Schadstoffbelastung in Stuttgart Dem Ozon geht die Nahrungsquelle aus

Im Sommer 1995 gab es auch in der Stuttgarter Zulassungsstelle dichtes Gedränge wegen der orangefarbenen Ozon-Plaketten. Foto: factum/Honzera
Im Sommer 1995 gab es auch in der Stuttgarter Zulassungsstelle dichtes Gedränge wegen der orangefarbenen Ozon-Plaketten. Foto: factum/Honzera

Weil Vorläufersubstanzen fehlen, sind die Ozonwerte an Sonnentagen geringer als früher. Noch in den 90er-Jahren führte das Reizgas in der heißen Jahreszeit zu Überlegungen, Fahrverbote in der Stadt auszusprechen.

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Stuttgart - Sommer, Sonne – und Ozon? Trotz des heißen Wetters hat es in den vergangen Tagen keine Warnungen vor erhöhten Konzentrationen des Reizgases Ozon (O3) gegeben. In Stuttgart lagen die Werte am Montagmittag um 62 Mikrogramm je Kubikmeter Luft. Gegen 17 Uhr wurden immerhin 136 Mikrogramm registriert. Doch selbst dieser Wert liegt unter der offiziellen Informationsschwelle von 180 Mikrogramm. Von dieser Konzentration an kann es, vor allem beim Joggen oder anderen sportlichen Aktivitäten im Freien, zu Reizungen der Atemwege kommen.

„So hohe Werte sind in Stuttgart in den vergangenen Jahren nicht mehr erreicht worden“, erklärt Ulrich Reuter, Leiter der Klimatologie im Umweltamt. Heutzutage lägen die Konzentrationen des Reizgases an Sonnentagen zwischen 120 und 150 Mikrogramm. Diese Spanne hält der Klimatologe aber immer noch für zu hoch. „Der Zielwert von 120 Mikrogramm sollte möglichst nicht überschritten werden.“

Anfang der 90er hatte noch nicht alle Autos Katalysatoren

Den Hauptgrund für den Rückgang sieht Reuter im „Nahrungsmangel“ für das durch komplexe chemische Reaktionen gebildete Reizgas. Heute gebe es weniger Kohlenwasserstoffe und Stickstoffdioxid in der Luft. Beides seien wichtige Vorläufersubstanzen für die Ozonbildung, die in erster Linie aus dem Autoverkehr kämen. „Anfang der 90er Jahre waren diese Werte in Ballungsräumen höher als heute, weil noch längst nicht alle Fahrzeuge über einen geregelten Kat verfügten“, so Reuter.

Die Bildung von Ozon läuft in der Atmosphäre folgendermaßen ab: Intensives Sonnenlicht knackt ein Molekül Stickstoffdioxid (NO2) und befreit ein Sauerstoffatom. Dieses verwandelt sich sofort mit einem der reichlich vorhandenen Sauerstoffmoleküle (O2) in Ozon (O3). In der Chemiefabrik „Luft“ bleibt dann „einsames“ Stickstoffmonoxid zurück, das dem Ozon wieder eines seiner drei Sauerstoffatome ausspannen will. An dem komplizierten Beziehungsgeflecht, durch das zunächst ein Ozonüberschuss entsteht, sind auch noch flüchtige Kohlenwasserstoffe und Kohlenmonoxid beteiligt. „In Ballungsräumen wie Stuttgart kommt die Ozonbildung abends zum Erliegen, weil dann das reichlich vorhandene Stickstoffmonoxid (NO) das Ozon durch die Rückeroberung eines Sauerstoffatoms wieder abbaut“, erklärt Reuter. Auf der Schwäbischen Alb oder im Schwarzwald oder in anderen ländlichen Gebieten, wo es nur wenig NO gebe, lägen die Werte des schädlichen Reizgases hingegen auch nachts deutlich höher.

Ein Plakette an der Windschutzscheibe sorgt für freie Fahrt

In den 80er und 90er Jahren kam es im Sommer in Deutschland immer wieder zu hohen Ozonwerten. Deshalb wurde im Juli 1995 nach viel Gerangel zwischen Opposition und Regierungskoalition im Bundesrat die sogenannte Ozonplakette für Fahrzeuge mit einen geregelten Drei-Wege-Katalysator beschlossen. Nach diesem Sommersmog-Gesetz sollten diese Fahrzeuge bei Ozonwerten von mehr als 240 Mikrogramm je Kubikmeter Luft von dann geltenden Fahrverboten ausgenommen werden. Kritiker hielten das Gesetz für Augenwischerei, die Gewerkschaft der Polizei nannte es eine „Lachgasverordnung“. Der sechseckige, orangefarbene Freifahrtschein an der Windschutzscheibe erwies sich in der Tat als überflüssig, weil nie ein Fahrverbot wegen zu hoher Ozonwerte in Kraft trat. Inzwischen ist die Smogplakette längst im Ruhestand. Sie wurde 2007 durch die roten, gelben und grünen Umweltplaketten ersetzt.

Heute stagnieren auch die Ozon-Jahresdurchschnittswerte in der Landeshauptstadt seit einigen Jahren bei 35 bis 40 Mikrogramm. Bundesweit sei allerdings ein leicht steigender Trend zu erkennen, betont Reuter. „Das könnte daran liegen, dass es inzwischen zu wenig Stickstoffmonoxid zum Abbau des Reizgases gibt.“




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