Schaulspielintendant Kosminski zu Antisemitismus „Der Verfassungsschutz sollte die AfD überwachen“

Stuttgarts Schauspielintendant Burkhard Kosminski, hier im Probenzentrum Nord, hält es für wichtiger Brücken zu bauen, statt Boykotten zu folgen. Foto: Björn Klein

Der Intendant des Schauspiels Stuttgart kritisiert den Antisemitismus in Deutschland. „Nicht glücklich“ ist Burkhard C. Kosminski auch mit der Stellungnahme des Bühnenvereins und der „Initiative GG 5.3. Weltoffenheit“ zur Bundestagsresolution gegen die israelkritische BDS-Bewegung.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Stuttgart - Der Bundestag hat 2019 in einer Resolution dazu aufgefordert, nicht mit der BDS-Bewegung zusammenzuarbeiten, die den Boykott Israels fordert. Dagegen protestiert hat nun kürzlich die „Initiative GG 5.3 Weltoffenheit“, darunter auch der deutsche Bühnenverein. Deren Name nimmt Bezug auf den Artikel 5, Absatz 3 des Grundgesetzes:„Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei.“Das Simon-Wiesenthal-Zentrum wiederum hat am 29. Dezember diese Initiative auf die Top-Ten-Liste der schlimmsten antisemitischen Vorfälle des Jahres 2020 gesetzt.

 

Herr Kosminski, tritt das Schauspiel Stuttgart aus dem Bühnenverein aus?

Ich glaube, ich weiß, warum Sie auf diesen Gedanken kommen. Der Deutsche Bühnenverein stellt sich gegen die Resolution des Bundestags und auch des baden-württembergischen Landtags zu BDS. Tatsächlich bin ich der Ansicht, dass hier unterschiedliche Meinungen ihre Berechtigung haben, und bin mit der Stellungnahme des Bühnenvereins nicht glücklich. Aber über einen Austritt habe ich nie nachgedacht.

Die BDS-Bewegung ist international. Täte Deutschland wegen seiner NS-Geschichte in dieser Frage mehr Zurückhaltung gut?

Sie meinen, wir als Deutsche sollten uns mit Kritik an Israel zurückhalten? Da gebe ich Ihnen grundsätzlich recht. In einer Zeit, in der Antisemitismus ja fast schon wieder salonfähig ist, wo Politiker von Hitler als einem Vogelschiss deutscher Geschichte sprechen können, ist das umso wichtiger.

Das Schauspiel Stuttgart zeigt sich als israelfreundlich, sowohl was die Themen als auch was die Künstler betrifft. Es sind auch israelische Schauspieler und Schauspielerinnen im Ensemble.

Es war auch vorher ein Thema, aber seit ich hier in Stuttgart bin, ist das ein Kern meiner künstlerischen Arbeit geworden. In Israel konzentriert sich sehr vieles. Nicht umsonst habe ich meine Intendanz mit „Vögel“ von Wajdi Mouawad begonnen. Ein mehrsprachiges Stück, in dem verschiedene Sichtweisen in einer Welt der Mauern vorkommen können. Die Akteure dieses Stückes setzen sich über Religionen und Trennendes hinweg. Das ist für mich eine Utopie, für die zu kämpfen sich lohnt.

Sie haben Itay Tiran aus Israel als Othello im gleichnamigen Shakespeare-Drama besetzt. Was hat„Othello“ mit Antisemitismus zu tun?

Dabei ging es mir in der Inszenierung nicht nur um Rassismus, sondern um Muster der Ausgrenzung, auch um Antisemitismus, um den hasserfüllten Umgang mit Minoritäten.

Die „Initiative GG 5.3. Meinungsfreiheit“ fürchtet nun aber, dass der BDS-Bundestagsbeschluss – der rechtlich nicht einmal bindend ist – ein „repressives Klima“ erzeuge und Kritik an Israel nicht gewünscht sei. Ist das überempfindlich?

