Schauspiel Stuttgart Jeder macht, was er will, aber alle machen mit

Von Nicole C. Buck 

„Denn sie wissen nicht, was wir tun“: Stuttgarts Staatstheater zeigt jetzt Schorsch Kameruns Installationstück. Es fällt aus jedem Theaterrahmen. Eine spannende Sache!

Nicht wundern: bei Kamerun geht es leicht durchgeknallt zu! Foto: Staatstheater
Nicht wundern: bei Kamerun geht es leicht durchgeknallt zu! Foto: Staatstheater

Stuttgart - Ein Mensch im Schneckenkostüm hinterlässt eine Straße als Spur, ein Posaunenchor pausiert beim Vesper und beklatscht sich gegenseitig, eine lebende Leinwand bemalt sich selbst. Ist das Theater? Oder ist es Musik? Oder ist es Kunst? In gängige Schubladen lässt sich „Denn sie wissen nicht, was wir tun“ im Schauspiel Stuttgart nicht stecken. Und das ist mit Sicherheit eines der Anliegen von Schorsch Kamerun, der diesen Abend inszeniert hat.

Er ist nicht nur Theatermacher, sondern auch Sänger der Band Die Goldenen Zitronen, die in der Hochzeit des Punk gegründet wurde. Und Punk verneint schließlich das Schubladendenken, fordert die Abschaffung von Reglementierungen und stattdessen die Freiheit des Einzelnen. Musikalisch ist bei der „Konzert-Installation“, wie das Stück klassifiziert ist, vom Punk nicht mehr viel zu hören: Die brutalen schrägen Töne sind eingängigeren Melodien, die wütenden Texte den hintersinnigen gewichen. Was aber von der subkulturellen Gegenbewegung geblieben ist, ist die Gesellschaftskritik, das Hinterfragen von Konventionen und Normen.

Ungewöhnlicher Umgang mit der Theaterform

Das beginnt bereits beim ungewöhnlichen Umgang mit der Theaterform. Das Stück – sofern dieser Begriff überhaupt das trifft, was hier zu erleben ist – findet nicht im Saal statt, sondern im Foyer des Schauspielhauses. Dieser Raum, in dem das Publikum normalerweise darauf wartet, bis der Theaterabend beginnt, verändert dadurch seine Funktion, wird vom Neben- zum Hauptschauplatz. Besser gesagt, zu Hauptschauplätzen, denn es wird eben kein Stück gezeigt, das Handlung und Stringenz besitzt, sondern viele einzelne Aktionen. Nur zu Beginn und zum Ende hin wird die Konzentration des Publikums auf einen einzigen Vorgang hin gebündelt.

Den Auftakt des Abends bildet ein tanzendes Zelt, dazu sind die live spielenden Musiker auf Monitoren zu sehen. Dann öffnet sich ein Parcours: Ein schmaler verwinkelter Laufsteg, der von Trockeneis-Kübeln und Pflanzen gesäumt ist (Bühne: Katja Eichbaum). An dieser Stelle wird eines der Themen des Abends hautnah spürbar: Die Aufforderung zur Entschleunigung.

Gedränge und ungeduldige Spannung

Denn aus Angst, etwas von der Aufführung im oberen Foyer verpassen zu können, will jeder aus dem Publikum möglichst schnell auf den Steg, da aber nur einer nach dem anderen durch diese Schleuse passt, entsteht ein Gedränge und eine ungeduldige Spannung.

Die hält auch weiter an. Oben angekommen, versuchen sich alle einen Überblick über die unterschiedlichen Spielstätten zu verschaffen: Eine Bar, die auch Baustelle ist, zwei Laufstege, drei Mini-Museen, in denen unter anderem der Ablaufplan des Stücks zu entdecken ist, eine Ruine oder Ausgrabungsstätte, ein Glaskasten, in dem die Band spielt, der Aufzug, in dem zwei Schauspielerinnen agieren und vieles mehr. Und als dann die ersten Aktionen beginnen, bleibt die unruhige Atmosphäre bestehen, da jeder aus dem Publikum auf sich allein gestellt ist, selber entscheiden muss, welche der zeitgleich passierenden Handlungen interessant sein könnte. Erst als allen klar wird, dass die Aktionen wiederholt werden, beruhigt sich die Stimmung, scheint jeder seinen eigenen Rhythmus zu finden – und der Prozess der Entschleunigung hat begonnen.

Jedem setzt sich ein individuelles Bild zusammen

Jede Beschreibung, was an diesem Abend zu sehen ist, kann nur fragmentarisch und subjektiv sein, denn jeder Rezipient setzt ein individuelles Bild von diesem Stück im Kopf zusammen. Ein paar Beispiele: Im Aufzug begegnet man einer Filmemacherin (Abak Safaei-Rad), die sich von ihrem Handy instrumentalisiert sieht. Sie ist im Gespräch mit einer personifizierten Duschgelprobe (Hannah Plaß), die mehr sein möchte als nur ein Produkt, die nur nicht weiß, wie das funktioniert. In einer Ruine oder Grabstätte werden von Personen in Kostümen aus dem 18. Jahrhundert rituelle Handlungen vollzogen, unter anderem bedrucken sie Papier mittels Metallplatten.

Teile des Posaunenchors nutzen eine Handwaage, um die Wochenzeitung „Zeit“ mit Geld aufzuwiegen. Ein papierener Baum wird mit den Zeichen der Jahreszeiten – Blüten, Herbstblättern – dekoriert. Schorsch Kamerun gibt in „Denn sie wissen nicht was wir tun“ weder Hierarchien, noch Handlungsbögen, noch Interpretationen vor, einzig in den Texten seiner live spielenden, deutschsprachigen Band werden Themen tangiert, unter anderem die oben bereits erwähnte Entschleunigung, aber auch das Bedürfnis der Menschen nach der realen statt der digitalen Welt, also nach einer echten Zwischenmenschlichkeit statt dem Ersatz im Netz oder in der Konsumwelt.

In der Tradition des Fluxus

In vielerlei Hinsicht steht dieses Stück in der Tradition des Fluxus, der künstlerischen Bewegung, die in den sechziger Jahren aufkam: Es kombiniert ebenfalls verschiedene Darstellungsformen wie Musik, Tanz, Malerei, Film und Performance und fügt sich den lockeren Vorgaben des Koordinators der Fluxus-Bewegung, George Maciunas: Fluxus sollte unterhaltend sein, keine zahllosen Proben erfordern und keinen Warenwert haben. Außerdem folgt die Installation der Idee des Fluxus, indem sie in einem basisdemokratischen Prozess entstanden ist: Ungefähr 50 Personen, darunter Musiker, Schauspieler, Tänzer, Kunststudierende, aber auch interessierte Laien, waren an der Entstehung beteiligt.

So ist in „Denn sie wissen nicht, was wir tun“ ein einzigartiges Projekt entstanden, das die Bewegung des Fluxus wiederbelebt, aus dem gängigen Theaterrahmen fällt, gesellschaftsrelevante Fragen stellt und das Publikum gleichermaßen fordert wie unterhält. Spannend!




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