„Schattennummer“ von Thomas Pynchon Groteskes Meisterwerk über Käsepaten, Nazis und Lampenfetischisten

Tragschrauber über New York: eine seltsame Geschichte braucht seltsame Gefährte. Foto: IMAGO/piemags

Nach zwölf Jahren meldet sich Thomas Pynchon mit einer wilden Romanrevue über die 1930er Jahre zurück. Aber aus der „Schattennummer“ der Geschichte tritt die Gegenwart ins Licht.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Wenn etwas zwölf Jahre reift, verdichten sich seine Eigenschaften, Aromen werden intensiver, die Textur kristalliner, manchmal auch spröder. Zumindest beim Käse ist das so. Zwölf Jahre hat es gedauert, bis der zu den rätselhaftesten und bedeutendsten Autoren der Gegenwart zählende Thomas Pynchon seinen neuen Roman „Schattennummer“ vorgelegt hat. Gemeinhin ist der metaphorische Gebrauch des Käses kein Gütesiegel, für das, was damit umschrieben wird.

 

Hier aber ist das anders: Hier bekommt man es mit den Machenschaften eines „Al Capone des Käses“ zu tun. Zu seinen Produkten zählen Köstlichkeiten wie „Radio-Cheez“, der mittels radioaktiver Strahlung für immer haltbar gemacht wurde, leider mit einigen explosiven und gesundheitsgefährdenden Nebeneffekten. Der Roman spielt Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts, in einer Welt, in der diesseits und jenseits des Atlantiks einiges zu gären begonnen hat, politische und gesellschaftliche Zersetzungsprozesse ablaufen, die eine entsprechende Leitmetaphorik geradezu nahelegen.

Der Autor als junger Mann: eines der wenigen Bilder von Thomas Pynchon Foto: IMAGO/Avalon.red

Bruno Airmont, wie der Milchprodukt-Unterweltler mit richtigem Namen heißt, ist der Kopf eines Molkerei-Syndikats, und weil hier manches zum Himmel stinkt, hat er erst einmal die Biege gemacht. Auch seine Tochter Daphne ist verschwunden, durchgebrannt mit einem Klezmer-Klarinettisten.

Thomas Pynchon zieht die Summe seines Schaffens

Und dann fliegt noch ein Lastwagen in die Luft. Ein Fall für den Privat-Schnüffler Hicks McTaggart aus Milwaukee, könnte man nun schreiben und damit insinuieren, man hätte es hier mit einer Art Detektiv-Story zu tun und nicht mit einem Roman von Thomas Pynchon, der mit 88 Jahren noch einmal alles zusammenführt, was sein Schreiben bestimmt: die Geschichte als groteske Abfolge von Zufällen; anstelle von Sinnstrukturen ein absurdes Netz aus Wahn, Kontrolle und Manipulation; statt einer linearen Handlungsführung eine Schattennummernrevue aus Swing, Vocals und beschwingten Tanzeinlagen, in denen sich Hicks mit wechselnden Frauen durch die Große Depression und den aufziehenden Faschismus dreht.

Während der Prohibition blüht das Verbrechen und der Schmuggel. Mafiosi, Geheimagenten und Nazis fischen im Trüben einer allgemeinen Verunsicherung. Hicks, ein eher gemischter Charakter, hatte schon früher einmal eine Begegnung mit der durchgebrannten Daphne, im Moment pflegt er aber eine gefährliche Liebschaft mit der Braut eines brutalen Gangsters. In der Vergangenheit schlug er sich im Dienst des Kapitals mit streikenden Arbeitern, bis er um ein Haar jemand zu Tode geprügelt hätte. Seitdem stellt er sich mit seinem Handbuch für Schnüffler in den Dienst betrogener Eheleute.

