Schauspiel Stuttgart Eine Black Box für jeden

So sah es bei „un/true“ im Stuttgarter Kammertheater aus. Foto: Björn Klein

Mit der Uraufführung von „un/true“ hat Gernot Grünewald im Kammertheater einen weiten Diskursraum eröffnet, der die Zuschauer im Wortsinn auf Trab hält.

Stuttgart - Das 5-G-Mobilfunknetz ist ein Gehirngrill. Die gesundheitlichen Schäden dieser Strahlung sind immens, werden aber verschwiegen. Das ist die eine Position. Die andere: Es gibt keine wissenschaftlichen Studien, die beweisen, dass diese Frequenzen für den Menschen überhaupt spürbar sind. Zwischen diesen Polen bewegt sich die Auseinandersetzung in dem von Gernot Grünewald konzipierten „Videowalk“ mit dem Titel „un/true“.

 

Natürlich geht es um mehr als um das 5-G-Netz: Die Konstruktion von Wahrheit, die Legitimität von Wissenschaft, die Verführbarkeit durch Verschwörungserzählungen, all das wird in dieser extrem dichten, anregenden und ob der Fülle der auf die Zuschauer einprasselnden Informationen auch anstrengenden Uraufführung im Kammertheater ebenfalls verhandelt.

Die 16 Besucher bei Premiere im Kammertheater werden zum aktiven Teil eines „theatralen Experiments“. Die sechs Spielleiter, unter anderen Sebastian Röhrle und Katharina Hauter, nehmen die Zuschauer jeweils in einer kleinen Gruppe in Empfang und begleiten sie bei ihrem individuellen Parcours in die vielen schwarzen Kabinen auf der Bühnen-Black-Box. Helfend, wenn einer oder eine vom Weg abgekommen ist. Und nachfragend und belehrend als reales Gegenüber in kurzen Gesprächen zur Auswertung vorangegangener Wahrnehmungstests.

In Videos schildern Menschen ihre Angst vor Strahlung

Die Oberhand über das Geschehen hat jedoch ein Tablet-Computer, den jede Zuschauerin, jeder Zuschauer mitsamt Kopfhörer in der Hand hält. „Ich bin dein Auge“, sagt das Tablet zu Beginn. Es lenkt die individuellen Wege jedes Zuschauers und zeigt die Einspieler des Videokünstlers Thomas Taube. Da beklagt ein IT-Manager aus dem Silicon Valley seine Strahlensensibilität und warnt: „Passen Sie bloß auf sich auf“. Je weiter der Abend voranschreitet, desto paranoider werden die Typen, die via Videos ihre Angst vor der Strahlung schildern.

Dazwischen ertönt immer wieder die Stimme der Vernunft, gespeist von der Psychologin und Wissenschaftlerin Felicitas Flade, die als Beraterin an der Konzeption von „un/true“ beteiligt war. Diese Stimme stellt die wegweisenden Fragen, schlägt Schneisen durch das Thesendickicht, durch das sich die Teilnehmer ihren Weg bahnen müssen. Die Informationsflut ist immens, überfordernd, verwirrend. Aber darum geht es ja auch: Wie nehmen wir Wirklichkeit wahr, was ist der kleinste gemeinsame Nenner, über den eine Gesellschaft verfügen muss, um im Gespräch bleiben zu können, und wie gefährdet ist man selbst, die eigene Meinung immer nur bestätigt sehen zu wollen?

Am Ende kommt jeder Zuschauer mit den Spielleitern ins Gespräch

Gernot Grünewald hat mit „Thaddäus Troll – kein Heimatabend“ vor zwei Jahren schon einmal eine konzeptionell außergewöhnliche Arbeit auf die Bühne gebracht. Mit „un/true“ öffnet er das Theater weit hinein in einen ganz realen Austausch. Am Ende sitzt jede Gruppe mit ihrem Spielleiter im Stuhlkreis und kommt ins Gespräch.

Wer dabei der hellwachen, freundlich-fordernden und charismatischen Therese Dörr gegenübersitzt, darf sich freuen – wobei diese Situation mit den jeweils anderen Spielleitern möglicherweise genauso erhellend ist. Es gibt keine kollektive Wahrnehmung nach diesem Theaterexperiment, nur eine Summe singulärer Eindrücke. Was zum Thema des Abends hervorragend passt. Nur schade, dass sowohl Regisseur als auch Ensemble so auf den mehr als verdienten Applaus verzichten müssen.

Termine: 28. u. 29. Juni, 14. Juli

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