Satiremagazin „Charlie Hebdo“ Nicht dazu da, Grenzen zu respektieren

Die aktuelle Titelseite des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ ziert das Konterfei des (auch in Wirklichkeit durchaus vom  Leben gezeichneten) Schriftstellers Michel Houellebecq. Foto: StZ 11 Bilder
Die aktuelle Titelseite des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ ziert das Konterfei des (auch in Wirklichkeit durchaus vom Leben gezeichneten) Schriftstellers Michel Houellebecq. Foto: StZ

„Charlie Hebdo“ steht in einer karikaturistischen Tradition, die ihre Ursprünge in der Französischen Revolution hat. Das Blatt passt aber in keine ideologische Schublade, sondern richtet sich gegen antiaufklärerische Tendenzen jeder Couleur.

Kultur: Thomas Klingenmaier (tkl)
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Paris - Es war ein spontanes und rührendes Zeichen von Solidarität und Protest. Die Meldungen, dass Attentäter die Redaktion der Pariser Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ überfallen hatten, liefen noch nicht lange, da tauschten Menschen ihre Nutzerbilder in den sozialen Netzwerken gegen einen weißen Schriftzug auf schwarzem Grund aus: „Je suis Charlie“, also: Auch ich bin Charlie. Auf Twitter ist das zum Hashtag geworden, mit dem man seine eigenen Wortmeldungen zu dem Mord­anschlag markiert. Zeitungen druckten den Satz großflächig, und der schwarze Hintergrund wurde ein Bild für den Zensur­anspruch der Mörder.

Gibt es Zeitgenossen, die das böse kommentieren könnten? Ja, und von sieben unerbittlichen Spöttern kann man die Namen nennen. Nur dass ihre Träger jetzt tot sind: Elsa Cayat, Georges Wolinski, Stéphane Charbonnier alias Charb, Bernard Verlhac alias Tignous, Jean Cabut alias Cabu, Philippe Honoré, Bernard Maris. Sie waren Zeichner und Kolumnisten des Magazins „Charlie Hebdo“, und sie wären ganz gewiss auch über achtbare Trauerrituale und verständliche Mitläufereffekte hergefallen: „Charlie Hebdo“ war nicht am Markt, um irgendwelche Grenzen zu respektieren.

Müsste man das Kredo der Redaktion zusammenfassen, müsste es wohl so lauten: „Satire ohne Grenzüberschreitung ist keine. Eine Grenzüberschreitung ohne Empörungsschrei ginge nicht weit genug.“

Das Blatt hat eine auflagenstarke Konkurrenz

Die Franzosen kennen „Charlie Hebdo“, das heißt aber nicht, dass sie das Spottblatt – es ist tatsächlich kein geheftetes Magazin, sondern eine sechzehnseitige, gefaltete Zeitung – auch kaufen. Sie kennen „Charlie Hebdo“ vom Kiosk, amüsieren sich über das neueste Titelbild, bekommen im Internet oder gar über die Nachrichten mit, wer sich von welcher Karikatur wieder einmal verunglimpft sah. Diese Schere zwischen Bekanntheit und verkaufter Auflage kennt man in Deutschland vom Satiremagazin „Titanic“.

Anders als „Titanic“ muss „Charlie Hebdo“ allerdings mit einer viel größeren, bei Frankreichs Bildungsbürgern renommierteren Konkurrenz klarkommen: nämlich mit der ebenfalls wöchentlich erscheinenden Satirezeitung „Le Canard enchaîné“. Diese kommt noch immer auf eine Auflage von 400 000 Exemplaren, „Charlie Hebdo“ brachte es zuletzt in normalen Wochen auf 140 000. Gab es aber wieder einmal Krawall um Mohammed-Karikaturen, soll die Auflage teilweise auf bis zu 200 000 Exemplare angestiegen sein.

Bei solchen Relationen könnte mancher schnell mit der Deutung bei der Hand sein, dass die Provokation der Muslime ein Geschäftsmodell gewesen sei, die letzte Rettung für ein Blatt, das schon einmal ganz vom Markt verschwunden war. 1970 gegründet, stellte „Charlie Hebdo“ 1981 sein Erscheinen ein, wurde 1992 aber frisch gestartet. Jede monokausale Erklärung für die Respektlosigkeit der Redaktion ließe aber wichtige Aspekte außer Acht, das ganze Werk der nun Getöteten ebenso wie die Geschichte der Satire in Frankreich.




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