Schafherde rund um Leonberg Wanderschäfer Weiss liebt das Leben mit den natürlichen Rasenmähern

Die Felder sind seine Heimat: Reinhold Weiss mit Hündin Finny und seiner Schafherde. Foto: Hübner

Mit fast 300 Schafen und Lämmern zieht Reinhold Weiss über die Felder bei Leonberg und Ditzingen. Doch das Leben in der Natur hat nicht nur sonnige Seiten. Idylle gibt es gleichwohl.

Wer auf den Feldwegen rund um Leonberg und Ditzingen unterwegs ist, der trifft sie vielleicht, den Wanderschäfer Reinhold Weiss und seine Herde. Inklusive der 100 Lämmer, von denen die letzten jetzt im März geboren wurden, sind es fast 300 Tiere, die mit diesem friedlichen Bild von einer alten Tradition zeugen.

 

Hat er den schönsten Beruf der Welt, so offenkundig frei, immer in der Natur, nur sich selbst und seinen Schafen verpflichtet? „Ja, ich glaube, ich habe das ganz gut hinbekommen“, sagt der 69-Jährige, der auf dem väterlichen Hof mit Schafen aufgewachsen ist. „Aber es ist halt wie überall, auch hier gibt es nichts umsonst.“

Vor allem der Winter sei nicht immer ganz einfach, erklärt er, der Kälte wegen. Einmal sei bei einem Sturm seine Winterjacke trotz des an sich wasserdichten Capes klatschnass gewesen, und kürzlich habe sich sein Rheuma mal wieder gemeldet. Auf der anderen Seite bringe der Winter auch Abwechslung. „Im Sommer koppelt man ein, die Herde steht dann den ganzen Tag auf derselben Stelle. Aber ab November muss man wandern, weil das Gras sonst nicht reicht.“

Liegt Schnee, finden die Tiere kaum etwas zu fressen

Und dann braucht die Herde auch ständige Aufsicht. Vier bis fünf Kilogramm frisst ein ausgewachsenes Schaf pro Tag, Sommer wie Winter, Weihnachten wie Ostern, bei Hitze oder Kälte, an 365 Tagen im Jahr. Wenn Schnee liegt, finden die Tiere kaum etwas, bei Bodenfrost gar nichts mehr. Dann bleiben alle im Stall und es gibt Heu.

Das Junge hat ganz schön Durst. Foto: Hübner

„Früher waren es 400 Tiere“, erzählt der gelernte Land- und Tierwirt, während Finny, seine schwarze Altdeutsche Schäferhündin, um die Herde herumläuft und sie von einem eingesäten Acker in die Mitte der Wiese zurückdrängt. Damals hat ihn sein Weg bis ins Rheinland hochgeführt, ins Würmtal oder auf den Venusberg bei Aidlingen mit Weiden von um die 50 Hektar. Inzwischen beträgt sein Radius noch etwa 20 Kilometer rund um Leonberg, und auch die Herde ist kleiner geworden.

Um die 200 Tiere sind es noch, zwei Böcke, die im Sommer in die Herde gehen, plus rund 100 Lämmer, die dann ab Weihnachten im Stall zur Welt kommen. Der steht in der Nähe des Leonberger Rappenhofs im Glemstal und wird mittlerweile von Sohn Philipp geführt, eines der vier Kinder von Reinhold Weiss.

Eine weiche Schnute ist an der Hand fühlbar: Ein Schaf knabbert am Handrücken. Das dichte Fell an seinem Hals fühlt sich an wie versiegelte Holzwolle, undurchdringlich. Um das Tier herum stehen weitere und schauen neugierig, zwischen ihnen auch ein schwarzes Lämmchen. „Das ist der Nachwuchs der dunklen Merinoschafe“, erklärt Weiss.

 

Andere Rassen heißen „Suffolk“, sie haben ein schwarzes Gesicht, oder „Ile de France“, diese sind von klein auf weiß. Einige Tiere haben auch Namen. Etwa „Hilde“, sagt Weiss, „eine Flaschenaufzucht. Deshalb ist sie so zahm. Und das hier ist Höfi,“ er zeigt auf das Schaf neben Hilde, „weil sie in Höfingen geboren ist.“ Er grinst. Höfi sei manchmal frech, erklärt er, und schon stupst sie die Reporterin am Arm.

Neugierig: Die ältesten Lämmer sind rund drei Monate alt. Foto: Hübner

Die Schafe erfüllen eine wichtige Aufgabe: Sie machen Landschaftspflege, dienen dem Naturschutz und sorgen für Biodiversität, dafür also, dass die Vielfalt erhalten bleibt. Sie düngen die Wiesen, tragen Samen weiter, beugen einer Verbuschung vor, pflegen schwer zugängliche Hänge und stark hügelige Landschaften, dünnen die Grasnarbe aus, sodass auch Pflanzen wachsen können, die sonst keine Chance hätten.

