Doch die braunen Gebäckreste, die mit weißem Zuckerguss überzogen einen würzig-süßen Duft im Raum verströmen, sind weit mehr als das. Als Sinnbild des Faschismus hat Isabel Artschwager das Mussolini-Denkmal von Bozen, inspiriert vom Hexenhaus aus dem Grimm-Märchen „Hänsel und Gretel“ und der Redewendung „Erzähl mir keine Märchen“ aus Lebkuchenteig fertigen lassen. In einer Performance riss sie es ein, um es dann zusammen mit ihren Zuschauern aufzuessen – bis auf eben jenes Lebkuchen-Trümmerfeld, das nun diese gemeinsame „Aufarbeitung“ der Geschichte veranschaulicht. Per QR-Code können Ausstellungsbesucher ein Video der Performance auf ihrem Smartphone abrufen und den künstlerischen Prozess und die Gedanken der Künstlerin nachvollziehen.
Alle Werke haben noch eine zweite Ebene
Alle Beiträge der Schau haben noch eine zweite multimediale Ebene, sie eröffnen damit ein weites Erfahrungsfeld, das sich längst nicht auf die Ausstellungsräume begrenzt. „Es gibt unterschiedliche Zugänge“, sagt Christiane Wegner-Klafszky. Denn nicht nur im Württemberg-Haus können die Werke betrachtet oder besser gesagt erlebt werden, sondern auch online auf der Homepage von „Kunst und Keramik“. Wegner-Klafszky ist die Inhaberin der Weinstädter Kunstschule und hat als Projektleiterin das multimediale Konzept für „Un/sichtbar“ entworfen. Sie hat die Musikschule Unteres Remstal, die Grundschule Schnait und zahlreiche Kunstschaffende dafür gewonnen.
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Es ist nicht das erste Mal, dass sie auf Wunsch der Stadt Weinstadt ein Thema künstlerisch bearbeitet. Zur Remstal-Gartenschau 2019 nahm Wegner-Klafszky mit dem Online-Kunstprojekt „Königlich“ auf Weinstadts Bedeutung als Wiege Württembergs Bezug. Lange bitten musste Breyvogel sie auch dieses Mal nicht.
Herausgekommen ist eine Ausstellung der besonderen Art, welche den Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart schlägt. So sind historische Dokumente in einer Vitrine präsentiert, die Hinweise auf die Rolle von Juden in den vergangenen 1700 Jahren im Remstal und in ganz Württemberg geben. Bezeichnend ist dabei, dass die geschichtlichen Hinweise „eher mager“ seien, wie Breyvogel sagt. Ein Schlaglicht biete eine Beschreibung des Oberamts Schorndorf von 1851 über sogenanntes Stallvieh von Juden in den Ställen Remstäler Bauern. Denn in Erscheinung getreten sind Juden damals in der Gegend allenfalls als „umherziehende Viehjuden“. Welche sozialen Aufgaben sie über den Viehhandel hinaus etwa als Heiratsvermittler übernahmen, machen die Aquarell- und Acrylmalereien von Christa Käsinger sichtbar. Allerdings können die Werke in der Ausstellung, in denen teils auch Zeitzeugen zu Wort kommen, nicht nur betrachtet werden. Sie laden zur Interaktion ein, etwa der von Birgit Does und Christiane Wegner-Klafszky gestaltete Spiegel.
Eine Collage will Denkanstöße geben
Statt auf sein eigenes Spiegelbild blickt man, wenn man der Einladung zum gemütlichen Platznehmen folgt, auf eine Collage aus Schrecklichkeiten: Leichenberge, das Eingangstor eines Konzentrationslagers, die Verschmutzung der Weltmeere. Dahinter stehe die Frage nach dem Konsum von Nachrichten und dem Umgang damit, erklärt Wegner-Klafszky ihre Installation, für die Birgit Does Violinmusik komponiert hat. So fordert die Schau ihre Besucher sowohl dazu auf, sich mit der jüdischen Geschichte auseinanderzusetzen als auch mit sich selbst sowie den Mechanismen von Propaganda und was man gegen diese tun kann. „Wir hoffen auf Denkanstöße“, sagt Breyvogel.
Einblicke auf vielen Wegen
Öffnungszeiten
Bis zum 27. Februar 2022 kann die Ausstellung „Un/sichtbar“ im Württemberg-Haus, Stiftstraße 11 in Weinstadt-Beutelsbach, besichtigt werden. Zu sehen ist sie immer samstags von 14 bis 18 Uhr, sonntags von 13 bis 17 Uhr sowie auf Anfrage und dazu jederzeit online über die Seite www.kunstundkeramik.com.
Führungen Die Projektleiterin Christiane Wegner-Klafszky und der Museumsleiter Bernd Breyvogel bieten mit Künstlern Führungen an, etwa am 13. November von 14 Uhr an und am 25. November von 19 Uhr an. Zudem kann man Führungen für Gruppen (0 71 51 / 9 85 47 98) oder per E-Mail an wuerttemberg-haus@weinstadt.de vereinbaren.
Programm Unter dem Titel „Oifach nemme komma“ berichtet Eberhard Kögel aus Kernen am 19. November über seine Nachforschungen über das „Verschwinden der Viehjuden“ im Remstal. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr im Württemberg-Haus. Mehr zum Begleitprogramm unter www.wuerttemberghaus-weinstadt.de.