Nun also soll er die Käseerbin zurückbringen. Aber irgendwie ist er selbst ins Visier geraten, da trifft es sich gut, dass ihn sein Auftrag aus der Schusslinie nimmt. Über New York landet er schließlich in Europa. Und ab jetzt wird es unübersichtlich. Um noch einmal auf die Leitmetaphorik zurückzukommen: Man muss sich den labyrinthischen Bau des Romans wie einen Schweizer Käse vorstellen. Aus jedem Loch kommen neue Figuren, Fraktionen, Geschäftsmodelle. Nicht alle sind so komisch wie Dieter, Schnucki und Heinz, die unter dem Namen „Die Drei im Weggla“ im Varieté eine Nürnberger Bratwurstnummer aufführen, in Wirklichkeit aber Personenschützer sind.

„Schattennummer“ – so dunkel und irre, dass man kaum noch durchblickt

Die Reise führt gen Osten, zu den Vehikeln zählen U-Boote, Tragschrauber, Zeppeline, Motorradgespanne – einmal sitzt im Seitenwagen eine Sau mit Helm und Brille. Golems gatten sich mit heißblütigen Roboterinnen, Dinge verschwinden und tauchen woanders wieder auf. Und irgendwann kreuzt die geheime Gemeinschaft von Lampadophilen Hicks‘ Weg, Menschen, die sich zu Lampen sexuell hingezogen fühlen und es offensichtlich vor allem auf besonders geschmacklose Exemplare abgesehen haben. Je perverser die Erleuchtung, umso länger der Schatten – auch so lässt sich die Dialektik der Aufklärung fassen.

In Transsylvanien streifen Wölfe und „Vlad-Jungs“ durch das Gelände, um sich den Nazis und dem gefragten Judenjäger Heino Zäpfchen anzudienen. Eine Welt, die dem Wahn verfallen ist, lässt sich nur noch als Farce abbilden. Die Austreibung des Sinns aus der Geschichte verwandelt Thomas Pynchon in ein gewaltiges Sprachkunstwerk. Dass im Deutschen etwas von seinem Rhythmus, seinem abgründigen dialogischen Swing vernehmbar wird, verdankt sich der kongenialen Leistung des Übersetzerduos Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren. Einmal heißt es: „Wir sind kurz davor, wegen einer Lampe rumzuballern, die kein Mensch jemals länger als ein, zwei Sekunden gesehen hat, irgendeine komische Geschichte, so dunkel und irre, dass man kaum noch durchblickt.“

So viel ist klar: Am Ende verfügt Daphne über genug Informationen, um das Käsesyndikat und seine sämtlichen Mitglieder in einer einzigen „fonduesischen Apokalypse“ hochgehen zu lassen. Und vielleicht auch das: Dass die gegenwärtige Karnevalisierung der politischen Verhältnisse in dieser dunklen, irren Geschichte über die 1930er Jahre einen adäquaten Anknüpfungspunkt findet.

Nicht erst seit zwölf Jahren wartet man darauf, dass Thomas Pynchon, der bekanntlich alles tut, als Person nicht bekannt zu werden, endlich der Literaturnobelpreis zugesprochen würde. Nach dieser „Schattennummer“ kann man nur sagen: er wäre reif.

Thomas Pynchon: Schattennummer. Deutsch von Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren. Rowohlt Verlag. 400 Seiten, 26 Euro.

Info

Autor
Thomas Pynchon wurde 1937 in Long Island geboren. Sein einziger öffentlicher Auftritt fand 1953 an der Oyster Bay High School in Long Island statt. Er studierte Physik und Englisch an der Cornell University, später schrieb er für Boeing technische Handbücher. Er gilt als einer der bedeutendsten englischsprachigen Schriftsteller der Gegenwart und lebt fern jeder Öffentlichkeit in New York.

Werk
Die einzigen Spuren seiner Existenz sind seine mit „Schattennummer“ nun neun Romane: „V“, „Die Enden der Parabel“, „Vineland“, „Mason&Dixon, „Gegen den Tag“, „Natürliche Mängel“, „Bleeding Edge“.

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