Nur noch etwa 15 Wanderschäfer sind im Land unterwegs

Nach Angaben des Landesschafzuchtverbands Baden-Württemberg arbeiteten im Jahr 2022 noch um die 110 hauptberufliche Schäfer im Land, dazu etwa 15 Wanderschäfer, Tendenz fallend. Sie schließen Landschaftspflegeverträge ab und werden je nach Beweidungs-, Tier- und Flächenart gefördert. Nach einer Studie aus dem Jahr 2020 machen Fördermittel etwa 60 Prozent des Gesamteinkommens eines Schäfers oder einer Schäferin aus.

Unter anderem davon lebt auch Weiss, der sich altershalber zum Teil aus dem Hauptgeschäft zurückgezogen hat. Nur das Winterweiden, das übernimmt er komplett. „Wenn es Schnee hat, muss man eine Jacke mehr anziehen“, sagt er. Es ist 16 Uhr. Zwei Stunden noch, dann wird er Hilde, Höfi und die anderen auf einem Hügel hinter der Glemsmühle für die Nacht einpferchen, so wie jeden Abend, immer wieder an einer anderen Stelle.

Die Landwirte kennen ihn

Wie viele Meter legt er wohl am Tag zurück? Der Schäfer lacht. „Das ist unterschiedlich, wie ich Lust habe.“ Und was der Boden hergibt. Weiss‘ Blick schweift prüfend über die Nachbarwiese. „Dort haben sie jetzt alles abgegrast“, erklärt er. Am nächsten Morgen geht es weiter. Woher weiß er überhaupt, wo er lang muss? „Ich sehe ja, wo frei ist“, erklärt er, will heißen: Wo nicht eingesät ist. Und: „Es gibt ein altes Recht.“ Im 19. Jahrhundert nämlich richteten württembergische Herzoge Schafhöfe ein, und deren Schäfer bekamen das „Landgefährt“, das Weiderecht auf den Feldern der Untertanen.

Die Herde von Reinhold Weiss steht auf einem Feld bei Schwieberdingen. Foto: Hübner

Dieses Recht wurde zwar am Ende des 19. Jahrhunderts wieder aufgehoben, aber die Wanderung zur Winterweide blieb möglich. Und natürlich kennt man sich. Und vor allem kennen die Landwirte die Wanderschäfer. „Wenn einer Zeit hat, kommt er her und hält mich auf dem Laufenden“, erzählt Weiss. Außerdem würden Bauern Weidehaltung schätzen, des Düngers wegen, und weil es eine gute Bodenoberfläche gebe. Deshalb spreche man auch von der „goldenen Klaue“.

Am Ende steht das Schlachten: „Schafe sind Nutztiere“

Inzwischen hat sich ein kleines Böckchen zur Besucherin hergetraut und schubbert den Hals am Knie. An seinem Kopf sieht man die beiden dunklen Ansatzstellen der weggezüchteten Hörner. Kann man für ein Tier eine Patenschaft übernehmen, damit es nicht geschlachtet wird? „Nein“, sagt Weiss, „Schafe sind Nutztiere. Manche Schäfer machen das, aber ich habe das nie angefangen.“ In der wärmenden Sonne an diesem Tag kommt man nicht umhin, Reinhold Weiss ein bisschen um sein freies Leben zu beneiden. Um dieses Leben als Wanderschäfer, nur sich selbst und seinen Schafen verpflichtet.

Tiere, Wolle und Gewichte

Schafzucht
In der EU gibt es nach Schätzungen des Landesschafzuchtverbands Baden-Württemberg mehr als 85 Millionen Schafe, davon leben 1,5 Millionen in Deutschland bei knapp 10 000 Schafhaltern. In Baden-Württemberg liegt der Gesamtschafbestand bei rund 200 000 Tieren, die von etwa 1200 Schafhaltern gepflegt werden. Um die 125 davon üben ihre Tätigkeit hauptberuflich aus, davon wandern etwa 15.

Die Wolle,
die der sogenannte Schafscherer im Frühjahr einem Schaf abnimmt, wiegt drei bis vier Kilogramm. Ein Mutterschaf trägt fünf Monate, ein Lamm hat nach etwa sechs Monaten ein Schlachtgewicht von 30 bis 40 Kilogramm. Von den Muttertieren tauscht Weiss jährlich 20 Prozent aus.

Mehr zum Thema
www.schaf-bw.de; www.schafzucht-online.de; www.mlr.baden-wuerttemberg.de

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