Stickstoffdioxid an Straßen Überall wird die Luft besser – nur nicht in Ludwigsburg
An den besonders belasteten Stellen im Land sind die Stickstoffdioxidwerte gesunken – in Ludwigsburg nicht. Wie kann das sein?
An den besonders belasteten Stellen im Land sind die Stickstoffdioxidwerte gesunken – in Ludwigsburg nicht. Wie kann das sein?
Ludwigsburg - Überall im Land wird die Luft an besonders viel befahrenen Straßen besser, Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) wähnt Baden-Württemberg auf „einem guten Weg“, die Belastungen und Krankheitsrisiken durch Luftschadstoffe für seine Bürgerinnen und Bürger zu reduzieren und weitere Fahrverbote für Dieselfahrzeuge abzuwenden – zu Recht. Vor vier Jahren waren die Grenzwerte für Stickstoffdioxid (NO2) im Jahresmittel noch in 18 Städten in Baden-Württemberg überschritten worden, im ersten Halbjahr 2021 riss nur noch eine Stadt den kritischen Wert: Ludwigsburg. Die Schlossstraße bleibt ein Sorgenkind.
Begeistert haben dürfte die Nachricht die Verantwortlichen im Rathaus freilich nicht. Dass die Messwerte in Ludwigsburg noch immer so unerwartet hoch sind, sei „für die Stadt ein Ansporn, die Maßnahmen für einen nachhaltigen Verkehr weiterhin und verstärkt umzusetzen“. Nur: Anderswo greifen diese Maßnahmen wesentlich besser als in der Barockstadt. Selbst am Neckartor in Stuttgart – die Kreuzung dort galt lange Zeit als dreckigste in ganz Deutschland – wurden zuletzt noch 36 Mikrogramm NO2 pro Kubikmeter im Mittel gemessen, dort hat sich der Wert innerhalb von drei Jahren halbiert. In der Schlossstraße ist er im letzten halben Jahr kaum gesunken – von 47 auf 46 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter.
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Das Ministerium in Stuttgart führt neben dem geringeren Verkehrsaufkommen wegen der Coronakrise beispielsweise auch neue Umweltzonen, den Ausbau des Radverkehrs, Tempo 40 und zusätzliche Busspuren als Gründe für die geringeren Schadstoffmengen in der Luft an. Dinge, die Ludwigsburg auch angegangen ist. Neue Radwege: gibt es an mehreren Stellen in der Stadt; Tempo 40: gilt auf der B 27 entlang der Schloss- und Friedrichstraße seit mehr als einem Jahr; mehr Platz für Busse: Auch den hat die Stadt mit einer Spur in Richtung Innenstadt geschaffen. Warum gibt es dann in Ludwigsburg quasi keine Verbesserung?
Aus Sicht der Stadt liegt es am „überregionalen Charakter der B 27“, als „Zufahrtsstraße nach Stuttgart“. Wenn Menschen aus der Region aus Coronagründen verstärkt das Auto statt den ÖPNV nutzten, wirke sich das unmittelbar auf die Zahlen an der Messstelle in der Schlossstraße aus. Dies unterscheidet Ludwigsburg aus Sicht der Stadtverwaltung auch von anderen Städten. Mit mehr als 60 000 Fahrzeugen könne die Bundesstraße mit manchem Autobahnabschnitt mithalten. In letzter Konsequenz bedeutet das: Die Autos müssen anderswo lang, die B 27 entlastet werden, beispielsweise, indem der Verkehr aus Nord-Westen vermehrt über die A 81 und die B 10 geleitet wird. „Hier dürfen wir aber aus regionaler Verpflichtung heraus nicht nur auf Ludwigsburg schauen, sondern müssen auch die anderen Kommunen einbeziehen“, sagt Oberbürgermeister Matthias Knecht, „denn drastische Maßnahmen in Ludwigsburg haben Auswirkungen auf die Kommunen ringsherum und den Verkehrsfluss in der Region.“
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Alternativ oder ergänzend könnte eine bereits diskutierte, aber schon verworfene Idee wieder an Fahrt aufnehmen: ein Tunnel für die B 27 auf dem Abschnitt vom Schloss bis zum Forum. Auch ein Durchfahrtsverbot für Lastwagen ist eine Möglichkeit, denn der Rathauschef kommt zu der Erkenntnis, dass die bisher getroffenen Maßnahmen alleine nicht ausreichen. Trotzdem seien die Schritte – egal ob Busspur oder Parkraumbewirtschaftung – ein Beitrag für die saubere Luft und werden deswegen beibehalten, „zumal sie ein Baustein der Mobilitätswende sind“.
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Und die will die Stadt weiter vorantreiben, „wir werden weiterhin auf die Elektromobilität setzen, wir werden die Radinfrastruktur weiter ausbauen, und wir werden uns für eine lebenswerte Innenstadt mit weniger Autos einsetzen“, sagt Knecht. Außerdem soll der Busverkehr weiter optimiert werden, digital vernetzte und anders geschaltete Ampeln sollen regeln, dass der Verkehr besser fließt. Besonders große Hoffnung setzt die Stadt in die Filtersäulen, die seit Kurzem in der Schlossstraße stehen. Auf die nun veröffentlichen Stickoxidwerte hatten sie noch keinen Einfluss. Spätestens im kommenden Frühjahr sollen sie dann Wirkung zeitigen – andernfalls droht erneut das leidige Thema Dieselfahrverbote.
Vorgaben der Europäischen Union
Grenze
Die Grenzwerte für Stickstoffdioxid (NO2) ergeben sich aus einer Richtlinie der EU und deren Umsetzung in nationales Recht. Der zulässige Jahresmittelwert liegt bei 40 Mikrogramm pro Kubikmeter, Konzentrationsspitzen dürfen 200 Mikrogramm nicht überschreiten.
Städte
Nach Ludwigsburg sind die Tal- und Pragstraße in Stuttgart mit exakt 40 Mikrogramm weiterhin nahe dem kritischen Wert. Ansonsten wird dieser an einstmals stark belasteten Straßen in der Landeshauptstadt, in Heilbronn (27), Reutlingen (32) und Mannheim (31) inzwischen deutlich unterschritten.