Schau in der Fondation Beyeler Cezanne und seine bahnbrechende Kunst
Mit ihrer traumschönen Ausstellung würdigt die Fondation Beyeler in Riehen den französischen Maler Paul Cezanne als Wegbereiter der modernen Kunst.
Mit ihrer traumschönen Ausstellung würdigt die Fondation Beyeler in Riehen den französischen Maler Paul Cezanne als Wegbereiter der modernen Kunst.
Dieser Maler hat nichts zu verbergen, er legt die Karten auf den Tisch. Es ist fast so, als ob er den Arm um die Betrachterin legt und zu ihr spricht, sie förmlich in sein Bild hinzieht. Das offenbart sich schon im ersten Raum der „Cezanne“-Ausstellung, mit der die Fondation Beyeler in Riehen bei Basel ihre erste Kunstsensation im noch jungen Jahr platziert.
In seinem „Selbstbildnis mit Palette“, entstanden um 1890, das ihn vor einer Staffelei zeigt, hält Paul Cezanne die Farbpalette nicht so, wie es die Malhaltung erfordert, also seinem Körper zugewandt. Nein, er streckt sie dem Betrachter entgegen. Darauf zu sehen: nicht wie zu erwarten angemischte Farben, sondern mit kurzen Pinselstrichen verfertigte Farbflächen – ein kleines Bild im Bild gewissermaßen. Diese Farbflecken – Cezanne (der sich selbst ohne Accent aigu schrieb) nannte sie „taches“ – sind das Charakteristikum seiner Malkunst, aus ihnen baut er seine Bilder. Genauso programmatisch lässt sich verstehen, wie er seine Augen inszeniert: Das linke, leicht getrübt, blickt das Publikum direkt an. Das rechte, viel größer und klarer gemalt, scheint einen Punkt außerhalb des Gemäldes zu fixieren und ist doch auch nach innen gerichtet. So, als ob es sowohl das Motiv als auch die inneren Empfindungen des Malers abtastet.
Paul Cezanne, 1839 im südfranzösischen Aix-en-Provence geboren, 1906 ebendort gestorben, hat viele Jahre mit sich und seiner Kunst gerungen. Zum Maler wurde er nach einem abgebrochenen Jurastudium gegen den Willen des Vaters, ein Bankier, dessen beträchtliches Vermögen dem Sohn die Entfaltung als Künstler ermöglichte. Erst sein spätes Werk ab Mitte der 1880er Jahre, auf das sich die Ausstellung konzentriert, zeigt einen Künstler, der zu seinem Stil gefunden hat, nachdem er sich vom Impressionismus emanzipiert hatte. Dass er der Moderne den Weg bereitete, war ihm durchaus bewusst. „Ich bin der Erste auf dem neu gefundenen Weg“, konstatierte er einmal selbstbewusst. Pablo Picasso nannte ihn gar „den Vater von uns allen“, ein Diktum, das in wohl keiner Abhandlung über Cezanne fehlt.
Was also ist das Bahnbrechende an diesem Bartträger, der doch in den Pariser Kunstkreisen zunächst überhaupt nicht gut ankam? Was macht ihn zum Pionier, der Braque, Matisse und Picasso beeinflusst haben soll? Es ist schon umwerfend, wie es der von Ulf Küster kuratierten Schau gelingt, diese Fragen quasi en passant zu beantworten – schlichtweg, indem sie ihr Publikum durch acht Räume führt und die knapp 80 Werke nach Motiven und Maltechnik für jeden nachvollziehbar sortiert – und sie so großzügig anordnet, dass ein jedes für sich wirken kann, aber unbedingt auch im Vergleich mit den anderen studiert werden will.
Sieben Werke stammen aus der eigenen Sammlung der Fondation Beyeler, die Cezanne hier zum ersten Mal eine Einzelausstellung widmet; der Rest sind Leihgaben von öffentlichen und privaten Sammlungen aus aller Welt. Und es liegt vom ersten Bild an auf der Hand: Cezanne ist ein Maler, der zeigt, wie er malt. Egal, ob er Porträts etwa von seiner Ehefrau Hortense oder vom Gärtner Vallier allein mit dem Mittel der Farbe kreiert. Ob er dem klassischen Motiv von Badenden seine ureigene Version hinzufügt oder ob er provenzalischen Landschaften mit ihrer sonnenwarmen Vegetation, ihren ockerglühenden Felsen und gewundenen Landstraßen nachspürt. Und sich dabei wieder und wieder – 87 Mal – der Montagne Sainte-Victoire zuwendet, dem markanten Hausberg von Aix-en-Provence. Nur um festzustellen, dass dieses lang gestreckte, eindrucksvolle Gebirgsmassiv, so unverrückbar es auch ist, seine Erscheinung beständig wechselt und sich somit als überaus beweglich erweist. Es ist dieser Gegensatz von Dauer und Veränderung, der die Spannung von Cezannes Werken und gerade seiner Landschaftsbilder ausmacht.
