Ein Bauwerk für die Ewigkeit. Dieses Ziel haben vermutlich einige Architekten vor Augen, wenn sie möglichst an die Ansprüche und Bedürfnisse der Kunden angepasste Häuser erschaffen. Dass Architektur jedoch von Entwicklung und Veränderung lebt und davon sogar profitieren kann, zeigt die Ausstellung „Unfertige Häuser“ in der Galerie am Weißenhof am Killesberg. An den Wänden hängen in Reih und Glied DIN-A4-Blätter. Darauf zu sehen sind Fotos historischer und moderner Bauten verschiedener Kulturen sowie bekannte Kunstwerke. Jede Blättersammlung ist einem von vier Themen zugeordnet, die die Ausstellung prägen und die den beiden Architekten regelmäßig bei Projekten in ihrem gemeinsamen Architekturbüro begegnen.
Bauen im Bestand statt Tabula rasa
„Unfertige Häuser“, das namensgebenden Thema der Ausstellung, hinterfragt das Selbstverständnis, mit dem Architekten Häuser entwerfen: „Viele wollen den Zustand eines Gebäudes konservieren. Wir prüfen, ob sich ein Bauwerk überhaupt jemals in einem endgültigen Zustand befinden kann“, sagt Kaiser und verweist auf zahlreiche An- und Umbauten von Kathedralen, auf wechselnde Nutzungsweisen von Palästen oder auf das Wohnprojekt Cité Verticale in Casablanca, welches Bewohner immer wieder an ihre Ansprüche angepasst haben. „Architektur ist immer eine Momentaufnahme, diesen Gedanken sollten Architekten zulassen“, findet Shen.
Auch geht es um die Frage: Wie kann man Bestehendes weiterbauen? Wo der Umbau in der Baugeschichte gängige Praxis war, ist in der Moderne der Neubau etabliert. Kaiser und Shen appellieren jedoch zur Weiternutzung von Baubestand, und das nicht nur aus ökologischen Gründen: „Gebäude haben einen Erinnerungswert und tragen zur Identitätsbildung bei“, sagt Kaiser. Dass Um- und Weiterbau gelingen kann, zeigt zum Beispiel das Bauprojekt „Mehrzweckhalle“ in Ingerkingen des Architekturbüros Kaiser Shen, bei dem eine bestehende Sporthalle in die Neukonzeption integriert wurde.
Um flexible Nutzung von Wohnraum geht es auf der vierten Wand. Werden Räume von vornherein möglichst unspezifisch konstruiert, können Bewohner selbst bestimmen, wie sie sie nutzen und verändern wollen.
Plädoyer für Flächenreduzierung
Leicht im Abseits steht das Kapitel „Wohnfläche reduzieren“. Seit der Gründung des Architekturbüros beschäftigen sich Kaiser und Shen mit dieser Fragestellung und überlegen, wie der individuelle Wohnflächenverbrauch reduziert werden kann. Während die Deutschen 1960 im Schnitt 20 Quadratmeter zum Wohnen zur Verfügung hatten, sind es heute fast 50 Quadratmeter. „Das ist aus unserer Sicht zu viel“, sagt Shen und zeigt auf eine Grafik an der Wand, die die konträre Entwicklung von Flächennutzung und Raumwärmebedarf verdeutlicht.
In einer Tonne zu hausen, wie es der griechische Philosoph Diogenes von Sinope getan hat, ist natürlich nicht nötig. Stattdessen zeigt die Ausstellung durchdacht konstruierte Wohnprojekte mit Gemeinschaftsflächen und einer Wohnfläche von etwa 25 Quadratmetern pro Kopf.
„Unfertige Häuser“ ist bis zum 3. Oktober in der Architekturgalerie am Weißenhof zu sehen. Dienstag bis Freitag 14–18 Uhr, Samstag und Sonntag 12–18 Uhr. Der Eintritt ist frei.