Wie der fatalistische, der Parabel „Ein Kommentar“ entnommene Titel des Abends erscheint die Figur Franz Kafka (1883–1924) dem Lesepublikum bis heute aufregend mysteriös. Ein seit seinem Tod vor 100 Jahren stetig anwachsendes Heer von Exegeten haben sich in Biografie und Werke gewühlt, im Versuch, die verschlungenen Fantasien auszudeuten und zu erschließen. „Gibs auf, gibs auf“ ist vielleicht auch als Appell zu verstehen, die Interpretationen einmal sausen und das Werk für sich sprechen zu lassen.
Mit dem Vater haderte Kafka sein Leben lang
Und trotzdem kommt man nicht umhin, Fabio Adorisios Pas de deux biografisch zu lesen, was auch an der Erklärung von Schauspieldramaturg Ingoh Brux liegt, der Choreograf habe sich von Kafkas Briefen „An den Vater“ und an die Freundin Milena Jesenká inspirieren lassen. Prompt erkennt man in einer kurzen, von Martino Semenzato solo getanzten Passage Kafkas Hader mit dem polternden Patriarchen, dem sich der Briefautor in fahrigen Verrenkungen anzunähern versucht.
Mit Auftritt von Milena, getanzt von Vittoria Girelli, kommt Ruhe und Struktur in den Tanz. Erst huscht die Figur von Brief zu Brief, als seien sie Trittsteine. Kurz darauf bewegt sie sich mit Franz harmonisch als dessen Spiegelbild. Spielerisch, fast albern, nehmen die beiden Vorgaben voneinander auf. Später hebt der Mann die Frau auf seine Schultern, reißt sie mit sich, lehnt sich an und geht zu Boden. Als Franz die anfangs ausgestreuten Blätter einsammeln und verbrennen will, nimmt Milena sie ihm behutsam aus der Hand und löscht die Kerze.
Wer sich auskennt in der Biografie des Dichters, weiß, dass er seine nachgelassenen Schriften nicht veröffentlicht sehen wollte und dass ihre Erhaltung seinen Freunden und Weggefährtinnen zu verdanken ist. Doch auch ohne diesen Hintergrund überträgt sich Adorisios Interpretation der Figur Kafkas als rastloser Unruhegeist, der erst im Austausch mit anderen aufblüht und Halt findet. Seinen hintergründigen Humor belegen dagegen die Lesungen mehrerer Texte, darunter „Ein Landarzt“ und „Ein Kommentar“, vorgetragen vom Schauspieler Matthias Leja. In plastischer Sprache entwirft Kafka das filmreife Albtraumszenario eines Mediziners, der in einer schneereichen Winternacht zu einem Notfallpatienten gerufen wird, nachdem ihm das für Hausbesuche notwendige Pferd verendet ist.
Kafka kann auch humorvoll
Wie aus dem Nichts finden sich zwei Rösser im Schweinestall mitsamt gruseligem Knecht, der die Magd des Arztes in Panik versetzt. Im Bruchteil eines Wimpernschlags saust der Arzt mit seiner Kutsche zum Patienten, der ihm erst gar nicht krank, dann an der Todesschwelle erscheint, mit einer klaffenden, von Würmern befallenen Wunde im Unterleib. In Matthias Lejas empathischem Vortrag tritt bei aller Grausamkeit der trockene Humor zu Tage, wie in der titelgebenden Miniatur „Ein Kommentar“, in der ein Reisender am Bahnhof einen Polizisten nach dem Weg fragt, der ihm herablassend belustigt rät: „Gibs auf, gibs auf“.
Sentimental bis dunkelschwarz und wieder heiter geht es in von der Mezzosopranistin Helene Schneidermann interpretierten jiddischen Operettenliedern zu. Auf den ersten Blick haben die wenig mit Kafkas Welt zu tun, zumal es kaum Erkenntnisse zu dessen musikalischen Vorlieben gibt. Dafür ist Kafkas Freude an jiddischem Theater bekannt, die Helene Schneidermann beschwört. Erschütternd das Wiegenlied „Rozhinkes mit Mandlen“, das laut Schneidermann jüdische Mütter ihren Kindern beim Gang in die Gaskammer vorsangen. Den Terror der Nazis hat der in einem nicht-religiös jüdischen Elternhaus aufgewachsene Dichter nicht mehr erlebt, er starb am 3. Juni 1924 an den Folgen einer Tuberkulose. Seine drei Schwestern hingegen wurden in Ghettos deportiert und in Vernichtungslagern ermordet.
Einsamkeit in Kafkas Texten
Der anhaltenden Faszination von Kafkas Werk auf heutige Leser versucht Jan Bürger vom Literaturarchiv Marbach im Gespräch mit der Schriftstellerin Katharina Hacker und dem Autor Ulf Stolterfoht auf die Spur zu kommen. Stolterfoht sagt, die Einsamkeit in den Texten habe ihn beeindruckt, während Hacker den ausgefallenen Witz lobt und bekennt, sie lese lieber die Tagebücher und Briefe, viel weniger aber die Romane und Fragmente. Zum Abschluss schmettern die Schauspieler Felix Strobel, Matthias Leja und Reinhard Mahlberg mit dem Bassbariton Michael Nagl ein schwäbisches Ade für den so nahen wie nach wie vor geheimnisvollen Kafka – Friedrich Silchers wehmütiges „In der Ferne“.