Es war wirklich keine gute Idee, die berühmte Autobahn N 7 zu nehmen, die von Paris bis zur Côte d’Azur führt. Wie Annette (Sylvana Krappatsch) geahnt hatte, geraten sie in eine Polizeikontrolle. Mohamed Daksi (Peter Fasching), mit dem sie unterwegs ist, wird grob geduzt und gefilzt, sie nicht. Auf die Anweisung „Ausziehen, Araber!“ folgt ein entschiedenes „Nein“ von Annette als Rat an Mohamed. Er gehorcht doch und steht mit blankem Hintern vorm Publikum. Die Polizistinnen (Sarah Franke und Josephine Köhler) feixen: „Araberflittchen.“ Annette zischt: „Drecksrassistinnen.“
Racial Profiling, diskriminierendes ethnisches Profilerstellen, gibt es heute, gab es früher. Hier, am Samstag bei der Premiere von Anne Webers mit dem Deutschen Buchpreis gekrönten Roman „Annette, ein Heldinnenepos“ im Schauspielhaus Stuttgart findet es 1960 statt. Sylvana Krappatschs Annette gibt zur Kenntnis, dass sie sich für die Sache der Algerier engagiert, so wie sie als Résistancekämpferin während des Zweiten Weltkrieges verfolgten Juden half – für sie ist die FLN (Front de Libération Nationale) eine Organisation zur Befreiung der unterdrückten Algerier, für Frankreich ist es eine Terrorbande.
Schon beim Lesen des in Versen verfassten Romane, der die Lebensgeschichte der französischen Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir nachdichtet, hätte man sich fragen können , warum sie nicht einfach ihr Leben als Résistanceheldin, Ärztin, Ehefrau, Mutter und Mitglied in der kommunistischen Partei weiterführt, sondern sich noch einmal in einen Befreiungskampf stürzt. Aber Annettes Gerechtigkeitsempfinden ist unbändig, dafür riskiert sie alles. Und so stürzt ihr Lebensgebäude zusammen, fällt mit Wumms der bühnenfüllende Bretterkubus auseinander.
In eindrücklichen Spielszenen wie dieser gelingt, woran Romanadaptionen oft kranken. Handlung, Innensicht der Figuren wollen auf die Bühne gebracht werden, doch geht die Regie zu frei mit der Vorlage um, beklagt man: Wo ist der Text geblieben? Hält sie sich an die Vorlage, droht die Chose als szenische Lesung dramatisch zu langweilen.
Großartiges Ensemble
Bis auf einige an Geschichtsstunden erinnernde Passagen, in denen das Ensemble den Text einfach spricht, um Hintergründe klarzumachen, gelingt Dušan David Pařízeks Dramatisierung. Auch wird der Abend von der Lakonie, der (mal mehr, mal weniger) leisen Ironie des Textes getragen.
Das Ensemble ist großartig, changiert zwischen Slapstick, Spielspaß, Klischees und eindrücklichen, düsteren Tonlagen. Die drei Schauspielerinnen teilen sich die Gefühlslagen der Heldin auf – politisch aktivistisch (Sarah Franke), analytisch kühl (Sylvana Krappatsch) und gefühlig emotional (Josephine Köhler). Peter Fasching steht als Musiker auf der Bühne und übernimmt die Parts von Annettes Vater über ihre Freunde, Ehemänner bis zum Kämpfer Mohamed.
Tief wird zudem in die Theatertrickkiste gegriffen. Die Bretterbox in der Mitte (der Regisseur hat auch die Bühne entworfen) fungiert als Projektionsfläche. Wenn die kleine Annette schon von großen Taten träumt, werden die Elterndarsteller so angeleuchtet, dass ihre übergroßen Schatten das Kind umrahmen. Manchmal nehmen die Schauspieler auch selbst Kamera und Beleuchtung in die Hand, etwa wenn ein Hochzeitsfoto von Annette und einem ihrer Ehemänner geschossen wird.
Kritik am Kolonialismus
Dass es nicht nur um Emanzipation geht, darum, das Leben einer mutigen Frau nachzuerzählen, sondern um ebenfalls heute noch virulente Kritik am Kolonialismus, das macht die Regie von Beginn an klar. Die Inszenierung startet mit projizierten historischen Bildern, wie niedergeknüppelte Algerier in Paris in die Seine geworfen wurden. Charles de Gaulles Satz „Je vous ai compris“ dröhnt – er habe verstanden. Nämlich, dass die Algerier nicht mehr als französische Kolonie regiert werden wollen.
Während Szenen, in denen Annette sich in der Kommunistischen Partei engagiert, gleich allzu deutlich klarmachen, dass diese Ideologie nicht zum Guten in der Welt führen wird, ist die dramaturgische Spannung bei den Algerien-Passagen höher. Wird Annette erkennen, dass auch diese Widerstandsbewegung nicht bringen wird, was sie sich erhofft: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit? Ohne zu viel zu verraten, sie wird es erkennen. Welchen Preis sie dafür bezahlt – dies an dem zweistündigen Abend im Stuttgarter Schauspielhaus mitzuerleben, ist ein absolut lohnenswertes Unterfangen.
Info
„Annette, ein Heldinnenepos“
von Anne Weber ist wieder am 8. und 25. November, am 1., 10., 20. und 30. Dezember im Schauspielhaus Stuttgart zu sehen.
„Wir gingen ins Exil wie entthronte Könige“
Die Ausstellung im Rahmen der jüdischen Kulturwochen über jüdische Schauspielerinnen und Schauspieler, die von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden, wird am Mittwoch um 18.30 Uhr im Schauspielhaus-Foyer eröffnet.
„Gorkis Mutter“
Das Stück der Gewinnerin des Europäischen Nachwuchsdramatikerinnenpreises, Lena Lagushonkova, feiert am 18. November Premiere im Kammertheater. Der mit 75000 Euro dotiert Hauptpreis des Europäischen Dramatikerinnenpreises an Caryl Churchill wurde wegen eines als antisemitisch eingestufte Dramas der Autorin zurückgenommen.