Besonders bei den neun präsentierten Sainte-Victoire-Bildern scheint es, als ob sich das Wesen dieses Bergs erst in der Zusammenschau aller Darstellungen Cezannes im Kopf des Betrachters herauskristallisiert. Das Publikum miteinbeziehen – genau das gelingt dem Künstler ja, wenn er die Strukturen seiner Bilder sichtbar macht. So lassen sich auch seine offenen Werke verstehen, bei denen er Teile der Leinwand unbemalt ließ und so dem Betrachter die Möglichkeit eröffnet, sie mit seiner Vorstellungskraft zu vollenden. Beim Porträt des Pariser Kunsthändlers Ambroise Vollard von 1899 stechen zwei winzige weiße Pünktchen auf der Hand ins Auge – angeblich hatte er für diese zwei Stellen noch nicht den richtigen Ton gefunden.
Auch seine berühmten Stillleben weisen teilweise diese Offenheit auf. An den 14 in einem Raum zusammengefassten Exemplaren lässt sich gut studieren, wie er sich keinen Deut um die Stimmigkeit der Perspektive scherte. Seine Äpfel und Orangen, die er auf weißem Tuch drapiert, müssten zu Boden kullern, seine Obstschalen drohen umzukippen. Trotz dieses Chaos verströmen die Bilder durch ihre durchdachte Komposition ein Höchstmaß an Harmonie. Und was hat „Der Knabe mit der roten Weste“ zu erzählen, ebenfalls ein Motiv, das ihn berühmt gemacht hat? Eine seltsame Melancholie geht von dem Jungen aus, eine anrührende Disharmonie. Sein rechtes Ohr riesig, der Arm viel zu lang. Kein Unvermögen, sondern vom Künstler gewollt: Diese Partien haben ihn besonders interessiert, die anatomisch korrekte Darstellung war ihm egal.
Cezanne, das ist der Maler, der seine Wahrnehmung malt: Er sieht seine Aufgabe nicht darin, die Natur wirklichkeitsgetreu abzubilden – dafür stand damals die junge Technik der Fotografie zur Verfügung. Ihm geht es darum, sein Erleben der Welt, seine subjektiven Seh- und Farbempfindungen mit Hilfe von Strichen, Farbflecken und -flächen, eben jenen „taches colorées“, auf die Leinwand zu bannen und dabei „eine Harmonie parallel zur Natur“ zu erzeugen.
Die Autonomie der Farbe, die nicht mehr etwas abzubilden hat; die Loslösung vom Gegenständlichen: Gegen Ende des Rundgangs offenbart sich diese Errungenschaft Cezannes vielleicht am eindrücklichsten und verblüffendsten in den Werken „Unterholz“ und „Straßenbiegung“, bevor die Schule des Sehens, die der Besucher während des Parcours unweigerlich durchläuft, fulminant mit 21 seiner selten gezeigten Aquarelle endet.
Jenseits all dieser erhebenden künstlerischen Erlebnisse und Einsichten gibt es aber einen weiteren guten Grund, sich nach Riehen aufzumachen: um Grau und Kälte hinter sich zu lassen und in das flirrende Licht, die wärmenden Farben Südfrankreichs einzutauchen. Es waren nicht zuletzt Cezannes ikonische Bilder, die die Provence zu jenem Sehnsuchtsort gemacht haben, die sie bis heute ist. So kann man eigentlich gar nicht anders als den Wunsch verspüren, das Grün der Zypressen, die Süße der Luft mit den Lippen zu schmecken. Der TGV bringt einen in wenigen Stunden bequem nach Aix-en-Provence, wo man auf den Spuren des neben Émile Zola größten Sohnes der Stadt durch die Gassen wandeln und auf den Hügel Les Lauves zu Cezannes Atelier, das nun als Museum hergerichtet ist, steigen kann. Oder noch ein Stückchen weiter hinauf zu einem Aussichtspunkt, an dem der Maler oft seine Staffelei aufstellte. Dort erblickt man die großartige Montagne Sainte-Victoire am Horizont. Jeder, der dort steht, sieht, was Cezanne gesehen hat. Und doch, in diesem einen Augenblick, etwas ganz anderes.