Schauspiel Stuttgart: „Sonne/Luft“ Jelineks bitterböse Abrechnung

Elfriede Jelinek lässt die Sonne (Katharina Hauter) selbst sprechen. Foto: Schauspiel Stuttgart/Björn Klein

Was, wenn Sonne und Wind reden könnten? Die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek hat ihnen eine Stimme gegeben, die grandios böse ist.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Sie wird in Getränkefässer gepresst und steckt in Autoreifen. Manchmal kann sie auch knapp werden, wenn man keuchend an der Treppe steht und nur noch „auf Reserve läuft“. Jetzt allerdings scheint die Luft nichts mehr zu beleben, schwer hängt sie am Boden. Aber womöglich war es „gar nicht so falsch, sie mit soviel Dreck zu beschweren, vielleicht hebt sie dann nicht ab, sondern bleibt bei uns!“.

 

Die Luft, das mahnen Umweltschützer längst, wird allmählich dünn – aber weil das kaum jemanden zu scheren scheint, hat Elfriede Jelinek sie nun zur Hauptfigur gemacht eines Theaterabends, der mit einer Wucht daherkommt, wie man es selten erlebt. Im Kammertheater trifft diese Luft, die längst zum Husten reizt – „blödes Asthma blödes“ – auf die Sonne. Und gemeinsam warnen sie in dem zusammengeschnürten Textdoppel „Sonne/Luft“ vor der Klimakatastrophe, eingebettet in einen grandiosen Parforceritt durch die Gegenwart.

Das Haus schwimmt davon – und keinen schert es

Elfriede Jelinek gilt nicht ohne Grund als eine der herausragenden Autorinnen unserer Zeit. 2004 bekam sie den Literaturnobelpreis für ihre musikalischen Texte, in denen sie sprachspielerisch die Absurdität von Klischees enthüllt. Und das tut sie auch in „Sonne/Luft“ und lässt ihre Reflexion über den Klimawandel schroff auf die Marotten der freizeithungrigen Wohlstandsgesellschaft prallen. Die Zeit, heißt es da, renne davon, das „Einfamilienhaus, das Sie mit soviel Mühe gebaut, hier schwimmt es davon.“ Und was tut der Mensch? „Genau dort nehmen Sie ein Brett, hauen es sich erst fest auf den Kopf, und dann stellen Sie es auf, oder Sie tragen es zum Wasser und stellen sich drauf.“

Knallgelb leuchtet der Boden im Kammertheater – und farbfreudig kommen auch die Kostüme (Korbinian Schmidt) daher, die hier an die Renaissance erinnern, dort an Science Fiction oder an Edward mit den Scherenhänden, womit deutlich gemacht wird, dass die Gegenwart doch nur ein winziger Moment im großen Weltenlauf ist. Katharina Hauter steckt in einem ausladenden Reifrock, sie ist die Sonne, die hier als selbstgewisse Herrscherin auftritt und weiß, dass der Mensch sie zwar schätzt, aber auch unterschätzt und sogar glaubt, dass sie nachts „auf der faulen Haut liege, so wie Sie, an jedem Tag Ihres Urlaubs“.

Ein dichtes Netz führt zu Tourismus, Ökonomie und Marotten

Der Regisseur FX Mayr hat die Textmassen auf die Schauspieler geschickt verteilt, trotzdem ist der Souffleur Frank Laske vielfach gefragt, um durch die komplexen Assoziationen zu geleiten. So sehr man beim Zuhören auf Zack sein muss – es ist spannend, Jelinek durch diese vielen Verästelungen zu folgen, zu Tourismus, Ökonomie und Politik bis hin zu den „ganzen Plastiksackln“, die „wehrlos, wie sie sind, von Fischen und andren Meeresinsekten“ verschluckt werden.

Jelinek bringt den Klimawandel in unmittelbaren Zusammenhang mit den Fluchtbewegungen und gelangt, während sie über die Luft sinniert, die sich nicht um Grenzen schert, zu den Zäunen „mit einer schicken Frisur aus NATO-Draht“. Zäune, über die eine flüchtende Mutter ihr Baby wirft, in der Hoffnung, es möge jemand fangen. Andere liegen derweil am Strand, während die Hitze nicht nur Badeanzüge mit der Haut verschmelzen lässt. „Mein Feuer wird Sie zwingen, vorzeitig aus Ihrem Urlaub abzureisen, auf den Sie sich so gefreut haben“, sagt die Sonne, „mit Kleinigkeiten fängt es an.“

Starke Schauspieler – und stille Hoffnung

Mit beeindruckender Leichtigkeit und Souveränität vermitteln Hauter, Silvia Schwinger und Sebastian Röhrle, Camille Dombrowsky und Tim Bülow diese gallige Kost. FX Mayr hat kleine musikalische Einlagen inszeniert, die in Sirenengeheul übergehen oder Stammestänze und damit an die erinnern, die für einen respektvolleren Umgang mit Erde, Wind und Wasser stehen. So bitter und gnadenlos Jelineks Analyse der Gegenwart sein mag, ihr Furor macht doch Hoffnung, dass es Menschen gibt, bei denen Menschlichkeit kein „Widerspruch in sich“ ist und die sich einsetzen, damit uns nicht „noch Hören und Sehen“ vergeht.

Sonne/Luft. Am 15., 17., 18. und 20. Mai und 18., 19. und 21. Juni

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