Schauspiel Stuttgart Der lange Schatten der Sanierung

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Nun bohren, hämmern und sägen sie wieder: In diesen Tagen kehren die Handwerker ins Stuttgarter Schauspielhaus zurück. Bis März 2013 wird nachgebessert, was bei der Renovierung schief gegangen ist.

Der Geschäftsführende Intendant Hendriks testet die neuen Stühle. Foto: factum/Weise
Der Geschäftsführende Intendant Hendriks testet die neuen Stühle. Foto: factum/Weise

Stuttgart - Nun bohren, hämmern und sägen sie wieder: In diesen Tagen kehren die Handwerker ins Schauspielhaus zurück, um die von Pannen begleitete Sanierung des vor fünfzig Jahren eröffneten Theaters abzuschließen. Bis März 2013 sollen die 4,5 Millionen teuren Nachbesserungen erledigt sein, dann können Theatermacher und Theatergänger ihr Domizil am Eckensee wieder in Besitz nehmen. So zumindest sehen es die Beschlüsse vor, die im Verwaltungsrat des Staatstheaters getroffen worden sind – und zwar im überraschenden Einvernehmen mit zwei Partnern, aus denen in den vergangenen Monaten doch auch zwei erbitterte Streithähne geworden waren. Nun aber sind sich Bauverwaltung einerseits, Theaterintendanz andererseits offensichtlich in der Sache einig. „Die uns vorgelegten Pläne sind gut, der Zeitrahmen mit eingebautem Puffer ist realistisch“, sagt Marc-Oliver Hendriks, geschäftsführender Intendant des größten Dreispartenhauses in Europa.

Darf man sich also auf die Wiedereröffnung im März einrichten?

„Nun ja“, sagt Hendriks, „das bisherige Baugeschehen hat mich gelehrt, bei Prognosen vorsichtig zu sein.“ Und zu dieser Vorsicht hat er in der Tat allen Grund, ist doch die auf 25 Millionen Euro veranschlagte Theatersanierung zu einem einzigen, auch bundesweit Aufsehen erregenden Fiasko geworden. Ein Jahr sollte die Rundumrenovierung das Hauses dauern, fast drei Jahre werden es am Ende gewesen sein, sollte der Märztermin eingehalten werden – drei Jahre, die zusammen mit den beim Theater direkt anfallenden Beträgen insgesamt 9 Millio­nen Euro Mehrkosten verursacht und den Betrieb des Theaters enorm eingeschränkt haben. Der Leuchtturm des Landes hat in den vergangenen Spielzeiten spürbar Schaden genommen, eben auch – siehe das Resümee unten – künstlerisch. Wenn jetzt die Handwerker wieder anrücken, wird ihr Hammerjob nicht zuletzt darin bestehen, eine abermalige Ausweitung des Imageverlusts zu verhindern.

Mehrkosten von 9 Millionen Euro

In drei Bereichen sollen in den kommenden acht Monaten, in denen das Schauspiel auf das Probenzentrum Nord ausweicht, Mängel behoben werden. Da ist zunächst die Bühnenmaschinerie, deren Betrieb so störanfällig ist, dass sie komplett erneuert wird. Da sind die beiden Beleuchtungsrinnen, die mit ihren Scheinwerfern rechts und links in den Zuschauerraum ragen und nun so zurückgebaut werden, dass sich die Zahl der Plätze mit Sichtbehinderung reduziert. Und da ist, last not least, die Bestuhlung: weil die ursprünglich im Parkett vorgesehenen Sessel zu unkomfortabel waren, müssen neue her. Sie sollen künftig wesentlich bequemer, aber auch um zwei Zentimeter breiter sein, was wiederum Folgen für das Platzangebot im Theater hat: Demnächst wird es dort nur noch 645 Sitze geben.