Ich bezweifle, dass durch den Beschluss des Bundestags wirklich ein repressives Klima erzeugt wurde. Aber ich kann das andererseits auch nicht beurteilen. Es wird wahrscheinlich die Arbeit von Kuratoren behindert, die einen möglichst offenen Diskurs und möglichst vielfältige Diskussionen bei uns haben wollen. Was Kritik an der Politik Israels betrifft, ist sie natürlich erlaubt und auch wichtig. Das machen die Israelis zu Tausenden im Übrigen derzeit ja auch jeden Tag selbst. Das wissen auch die Initiatoren von „Initiative GG 5.3. Weltoffenheit“.

Meinen Sie wirklich, dass Kulturinstitutionen praktische Probleme bekommen, wenn sie nicht mehr unwidersprochen Künstler, Schriftsteller oder Akademiker auf ihre Podien laden können, die den Boykott Israels unterstützen?

Für mich war das in der praktischen Arbeit bisher nicht problematisch. Aber stellen Sie sich doch einmal vor, Sie stellen ein Podium für eine Diskussion zusammen. Dann müssten Sie jetzt bei jedem überprüfen, ob er jemals etwas zu BDS gesagt hat. Das ist praktisch unmöglich, und das ist doch auch wirklich nicht wünschenswert.

Selten gibt es so eine laut formulierte Solidarität unter Intellektuelle wie bei der „Initiative GG 5.3. Weltoffenheit“, die sich gegen die Resolution des Bundestages wendet. Bei vielen anderen Geschehnissen extremistischer Art, die unser Leben und die geistige und künstlerische Vielfalt angreifen - Charlie Hebdo und Enthauptung des Lehrers in Paris etwa - gab es nie solche einmütige Empörung als jetzt, wo es gegen Israel geht. Warum ist das wohl so?

Meine Einschätzung ist, dass es nach dem Anschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ eine tiefe Betroffenheit gerade in der Kunstszene gab. Es wurde auch in den Spielplänen der Theater darauf reagiert. Ich glaube, man sollte bei diesen wirklich komplexen Themen nicht das eine gegen das andere aufrechnen. Es geht nicht darum, die eine Reaktion gegen die andere zu stellen. Auch nach Halle war die Erschütterung allgemein und überall zu spüren. Ich würde niemandem unterstellen wollen, dass er Antisemitismus auf die leichte Schulter nimmt. Und wenn Sie mir noch ein persönliches Wort zu dem Anschlag in Halle erlauben: Für mich war erschütternd, dass der Attentäter beides war, antisemitisch und islamfeindlich.

Die Resolution des Bundestages enthält unter anderem die Forderung, „Räumlichkeiten und Einrichtungen, die unter der Bundestagsverwaltung stehen, keinen Organisationen, die sich antisemitisch äußern oder das Existenzrecht Israels in Frage stellen, zur Verfügung zu stellen“. Was ist daran falsch?

Dazu kann ich nur sagen: Nichts! Daran ist gar nichts falsch. Wir dürfen – nicht nur als Deutsche – das Existenzrecht Israels niemals und unter keinen Umständen infrage stellen. Das rechtsextreme Klima, der neue Antisemitismus zwingen uns, hier noch einmal wachsamer zu werden. Ich bin wirklich erschüttert, dass das Tragen von Kippas in Deutschland Menschen wieder zu Angriffszielen macht. Ich finde, hier kann die deutsche Politik noch deutlich entschiedener werden. Aus meiner Sicht sollte die AfD sehr wohl vom Verfassungsschutz beobachtet werden.

Das Thema AfD kam auch zur Sprache, als im Schauspiel Stuttgart die Israelin Evgenia Dodina in Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ mitspielte.

Ja, in meiner Inszenierung kam eine Israelin nach Deutschland und wollte Rache. Natürlich war es eine Provokation, eine Jüdin als Dürrenmatts Racheengel zu besetzen. Aber ihre zutiefst bewegende Familiengeschichte, die dieser Racheengel ja auch mit uns teilt, eben in Hebräisch, macht dann etwas ganz anders: Sie baut Brücken. Geschichten finden und erfinden, die Brücken bauen, gerade in Israel und im Nahen Osten, wo fast alles aufeinandertrifft: Das ist meiner Ansicht nach eine wirklich wichtige Aufgabe.

Differenzieren statt boykottieren – wie in Mouawads „Vögel“, das Sie 2018 in Deutsch, Arabisch, Englisch und Hebräisch inszeniert haben.

