Zwei außergewöhnlich gut erhaltene Dinosaurier-Mumien aus den USA enthüllen Überraschendes. Denn die Fossilien von Edmontosauriern weisen nicht nur Haut, Stacheln und einen fleischigen Rückenkamm auf, sondern auch keilförmige Hufe an den Hinterfüßen.

Wochenend-Magazin: Markus Brauer (mb)

Zum Ende der Kreidezeit, vor rund 66 Millionen Jahren, haben zwei Dinosaurier, ein Jungtier von etwa 2 Jahren und ein erwachsener Entenschnabel-Dinosaurier – Edmontosaurus annectens – das Gebiet des heutigen Wyoming durchstreift. Sie starben vermutlich durch Dürre und ihre Kadaver vertrockneten, bevor sie durch eine Flutwelle überspült und unter Sediment begraben wurden.

 

 Nun haben Forscher ihre „Mumien“ entdeckt. Sie ermöglichen dank detaillierter Abdrücke von Haut, Stacheln und Füßen erstmals ein genaues Bild der Urzeit-Reptilien.

Paul Sereno von der Universität Chicago bestaunt die gut erhaltenen Hufe an den Füßen einer erwachsenen Mumie des Edmontosaurus annectens mit dem Spitznamen „Ed Sr.“. Foto: Photograph courtesy of University of Chicago Fossil Lab/Kieth Ladzinski/dpa

Ihre Ergebnisse haben die Wissenschaftler der Universität Chicago im Fachmagazin „Science“ vorgestellt.

Das erste bestätigte Reptil mit Hufen

„Erstmalig haben wir ein vollständiges, detailliertes Bild eines großen Dinosauriers, von dem wir wirklich überzeugt sind“, erklärt Erstautor und Paläontologe Paul Sereno. Neben der besonderen Beschaffenheit der Funde und der Art ihrer Konservierung ist für ihn eine weitere Erkenntnis besonders wichtig: Die Pflanzenfresser besaßen am Hinterfuß offenbar keilförmige Hufe.

Bisher sei darüber nur gemutmaßt worden, so Sereno. „Diese Entenschnabelsaurier-Mumien bergen viele ‚Premieren’: die frühesten dokumentierten Hufe eines Landwirbelsäulentiers und das erste bestätigte Reptil mit Hufen.“

Erstes „vollständiges, detailliertes Bild eines großen Dinosauriers“

Auch über den restlichen Körperbau sammelten die Wissenschaftler viele Informationen:

  • Die Haut der Saurier war mit eher kleinen Schuppen bedeckt, gerade einmal ein bis vier Millimeter groß.
  • Entlang der Mittellinie, vom Hals bis zum Rumpf, verlief ein fleischiger Kamm, der über den Hüften in eine Stachelreihe überging und bis zur Schwanzspitze reichte.
Edmontosaurus annectens war bis zu zwölf Meter lang und ernährte sich von Pflanzen. Foto: © Dani Navarro
  • Seine Hinterfüße ähnelten dem Aufbau moderner Huftiere wie Pferden.
  • Die Spitzen der drei Hinterzehen waren von einem keilförmigen Huf mit einer flachen Unterseite und fleischigem Fersenpolster umgeben.
  • Auch die Vorderfüße waren behuft, allerdings deutlich kleiner und mit kürzeren Gliedmaßen.

Mumifizierung mit lehmigen Puderfilm

Doch wie konnten die Autoren der neuen Studie jetzt so viele Details über das exakte Aussehen der Dinoart herausfinden? Aussagen über Haut, Knochen und Muskeln sind eigentlich schwer zu treffen, da sie sich rasch zersetzen und Knochenfunde und Fußabdrücke nur kleine Hinweise liefern.

