Bei der Weltmeisterschaft in Moskau steht es zwischen dem Herausforderer aus Israel und dem Titelverteidiger nach acht Partien 4:4.
Moskau - Wie lange er sich auf dieses Match denn vorbereitet habe, wird er gefragt. Sein ganzes Leben lang, antwortet Boris Gelfand. Wofür hat er denn Zehntausende von Stunden mit seinem geliebten Schachspiel verbracht, wenn nicht dafür, um die Weltmeisterschaft zu kämpfen. Und seine siebte Partie im Titelkampf gegen Viswanathan Anand war vielleicht wirklich der Höhepunkt seiner Karriere.
Die ersten sechs Partien gegen den Titelverteidiger aus Indien waren keine Werbung gewesen. Alles remis, zuletzt eines dröger als das andere. Trotzdem war zur siebten Partie der Wrubel-Saal der Moskauer Tretjakow-Galerie bis auf den letzten Platz besetzt. Erstmals mussten Zuschauer Schlange stehen, bis jemand seinen Sessel räumt. Wer geahnt hatte, dass dieser Wettkampf so nicht weitergehen konnte, wurde belohnt: Gelfand führte eine Musterpartie gegen einen hinter den eigenen Bauernreihen eingezwängten Läufer. Am Ende hätte sich Gelfand zwar mit einem Bauern eine neue Dame holen können, doch dann wäre sein König in zwei Zügen matt gewesen.
Als sich Anand geschlagen gab, setzte tosender Applaus ein. In der vordersten Reihe sprangen einige ältere Herren auf und reckten die Fäuste unter „Boris“-Rufen Richtung Bühne. Vor den Bildschirmen im Presseraum lagen sich im gleichen Moment einige hochbetagte Damen und Herren in den Armen: Gelfands erste Schachlehrerin, seine ersten Trainer und ihre Ehefrauen, alle seitdem in die USA ausgewandert. Er hat sie nach Moskau eingeladen. Sein Triumph war auch ihrer. Und der Weltmeistertitel schien zum Greifen nah.
Gelfands folgenschwerer Fehler
Nicht einmal 22 Stunden allerdings hielt die Freude. In der achten Partie unterlief Gelfand vor seinem 14. Zug ein folgenschwerer Rechenfehler. Er bot einen Springer an, um einen Turm zu erobern. Dass Anand dann seine Dame fangen konnte, entdeckte Gelfand zu spät. Er war nicht der Einzige. Auch Peter Leko, ein ungarischer Weltklassespieler, der fürs Publikum kommentierte, hatte die Pointe übersehen. „Dieser Zug war vorher nicht in der Stellung“, versuchte Leko eine Erklärung: „In allen anderen Varianten geht die Dame nach f4, nicht nach f2.“
Sein russischer Kollege Peter Swidler tippt auf Übermut: „Gelfand hat mit Schwarz sehr scharf gespielt. Er wollte das Match entscheiden. Er wollte Anand erledigen, solange der angeschlagen ist.“ Statt 5:3 für Gelfand steht es vor der neunten Partie am heutigen Mittwoch nun 4:4, und Swidler sieht die Chancen des Herausforderers schwinden: „So eine Niederlage steckt man nicht leicht weg.“
Die Legende Kasparow hält zu Gelfand
Boris Gelfand ist 1998 aus dem weißrussischen Minsk nach Israel ausgewandert. Die USA, wohin seine Eltern gezogen sind, waren ihm zu weit weg von den Turniersälen Europas. Außerdem hat er viele Freunde in Israel, etwa seinen langjährigen Trainingspartner Ilja Smirin, der als Kommentator bei der Weltmeisterschaft dabei ist, oder Alexander Huzman, der ihn als Sekundant begleitet.
Ein anderer Jugendfreund, Andrej Filatow, hat es in Russland als Transportunternehmer zum Milliardär gebracht. In Minsk haben Gelfand und er zusammen die Sporthochschule besucht. Nun sponsert Filatow die WM – doch nur vordergründig aus schachlichem Interesse. Filatow geht es um Regierungsaufträge. Eingefädelt hat den Deal Arkadi Dworkowitsch, der nicht nur der starke Mann im russischen Schachverband ist, sondern auch die rechte Hand des Premierministers Dimitri Medwedew.
Umgerechnet gut drei Millionen Euro gibt Filatow aus, die Hälfte davon als Preisgeld. Im indischen Chennai, Anands Heimatstadt, wäre noch mehr drin gewesen, doch der Weltschachbund wollte sich bei der Vergabe der WM nicht mit seinem mächtigsten nationalen Verband anlegen.
Gelfand zählt seit 1990 zur Weltklasse
Moskau ist für Gelfand nicht nur wegen seiner Muttersprache also ein Heimspiel. „Anand hat seine Fans, aber die meisten russischen Schachspieler sind für Gelfand“, sagt Jewgeni Atarow von der russischen Website Chesspro. Für Gelfand die Daumen zu drücken, dafür gibt es viele Gründe: Er ist der Underdog. Er zählt seit 1990 zur Weltklasse. Und er ist mit fast 44 Jahren der Methusalem der Schachelite.
In diesem Alter hatte die Schachlegende Garri Kasparow ihre Karriere bereits beendet. Der Ex-Weltmeister war als Ehrengast und Kommentator beim Match. „Anand hat sein Interesse am Schach verloren“, sagte Kasparow. Und: „Gelfand hätte es verdient.“ Ob das reicht?