„Vögel“ ist für mich auch deshalb ein so wichtiger Text, weil es ein im Theater bisher einzigartiges Modell darstellt: Ein Stück mit unterschiedlichen Sprachen, die man zum Teil nicht versteht, idealerweise besetzt mit Schauspielern, die in ihrer eigenen Sprache sprechen.

Was ist Ihnen daran wichtig?

Darin drückt sich eine Überwindung kultureller Gräben aus, die mich sehr berührt. Das Theater als ein Ort, wo wir die babylonische Sprachverwirrung, die sich global immer mehr aktualisiert, überwinden können. Für mich als Künstler ist es immer wichtiger, Verbindungen herzustellen, als das Trennende zu unterstreichen, und das geschieht in „Vögel” auf einzigartige und ausgesprochen relevante Weise. Daraus hat sich dann fast wie von selbst „Der Besuch der alten Dame” ergeben. Evgenia Dodina kam in unser Ensemble, eine russischsprachige, jüdische, Hebräisch sprechende Schauspielerin, die dann zusammen mit Peter Michalzik einen Text entwickelt hat, der ihre Haltung zur großen Geschichte in ihrer persönlichen Familiengeschichte spiegelt. Ich finde, so kommen wir weiter.

Kein Gespräch ohne Corona und geschlossene Theater: Wann, vermuten Sie, können wir den „Besuch der alten Dame“ und andere Produktionen wieder auf der Bühne sehen?

Mit Blick auf das aktuelle Infektionsgeschehen gehe ich davon aus, dass wir den Spielbetrieb nicht vor Anfang April wieder aufnehmen werden.

Wie gehen Sie mit der nun beschlossenen fortgesetzten Schließung der Theater um?

„Das ist natürlich eine sehr schmerzhafte Entscheidung sowohl für unser Publikum, als auch für unsere Künstler und Künstlerinnen und die Kollegen und Kolleginnen hinter und abseits der Bühne. Aber das aktuelle Infektionsgeschehen lässt uns schlicht keine andere Wahl. Vor allem auch mit Blick auf die neuen Virusmutationen und die nach wie vor besorgniserregend hohen Infektionszahlen kommt es weiterhin auf eine deutliche Reduktion von Kontakten an. Als Intendant habe ich eine Fürsorgepflicht für unser Publikum und die Mitarbeiterinnen, die ich sehr ernst nehme.

Wie geht es weiter?

Wir haben vorerst auch die Proben unterbrochen und arbeiten überwiegend im Home Office beziehungsweise gehen in Kurzarbeit. Die Infektionszahlen behalten wir laufend im Blick und passen uns in enger Absprache mit unserem Träger, dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg, der weiteren Entwicklung der Pandemie an. Sicherheit steht für mich aber weiterhin an erster Stelle.

Zur Person

Burkhard Kosminski, 1961 in Villingen-Schwennigen geboren, ist Schauspieler, Regisseur und seit 2018 Intendant des Schauspiel Stuttgart.

Kontrahenten der Antisemitismus-Debatte

Simon-Wiesenthal-Zentrum (SWZ):
Das 1977 gegründete Zentrum ist mit der weltweiten Suche nach untergetauchten Naziverbrechern bekannt geworden. Seit 2010 stuft das SWZ jährlich auf einer Top-Ten-Liste Äußerungen als antisemitische, antiisraelische Ressentiments und Verunglimpfungen ein.

BDS:
Die Abkürzung BDS steht für „Boykott, Desinvestition und Sanktionen“. Die 2005 von zivilgesellschaftlichen palästinensischen Organisationen gegründete Organisation will Israel isolieren und aus den UN ausschließen lassen. Der Staat soll für seine Palästinenserpolitik gestraft und zur Umkehr gezwungen werden. Zu den Unterstützern gehören Prominente aus dem Kulturleben wie Judith Butler und Roger Waters (Pink Floyd).

Internet-Listen zum Thema

Internet
-Liste des Wiesenthal-Zentrums: http://dpaq.de/E2hP5

BDS-Resolution des Bundestags: http://dpaq.de/bsgLj

Plädoyer der deutschen Initiative: http://dpaq.de/wuMRP

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