieben unerbittlichen Spöttern kann man die Namen nennen. Nur dass ihre Träger jetzt tot sind: Elsa Cayat, Georges Wolinski, Stéphane Charbonnier alias Charb, Bernard Verlhac alias Tignous, Jean Cabut alias Cabu, Philippe Honoré, Bernard Maris. Sie waren Zeichner und Kolumnisten des Magazins „Charlie Hebdo“, und sie wären ganz gewiss auch über achtbare Trauerrituale und verständliche Mitläufereffekte hergefallen: „Charlie Hebdo“ war nicht am Markt, um irgendwelche Grenzen zu respektieren.

Müsste man das Kredo der Redaktion zusammenfassen, müsste es wohl so lauten: „Satire ohne Grenzüberschreitung ist keine. Eine Grenzüberschreitung ohne Empörungsschrei ginge nicht weit genug.“

Das Blatt hat eine auflagenstarke Konkurrenz

Die Franzosen kennen „Charlie Hebdo“, das heißt aber nicht, dass sie das Spottblatt – es ist tatsächlich kein geheftetes Magazin, sondern eine sechzehnseitige, gefaltete Zeitung – auch kaufen. Sie kennen „Charlie Hebdo“ vom Kiosk, amüsieren sich über das neueste Titelbild, bekommen im Internet oder gar über die Nachrichten mit, wer sich von welcher Karikatur wieder einmal verunglimpft sah. Diese Schere zwischen Bekanntheit und verkaufter Auflage kennt man in Deutschland vom Satiremagazin „Titanic“.

Anders als „Titanic“ muss „Charlie Hebdo“ allerdings mit einer viel größeren, bei Frankreichs Bildungsbürgern renommierteren Konkurrenz klarkommen: nämlich mit der ebenfalls wöchentlich erscheinenden Satirezeitung „Le Canard enchaîné“. Diese kommt noch immer auf eine Auflage von 400 000 Exemplaren, „Charlie Hebdo“ brachte es zuletzt in normalen Wochen auf 140 000. Gab es aber wieder einmal Krawall um Mohammed-Karikaturen, soll die Auflage teilweise auf bis zu 200 000 Exemplare angestiegen sein.

Bei solchen Relationen könnte mancher schnell mit der Deutung bei der Hand sein, dass die Provokation der Muslime ein Geschäftsmodell gewesen sei, die letzte Rettung für ein Blatt, das schon einmal ganz vom Markt verschwunden war. 1970 gegründet, stellte „Charlie Hebdo“ 1981 sein Erscheinen ein, wurde 1992 aber frisch gestartet. Jede monokausale Erklärung für die Respektlosigkeit der Redaktion ließe aber wichtige Aspekte außer Acht, das ganze Werk der nun Getöteten ebenso wie die Geschichte der Satire in Frankreich.

Hierzulande galt Satire als Majestätsbeleidigung

In Deutschland mit seiner vom Untertanengeist geprägten Geschichte haftete der Satire stets der Ruch der Majestätsbeleidigung an. Weite Teile der bürgerlichen Klasse, die ihre Privilegien als von oben gewährtes Lehen sahen, standen dem frechen Geist stets ablehnend gegenüber. In Frankreich lebt die Erinnerung fort, dass Karikatur und Satire Waffen des ganzen Volkes waren, als es sich im 18. Jahrhundert gegen den Adel erhob. Dass erschütternde, den Frieden störende, manches auf den Kopf drehende Bilder nötig sind, damit sich nach der Erschütterung zuvor Verkantetes neu positionieren kann, wird in Frankreich als Funktion von Satire akzeptiert, mehr als bei uns. Was nicht heißen soll, dass Satire stets ohne Repression blieb.

„Charlie Hebdo“ ging 1970 aus dem Vorgängerblatt „Hara-Kiri“ hervor, das bei Konservativen und Christen oft angeeckt hatte. Das Verkaufsverbot an Minderjährige nach einem lästerlichen Titel über den Tod Charles de Gaulles führte zu einem Ausweichmanöver der Redaktion: Sie gründete mit „Charlie Hebdo“ eine neue Zeitschrift. Hebdo ist schlicht die Abkürzung von hebdomadaire, allwöchentlich also, und Charlie bezog sich, glaubt man den einen, auf den allen Kummer ertragenden Charlie Brown aus „Peanuts“. Der Zeichner Georges Wolinski hat allerdings zu Protokoll gegeben, natürlich sei das eine Anspielung auf de Gaulle gewesen.

Antastbar ist grundsätzliche alles und jeder

„Charlie Hebdo“ hat sich lange als linkes Blatt verstanden. Aber die ideologische Zersplitterung der Linken und die Schwierigkeiten mit den Utopien haben es den Karikaturisten von „Charlie Hebdo“ immer schwer gemacht, sich als braves Korrekturinstrument zu sehen, als Hilfe, die Gesellschaft in eine bestimmte Richtung zu drehen. Einend war der Angriff auf das, was man als klar antiaufklärerisch sah, was in fundamentaler Opposition zu Grundwerten stand. Erzkonservative Christen und Moslems wurden eben nicht nur aus wirtschaftlichem Kalkül angegangen.

Heilig, das heißt im Denken des Gläubigen auch: unantastbar. Das Unantastbare aber ist das erste Ziel der Karikatur, die die Antastbarkeit aller Personen, Ämter und Ideen für die Essenz der Demokratie und Diskurskultur hält. Der zwölffache Mord von Paris soll keineswegs den Rachedurst einiger Fanatiker stillen, er ist ein Anschlag auf jenen freien Diskurs, den „Charlie Hebdo“ nicht einfach ausgenutzt, sondern verteidigt hat. Aus Frankreich kommt eine Nachricht, über die sich nicht einmal die großen Spötter lustig gemacht hätten: Nächste Woche wird „Charlie Hebdo“ wieder erscheinen, erstmals mit einer Auflage von einer Million.

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