Hier bilden die Wyoming-Funde durch die Art ihrer „Mumifizierung“ eine Ausnahme: Nach dem Tod der Dinosaurier trocknete ihr Körper an der Oberfläche zunächst aus. Die Kadaver wurden anschließend mit einem dünnen Biofilm aus feuchtem Lehm und Ton bedeckt, der während der Verwesung ein genaues Abbild des Körpers schaffte, erläutert Paul Sereno.

„Es funktioniert wie eine Maske oder Schablone. Die Lehmschicht ist dabei so dünn, dass man sie wegpusten könnte.“ Gerade dadurch konserviert sie aber auch kleinste Details.

Der Huf, der als sehr dünne Lehmschicht erhalten geblieben ist, bedeckt den Endzehenknochen im Fuß einer Mumie des erwachsenen Entenschnabelsauriers. Foto: Photograph courtesy of Tyler Keillor/UChicago Fossil Lab/dpa

Die so entstandenen Dino-Mumien unterscheiden sich maßgeblich von den bekannten Menschen-Mumien, wie sie zum Beispiel aus dem alten Ägypten bekannt sind. Es sind, anders als bei solchen künstlich hergestellten Mumien, keine organischen Materialien wie Haut, Stacheln und Hufe mehr vorhanden. Die nur etwa 0,25 Millimeter dicke Lehmschicht liefert stattdessen einen exakten, dreidimensionalen Abdruck des Körpers.

Die Fossilien enthüllen zahlreiche Weichteilstrukturen: Einen fleischigen Rückenkamm, der beim erwachsenen Tier etwa 28 Zentimeter hoch gewesen wäre. Eine Stachelreihe entlang des Schwanzes sowie polygonale Schuppen mit Größen von ein bis neun Millimetern. Diese Details waren nur erkennbar, weil die Fossilien so außergewöhnlich gut erhalten waren, was wiederum auf die Bedingungen am Fundort zurückzuführen ist. Foto: science.org

Hightech trifft Fingerspitzengefühl

Um die filigranen Mumien-Abdrücke freizulegen, brauchte die Gruppe Fingerspitzengefühl: In aufwendiger Handarbeit legte das Team um den Fossilienexperten Tyler Keillor zuerst die hauchdünne Lehmschicht frei, bevor sie im Labor von Evan Saitta mit 3D-Oberflächenbildgebung, CT-Scans und Röntgenspektroskopie genauer untersucht und nachgebildet wurden.

Die schuppige Haut eines Kamms auf dem Rücken von „Ed Jr.“. Der Entenschnabelsaurier, dessen Alter zum Zeitpunkt seines Todes auf etwa zwei Jahre geschätzt wird, ist die einzige jemals entdeckte Mumie eines jugendlichen Dinosauriers.

Die schuppige Haut eines Kamms auf dem Rücken von „Ed Jr.“. Der Entenschnabelsaurier, dessen Alter zum Zeitpunkt seines Todes auf etwa zwei Jahre geschätzt wird, ist die einzige jemals entdeckte Mumie eines jugendlichen Dinosauriers. Foto: Photograph courtesy of Tyler Keillor/Fossil Lab/dpa

Schritt für Schritt rekonstruierte das Forschungsteam so das erste vollständige Bild eines „behuften“ Dinosauriers, der vor rund 66 Millionen Jahren durch die Landschaft lief.

Der Edmontosaurus annectens ist der erste bekannte Dinosaurier mit Hufen. Foto: s /cience.org

Mumien-Zone der Dinos

Die Fundstelle in der Lance-Formation wird auch als „Mummy Zone“ - zu Deutsch „Mumien-Zone“ bezeichnet. „Die Badlands sind ein einzigartiges Gebiet, das noch viele weitere Überraschungen in Form von Fossilien bereithält“, meint auch Sereno.

Hier fand vor über 100 Jahren der Fossiliensammler Charles Sternberg die ersten Entenschnabeldinosaurier. Dank historischer Aufzeichnungen und genauer Analysen konnte das Team der Universität Chicago jetzt, über ein Jahrhundert später, den alten Fundort in den Badlands rekonstruieren und die neuen Funde machen.