Edmund Wörner mit Hirtenstab und Hütehund im Kreis seiner Schafe Foto: Simon Granville
Beim Leistungshüten müssen Schäfer mit der Herde des Markgröninger Stadtschäfers Edmund Wörner zeigen, was sie und ihre Hunde können. Die Schafe sind es gewöhnt, gehütet zu werden, und müssen nicht besonders vorbereitet werden.
Ende August rückt in Markgröningen eine Berufsgruppe in den Fokus, die recht selten geworden ist. Zwar gibt es in Baden-Württemberg noch rund 1200 Schäferinnen und Schäfer, aber für nur etwa ein Zehntel davon ist diese Tätigkeit der Hauptberuf. Eine Sonderrolle nimmt Edmund Wörner ein. Der 54-Jährige ist nämlich Stadtschäfer von Markgröningen, und das seit immerhin 24 Jahren.
In der Stadt, die wie Wildberg im Kreis Calw, Heidenheim oder Bad Urach als Schäferlaufstadt weithin bekannt ist, gehört ein Stadtschäfer zur Tradition. Und die wurde vor 30 Jahren auf stabilere Füße gestellt. Als im Jahr 1993 der damalige Stadtschäfer Wolfgang Otto in den Ruhestand ging, musste geklärt werden, wer – und unter welchen Bedingungen – sich künftig um die Pflege der Trocken- und Halbtrockenrasen auf der Markung der Stadt kümmern sollte.
Schon der Vater von Edmund Wörner war Schäfer. Foto: Simon Granville/Simon Granville
Und nicht nur das: Aufgabe des Stadtschäfers ist es auch, während des Schäferlaufs seine Herde für das Leistungshüten zur Verfügung zu stellen. Auf Anregung des damaligen Bürgermeisters Rudolf Kürner wurde deshalb 1994 ein „Schafhaltungsfonds zum Erhalt der Schäferei auf Markgröninger Markung“ ins Leben gerufen.
Schafe sind super Landschaftspfleger
Finanziert wird der Fonds aus Anteilen an den Erlösen der Festplaketten und Eintrittskarten zum Schäferlauf sowie durch Beiträge aus den Märkten und dem Vergnügungspark. „Allein mit dem Erwerb der Festplaketten und der Eintrittskarten unterstützten die Besucherinnen und Besucher des Schäferlaufs den Schafhaltungsfonds im vergangenen Jahr mit über 6 100 Euro“, sagt Bürgermeister Jens Hübner erfreut.
Wichtig sind der Stadtschäfer und seine 250-köpfige Herde nicht nur aus Gründen der Tradition. Vielmehr spielen die Schafe eine wichtige Rolle bei der Pflege der Kulturlandschaft rund um Markgröningen, die durch Heiden, Mager- und Halbtrockenrasen sowie Weinbergterrassen geprägt ist.
Auf Wanderschaft Foto: Werner Kuhnle
Auch wenn der Name Magerrasen anderes vermuten lässt: Solche Flächen sind extrem artenreich. Anders als auf stark gedüngten Flächen gedeiht hier eine Vielzahl verschiedenster Pflanzen, wovon auch Insekten und Vögel profitieren. An den steilen Hängen von Glems und Leudelsbach, auf denen ein Einsatz von Rasenmähern kaum möglich wäre, wachsen unter anderem seltene Orchideen-, Enzian- und Distelarten. Schafe sorgen als Landschaftspfleger dafür, dass das so bleibt. „Sie fressen nicht alles weg, sie selektieren“, sagt Edmund Wörner. Eine besondere Vorliebe hätten sie für Kräuter und Klee. Sie halten aber auch aufkommende Büsche und Bäume klein, sodass die Flächen offen bleiben und nicht verbuschen.
Die Reihenfolge beim Leistungshüten wird ausgelost
Landschaftspflege macht durstig. Foto: Jürgen Bach
Und was ist mit den Schafskot? Düngt der nicht die Flächen, sodass der Magerrasen verschwindet? Keineswegs, sagt Wörner. „Die Tiere sind über Mittag oder nachts nicht auf der Fläche und koten deshalb auch nicht dort ab.“ Dass sie nicht immer an derselben Stelle in einem Pferch weiden, spielt auch für das Leistungshüten, das im Rahmen des Schäferlaufs am Freitagmorgen, 23. August, vis-à-vis der Orthopädischen Klinik stattfindet, eine Rolle. Denn dabei werden sie von fremden Schäfern – in der Regel sind es fünf – und deren Hunden gehütet. Heißt: Sie werden aus dem Pferch getrieben, es folgt ein enges Gehüt – die Schafe müssen auf einer Fläche dicht beieinander bleiben – , ein Engweg, eine Straße mit Verkehr und zum Schluss ein weites Gehüt – da dürfen die Tiere sich auf der Fläche zerstreuen und fressen.
Die Herde müsse darauf nicht extra vorbereitet werden, sagt Edmund Wörner. „Die Schafe sind es gewohnt, gehütet zu werden.“ Und es würde ihnen auch nicht zuviel, mehrfach dasselbe zu machen, mehrfach den gleich Weg zu trotten. Dennoch werde die Reihenfolge beim Leistungshüten ausgelost. „Der erste Schäfer hat es immer ein bisschen schwerer, und wenn es beim letzten schon auf Mittag zugeht und heiß wird, sind die Tiere schon müde“, weiß der Schäfer.
Wenn sie nicht gehütet werden und sich als Rasenmäher und Landschaftspfleger betätigen, leben die Schafe in einem städtischen Schafstall, der 2001 für sie errichtet wurde. Bevor er sich um die Stelle als Stadtschäfer bewarb, habe er schon gründlich überlegt, ob er sich darauf konzentrieren solle, räumt Wörner ein, der ursprünglich eine Metzgerlehre absolviert hat. „Aber ich wusste ja, was auf mich zukommt. Mein Vater war auch schon Schäfer.“