Mit Superlativen sollte man im Sport vorsichtig sein. Wenn aber die Spielkunst eines Profis auffällig häufig als „Handball von einem anderen Stern“ bezeichnet wird, dann muss da zumindest ein Körnchen Wahrheit dran sein. Bei Omar Ingi Magnusson ist dies so. Der Isländer ragt aus einem aktuell ohnehin genial auftrumpfenden Kollektiv heraus. „Omar und der SC Magdeburg – das ist eine perfekte Symbiose“, sagt SCM-Coach Bennet Wiegert vor dem Topspiel gegen den THW Kiel an diesem Samstag (18 Uhr/ARD). Ein Sieg der Magdeburger (44:2 Punkte) gegen den Tabellenzweiten (38:10 Punkte) – und auch die allerletzten Zweifler wären von der ersten deutschen Meisterschaft des SCM nach dem Titelgewinn 2001 überzeugt.
Toptorschütze der EM 2022
Schon im Hinspiel im vergangenen Oktober in Kiel hatte das Wiegert-Team mit 29:27 über den THW triumphiert. Wie so oft war auch da Magnusson mit sechs Treffern erfolgreichster Werfer. Der Linkshänder besticht durch seine Beständigkeit: Mit 274 Treffern (davon 134 Siebenmeter) sicherte er sich die Torjägerkrone der Bundesliga-Saison 2020/21. Auch bei der EM im Januar 2022 war der Isländer mit 59 Toren der Topschütze des Turniers, und aktuell liegt er in der Erstliga-Torschützenliste mit 150 Treffern (davon 71 Siebenmeter) auf Platz zwei hinter Bjarki Elison (156/56) vom TBV Lemgo. Doch es ist nicht nur die Wurfgenauigkeit, die den für einen Spieler im halbrechten Rückraum mit 1,86 Metern kleinen Ausnahmehandballer auszeichnet: Es sind auch seine trickreichen Finten, die messerscharfen Pässe, seine zahlreichen Assists.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Interview mit Bennet Wiegert: „Ich mache vieles extremer als andere“
Schon mit 19 Jahren hatte der in Selfoss geborene Handballer Island verlassen, zu früh, wie ihm einige sogenannte Experten in seiner Heimat prophezeiten. Doch sie lagen falsch. In der dänischen Liga bei Aarhus Handbold (2016 bis 2018) machte er seine ersten Schritte im Ausland, bei Champions-League-Club Aalborg Handbold entwickelte er sich weiter und feierte mit dem Topclub auch die dänische Meisterschaft in 2019 und 2020.
Folgenreiche Gehirnerschütterung
Wobei er auch einen schweren Rückschlag zu verkraften hatte. Im Juni 2019 fiel er im Meisterschafts-Halbfinale bei Bjerringbro-Silkeborg nach einem brutalen Foul auf den Hinterkopf. An den Folgen der Gehirnerschütterung litt er lange, sieben bis acht Monate lang war nicht an Handball zu denken. „Es war ein sehr spezielles Erlebnis. Ich will das definitiv nicht noch einmal durchmachen“, sagte der Ausnahme-Handballer.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Interview mit HBW-Geschäftsführer Wolfgang Strobel: „Abstiegskampf wird ein Ritt auf der Rasierklinge“
Im Sommer 2020 folgte dann der Umzug nach Magdeburg. Dort brachte seine Frau Harpa Solveig Brynjarsdottir im August 2020 Zwillinge auf die Welt, und beflügelt von den Vaterfreuden schlug der Linkshänder sportlich in einem Maße ein, wie es keiner erwartet hatte. Nicht einmal er selbst. „Der Sprung in die Bundesliga war für mich eine große Herausforderung. Auch wenn ich wusste, dass ich Handball spielen kann, bin ich sehr froh, dass ich dem Team schon im ersten Jahr so gut helfen konnte“, sagte Magnusson.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Unser Abstiegs-Check mit Rolf Brack: Wer muss in die zweite Liga runter?
Ärger mit Gudmundsson
Auch in der isländischen Nationalmannschaft gehört der Linkshänder zu den Topspielern. Wobei er sich bei der WM 2021 in Ägypten plötzlich auf der Tribüne wiederfand. Er hatte mehr Freiheiten im Angriff eingefordert, wollte nicht alles strikt vorgegeben bekommen – woraufhin Coach Gudmundur Gudmundsson ihn aus dem 16-Mann-Kader verbannte. Doch längst sind die Unstimmigkeiten ausgeräumt – schon bei der EM 2022 setzte Magnusson wieder für Island zum Sprungwurf an und warf so viele Tore wie kein anderer im Turnier.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Interview mit Benjamin Matschke: „Von der spanischen Philosophie sehe ich beim TVB Stuttgart nicht mehr viel“
Kein Wunder, dass ihm in den vergangenen Monaten auch schon einige unmoralische Angebote von in- und ausländischen Clubs ins Haus flatterten. Doch Wiegert stellte klar: „Wir würden ihn selbst für eine im Handball utopische Summe nicht abgeben. Denn was bringt uns viel Geld, wenn wir sportlich und menschlich keinen adäquaten Ersatz auf dem Markt finden würden? Das entspricht nicht unserer Philosophie.“
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Interview mit Dominik Weiß: „Trainer und Mannschaft haben zueinander gefunden“
Um das zu unterstreichen, wurde der ursprünglich bis 2024 laufende Vertrag von Magnusson vor Kurzem bis 2026 verlängert. „Mit 25 ist Omar noch lange nicht am Ende seiner Entwicklung“, sieht Wiegert sogar noch Entwicklungspotenzial und wirft damit eine Frage auf: Was ist die Steigerung von „Handball von einem anderen Stern“?