Die Schau „Liebe Deinen Nachbarn“, konzipiert vom Haus der Geschichte in Stuttgart, blickt in die wechselvollen historischen Beziehungen im Dreiländereck.

Baden-Württemberg: Heinz Siebold (sie)

Freiburg - Die Feiern zum 60. Geburtstag des Bundeslandes haben, nach dem parlamentarischen Festakt in Stuttgart am Mittwoch, nun im früheren badischen Landesteil ihre Fortsetzung gefunden. Am Freitag eröffnete nun Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) in Freiburg die zum Jubiläum vom Haus der Geschichte Baden-Württembergs – eine Schöpfung von Amtsvorvorvorgänger Erwin Teufel (CDU) – erstellte Ausstellung „Liebe Deinen Nachbarn – Beziehungsgeschichten im Dreiländereck“. In Anwesenheit des Oberbürgermeisters, des Erzbischofs und anderer Persönlichkeiten Freiburgs, lobte Kretschmann die „starke und selbstbewusste Zivilgesellschaft“, die im Südwesten entstanden sei. „Das Land ist zusammengewachsen, ohne dass die Regionen ihre Identität verloren haben“, sagte er.

Baden-Württemberg zeichne sich darin aus, dass es nicht ein einziges Zentrum, sondern gleich mehrere gebe und damit auch keine Region, die durch die Fusion ins Abseits geraten ist.

„Die alten Schlachten sind geschlagen“

Den Auftrag für die Große Landesausstellung hatte noch die schwarz-gelbe Vorgängerregierung gegeben, deren amts- und mandatslose Repräsentanten der gestrigen Veranstaltung in Freiburg fast vollständig ferngeblieben sind. „Wir schlagen nicht mehr die alten Schlachten zwischen Südweststaatsbefürwortern und Altbadenern“, betonte Thomas Schnabel, der Direktor des Hauses der Geschichte bei einem Rundgang durch die Ausstellung, die bis Ende September im neuen Augustinermuseum in Freiburg zu sehen ist. „Schwaben und Badener stammen doch ethnisch sowieso aus derselben Familie“, erklärte der Historiker die folkloristischen Frotzeleien unter Beifall für obsolet. Mit mehr als 250 Exponaten erzählt die Ausstellung 50 zum Teil sehr persönliche, nicht immer repräsentative, auf jeden Fall bezeichnende Episoden aus der Geschichte der Nachbarländer Deutschland, Frankreich und der Schweiz. „Wir verzichten auf die Nabelschau und beschäftigen uns mit den Nachbarn“, erklärt Thomas Schnabel das Konzept.

Das ist keine nur angenehme Sache, denn immerhin brauchte es drei immer blutiger gewordene Kriege, um von der Irreführung der „Erbfeindschaft“ zwischen Frankreich und Deutschland wieder abzukommen. Die Liebe zu einem französischen Nachbarn war noch vor 70 Jahren für die 21 Jahre alte Stuttgarterin Hannelore Messemer tödlich. Sie und ihr Geliebter Hugo, vermutlich ein französischer Kriegsgefangener, sahen 1942 keine andere Möglichkeit, als sich das Leben zu nehmen, weil ihrer „Feindesliebe“ Haft oder Tod drohten. Andere Liebesgeschichten gingen gut aus, beispielsweise die des Elsässers Jeremias Risler mit der Freiburgerin Pyrmania Pyhrr im Jahr 1883. Risler wurde Knopffabrikant, die von ihm errichteten Arbeiterhäuser stehen bis heute. Die von einem Züricher Architekten gestaltete Ausstellung führt den Betrachter durch Bretterwände und Holzpassagen zu den Exponaten.

Geschichten gibt es zu Tausende

Geschichten aus der Geschichte gibt es im Dreiländereck zu Tausenden. Revolutionen und Krieg trugen Verfolgung, Flucht und Widerstand immer auch über den Rhein: Durch die französische Revolution entmachteter Bourbonenadel floh nach Baden. Ironischerweise folgte ihnen hundert Jahre später die Guillotine. Napoleon Bonaparte nahm viele Badener mit auf seinen Russlandfeldzug – nur wenige kehrten zurück. Die Elsässer werden mehrfach zwischen Kaiserreich und Grande Nation hin- und hergeworfen. Bürgerliche Revolutionäre von 1848/49 flohen nach ihrer Niederlage in die Schweiz, so wie 100 Jahre später Antifaschisten vor den Nazis, um von dort Flugblätter ins Dritte Reich zu schmuggeln. Juden mussten erleben, dass die Eidgenossenschaft keine sichere Zuflucht war.

Und es ist auch eine Geschichte der Nachbarschaftshilfe, etwa, wenn die Schweiz nach dem letzten Krieg Zehntausende französische und deutsche Kinder zum Sattessen zu sich einlud. Oder Basler nach der Bombardierung Freiburgs Ziegel für das abgedeckte Münster spendeten.

Aus der wechselvollen Geschichte gibt es eigentlich nur eine Lehre, das legt die Ausstellung nahe, und Thomas Schnabel bemüht ein anschauliches Bild, das der elsässische Dichter René Schickele geprägt hat: Schwarzwald und Vogesen seien zwei Seiten eines Buches, der Rhein nicht die Grenze, sondern der Falz, der das Buch zusammenhält.

Der Nachbar im Film, Fotos und Dokumenten

Es macht uns stolz, dass im Jubiläumsjahr eines der großen Museen aus der Landeshauptstadt zu uns nach Freiburg kommt“, sagte der Freiburger Museumsdirektor Tilmann von Stockhausen. Die Ausstellung wird nur in Freiburg gezeigt und richtet sich an Besucher aus ganz Baden-Württemberg, aus Frankreich und der Schweiz. Sie umfasst Installationen, Filme, Dokumente, Zeichnungen, Fotos, Bilder und andere Dokumente.

„Die Geschicke der drei Länder sind eng mit­einander verwoben. Daher müssen die Menschen diesseits und jenseits der Grenzen irgendwie miteinander auskommen“, sagte der Leiter des Hauses der Geschichte, Thomas Schnabel. Dies gelinge nicht immer reibungslos. Die Ausstellung, die mehr als zwei Jahre lang vorbereitet wurde, erzähle vom Aufeinandertreffen unbekannter, aber auch berühmter Nachbarn.

„Liebe Deinen Nachbarn – Beziehungsgeschichten im Dreiländereck“ ist bis 30. September 2012 im Augustinermuseum zu sehen. Geöffnet ist Di bis So, 10–17Uhr. Eintritt 6, ermäßigt 4 Euro.

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