Schadstoffdebatte in Stuttgart Bosch fordert von der Politik neue Plakette

Von Konstantin Schwarz 

Laut dem Automobil-Zulieferer Bosch lassen sich mit dem Dieselmotor auch noch schärfere als die ab 2021 geltenden Grenzwerte einhalten.

Fordert von der Politik klare Rahmenbedingungen in Sachen Plakette und Fahrverbote: Der Bosch-Geschäftsführer Rolf Bulander. Foto: dpa
Fordert von der Politik klare Rahmenbedingungen in Sachen Plakette und Fahrverbote: Der Bosch-Geschäftsführer Rolf Bulander. Foto: dpa

Stuttgart - Der Automobilzulieferer Bosch will mit neuen Entwicklungen die Zukunft des Dieselmotors und damit die eigene Basis absichern. Der Diesel werde nicht nur die verschärften Stickoxid-Grenzwert der Euronorm 6d im Jahr 2021 unterschreiten, sondern auch die voraussichtlich ab 2023 geplanten Grenzwerte einhalten, sagten Rolf Bulander und Andreas Kufferath bei einer Presseveranstaltung am Dienstag in Feuerbach. Sie stand unter der Überschrift „Luftqualität in Städten“. Bulander ist Vorsitzender des umsatzträchtigen Automobilgeschäfts von (2016: 43,9 Milliarden Euro), Kufferath ist Antriebsentwickler mit Leidenschaft.

Bosch kämpft auf verschiedenen Feldern um seine Mobilitäts-Marktposition. Die Zukunft des Dieselmotors ist dabei ein Hauptthema, zumal die Kaufzurückhaltung wegen des Abgasbetrugs auf die Produktionsstandorte durchschlägt, auch auf Feuerbach. Die Autokäufer seien verunsichert, auch weil es keine einheitliche gesetzliche Regelung für Fahrerlaubnisse gebe, kritisierte Bulander. „Die politischen Entscheidungen der letzten Tage waren nicht förderlich für klare Rahmenbedingungen“, so Bulander zu den abgebrochenen Koalitionsgesprächen zwischen CDU/CDU, FDP und Grünen. Der Geschäftsführer fordert eine klare Plakettenregelung. Ob die Farbe dann hellblau ist, sei egal. Ein Flickenteppich an Regelungen je nach Stadt und Belastung sei nicht vorstellbar, es müsse eine bundesweite Regelung her.

Dieselmotor bringt kaum noch Partikel

Den Begriff Feinstaubalarm in Stuttgart hält Bulander für falsch. „Es muss eigentlich Schadstoffalarm heißen“, so der promovierte Ingenieur. Der Dieselmotor trage durch den Partikelfilter nur noch mit ein bis zwei Prozent zum Feinstaub bei. Das Stickstoffdioxid aus dem Diesel sei dagegen „die größte Herausforderung der Luftreinhaltung“, so Bulander. Die aktuelle Dieselflotte trage mit 50 bis 70 Prozent zum Schadstoffaufkommen bei.

Das liegt auch am krassen Missverhältnis zwischen den Prüfstands-Vorgaben für Autos und der Straßen-Realität. Das Umweltbundesamt hatte für 2016 einen durchschnittlichen Stickstoffdioxidausstoß der Diesel-Pkw-Flotte von 767 Milligramm Stickstoffdioxid pro Kilometer und Auto errechnet. Auf dem Prüfstand sind 80 erlaubt, bei Euro 6d ab Januar 2021 noch 120 Milligramm – im Realbetrieb.

Neue Bremse für Porsche

Allerdings, das zeigte Andreas Kufferath, sind schon heute bei Neufahrzeugen unter 40 Milligramm möglich. Mit weiteren Maßnahmen, zum Beispiel einer variablen Ventilsteuerung, seien auch Werte darunter kein Problem. Ein BMW-Serienfahrzeug liege bereits deutlich unter den Euro-6d-Werten. Aktuell, so Bulander, unterstütze man mehr als 300 Kundenprojekte, um die neue Vorschrift 2021 einzuhalten. Eine Nachrüstung von Altmodellen sieht er skeptisch. Platzbedarf, Dauerhaltbarkeit und die Kosten seien die Knackpunkte.

Auch beim Feinstaub durch Bremsenabrieb sind dramatische Verbesserungen möglich. Die Bosch-Tochter Buderus liefert für Porsche (Cayenne) seit November eine Guss-Bremsscheibe, die hauchdünn mit Wolframkarbid beschichtet ist, nicht rostet, und nahezu Verzögerungswerte wie eine dreimal so teure Keramikscheibe erreicht. Noch ist die iDisc genannte Scheibe dreimal so teuer wie ein profanes Gussteil, das System erzeugt aber bis zu 90 Prozent weniger Bremsstaub. Der Markt ist riesig: Weltweit werden pro Jahr 330 Millionen Bremsscheiben verkauft.

Feinstaub-Messgerät selber bauen – so geht’s:

Vernetzung soll Strecke sparen

Der Blick von Bosch geht über die Motorhaube hinaus. Man verfolge „hartnäckig das Ziel einer emissionsfreien Mobilität in Städten“, sagt Bulander. Der Stadtverkehr werde künftig elektrisch sein. Bosch ist zum Beispiel beim Streetscooter, dem E-Lieferwagen der Post, an Bord, genauso bei Fahrrädern und bald bei Rollern, zudem werde die Hochvoltelektrifizierung (48 Volt) in leichteren Fahrzeugen Fuß fassen.

In Berlin und Paris betreibt das Unternehmen unter dem Namen Coup ein Elektroscooter-Sharing mit 1600 Fahrzeugen. Mit der App Intermodal, seit Juli 2017 in der Testphase, sollen die Nutzer unabhängig vom Verkehrsmittel den schnellsten Weg finden. Daimler hat dazu die App Moovel aufgelegt. Durch Vernetzung soll die Parkplatzsuche vereinfacht werden. Und bei Feinstaubalarm gilt der Bosch-Firmenausweis im Verkehrsverbund Stuttgart als Fahrschein. Das Bündel für bessere Luftqualität ist also geschnürt.