Von der Öffentlichkeit fast unbemerkt, ändert sich da was Großes: Das Schauspielhaus wird kleiner und kleiner. Vor der Sanierung bot es 851 Plätze, nach der Sanierung sollten es ursprünglich noch 685 sein, jetzt also tatsächlich nur 645 – und das ist immerhin ein Platzverlust um mehr als ein Viertel, ein schlagartiger Sesselschwund binnen kürzester Zeit, der von den Theaterleuten achselzuckend akzeptiert wird. Und ja, es stimmt: als das Theater 1962 eröffnet wurde, waren die Zeiten so, dass man nahezu jeden Abend vor ausverkauftem Haus spielen konnte. Das ist heute anders, freilich nicht nur in Stuttgart: Der Bedeutungsverlust der Bühne schlägt sich allerorten in sinkenden Besucherzahlen nieder. Das neue Schauspielhaus mag deshalb trotz allem noch ausreichend dimensioniert sein, bemerkenswert ist die sich fast heimlich vollziehende Verkleinerung aber schon.

Alle warten auf das Urteil des Rechnungshofes

So weit die Baubilanz. Und wie sieht die Politbilanz aus? Hat der Bauherr, die im Finanzministerium des Landes angesiedelte Bauverwaltung, Konsequenzen aus dem Sanierungsdesaster gezogen?

Sie hat. In den nächsten Wochen, so der mittlerweile zuständige Ministerialdirektor Wolfgang Leidig, müsste der im Frühjahr angeforderte Prüfbericht des Landesrechnungshofs eintreffen. Dieses Papier könnte insofern Zündstoff enthalten, als es Punkt für Punkt auflisten soll, was bei der Sanierung wo schiefgelaufen ist. „Auf der Grundlage dieser Fehleranalyse arbeiten wir weiter“, sagt Leidig, „ich gehe davon aus, dass wir dann Regressforderungen an ausführende Firmen stellen werden.“ Entschädigung für gelieferten und gebauten Murks, das ist das eine. Das andere aber könnte sein, dass der Rechnungshof durchaus den Bauherrn selbst, die staatliche Bauverwaltung, kritisiert. Einiges deutet darauf hin, dass die Beamten mit der komplexen Theaterrenovierung schlicht überfordert gewesen sind. Dazu äußert sich Leidig zwar nicht, als Krisenmanager räumt er aber ein, dass es im Bauamt zu personellen Veränderungen gekommen sei und Zuständigkeiten neu verteilt wurden.

Auf die womöglich brisante Expertise des Rechnungshofs wartet man freilich auch im Stuttgarter Rathaus. Zusammen mit dem Land teilt sich die Stadt alle Kosten für das Staatstheater. Jeder zahlt die Hälfte – ob dieser Finanzierungsschlüssel aber auch für die beim Sanierungsdebakel anfallenden Mehrkosten von 4,5 Millionen Euro gilt, ist fraglich. Das Land hat die Stadt zwar aufgefordert, ihren Anteil an den bereits zur Verfügung gestellten Mitteln zu überweisen, sollte der Rechnungshof aber die Ansicht der Rathausoberen bestätigen, dass auch der Bauherr geschlampt hat, wird der Scheck ausbleiben. Das jedenfalls versichert die Stuttgarter Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann: „Verantwortlich für die Mehrkosten ist das Land. Wir werden sie nicht anteilig übernehmen, schon gar nicht automatisch.“

Auf der politischen Bühne geht es also nicht anders zu als auf der Theaterbühne. Die handelnden Personen streiten sich – wobei doch zu hoffen ist, dass nach dem erneuten Handwerkereinsatz im Schauspielhaus endlich alles gut wird. Dann könnte das Theater im Frühjahr wieder dorthin ziehen, wo es hingehört: ins Herz der Stadt – und dies auch deshalb, weil die nächste Saison die letzte von Hasko Weber in Stuttgart ist. Und ein Abschied im intakten Schauspielhaus am Eckensee möchte es dann schon sein.