Schauspieler aus Stuttgart Aram Tafreshian: Von der Kunst, wie ein Cockerspaniel zu spielen

Aram Tafreshian in der Serie „Krank Berlin“ Foto: Apple TV+

Aram Tafreshian stammt aus Stuttgart, spielt in der Serie „Krank Berlin“ und aktuell im verstörenden Filmdrama „Schwesterherz“ mit, liebt aber auch die emotionale Wucht des Theaters.

Freizeit & Unterhaltung : Gunther Reinhardt (gun)

Er ist dieser Arzt aus der sensationellen Krankenhausserie „Krank Berlin“, der so gutmütig ist, dass irgendetwas mit ihm einfach nicht stimmen kann. Er ist der Kommissar in dem Kinodrama „Schwesterherz“, der in einer intensiven Dialogszene einer jungen Frau mit verstörender Nüchternheit eröffnet, mit welcher Brutalität ihr Bruder eine Frau vergewaltigt haben soll. Aram Tafreshiam ist Schauspieler, Regisseur und immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen.

 

Wenn der 36-Jährige über seinen Beruf spricht, klingt darin bis heute ein Staunen mit, das nichts von der nüchternen Routine eines Vielbeschäftigten hat. „Ich habe sehr früh gewusst, dass ich Schauspieler werden will“, erzählt er – eine dieser klaren frühen Einsichten, die sich ein Junge aus Stuttgart im Kopf zurechtlegt, lange bevor das Leben ihm zeigt, wie kompliziert dieses Metier sein kann und lange bevor er überhaupt weiß, dass man so was auch studieren kann.

Er beschreibt seine Zeit in Stuttgart als prägend, aber wenig glamourös: Er ist in Stuttgart-Ost aufgewachsen, seine Eltern leben dort bis heute, Kultur gehörte selbstverständlich zum Alltag, ohne dass das Elternhaus akademisch oder theaternah gewesen wäre. Er besuchte das Wagenburg-Gymnasium, entscheidend waren für ihn aber die Angebote außerhalb der Schule – vor allem die Musikschule, Jugendclubs und Musiktheaterprojekte. Er versuchte sich als Schlagzeuger, sammelt erste Bühnenerfahrungen.

Nach dem Abi in Stuttgart geht’s an die Schauspielschule in Berlin

Stuttgart erscheint in seiner Erzählung weniger als Karrieresprungbrett denn als solider Resonanzraum, in dem Neugier, Disziplin und künstlerischer Wille wachsen konnten – eine Herkunft, zu der er bis heute eine ruhige, unverklärte Verbundenheit spürt. Aber kaum war das Abitur geschafft, zog es ihn weg. Nicht weil er die Stadt loswerden wollte – sondern weil die Chance da war, tatsächlich Schauspieler zu werden.

Gleich beim ersten Vorsprechen an der Ernst-Busch-Schauspielschule in Berlin klappte es. Die Bewerbung hatte er allerdings erst im letzten Moment abgeschickt, damit die Aufnahmeprüfungen nach den Abi-Klausuren lagen. Ein pragmatischer Optimist, könnte man sagen. 2009 begann er sein Studium, schon wenig später arbeitete er in Mainz, bevor ihn der entscheidende Zufall an das Berliner Maxim-Gorki-Theater führte. „Das war ein richtig großes Glück“, sagt er rückblickend. Und es prägte ihn. Am Gorki, mit seinem politischen Zugriff auf Stoffe und seinem vielfältigen Ensemble, lernte er das künstlerische Arbeiten als kollektiven Kraftakt.

Diesen Zugang spürt man Tafreshian bis heute an – ob vor der Kamera oder als Regisseur. Film sei für ihn oft „Arbeit mit Druck“, aber nicht im negativen Sinn. Beim Drehen der SWR-Science-Fiction „Exit“ etwa, seiner ersten Hauptrolle vor der Kamera, habe er begriffen, wie sehr ihn das Erkunden einer Figur reizt: „Ich bin ein Schauspieler, der körperlich arbeitet. Ich will rausfinden: Wie verändert sich der Körper? Was macht das mit mir?“ Für die Serie „Krank Berlin“ ließ er sich von einem Coach sogar ein Tier als körperliche Grundlage vorschlagen – ein Cockerspaniel. Erst lachte er, dann verstand er: „Diese Hunde sind extrem freundlich, aber darunter liegt eine Jagdenergie. Das hat bei der Figur sofort Klick gemacht.“

Dass Tafreshian zwischen Theater und Film pendelt, ist kein Zufall. Er brauche beides, sagt er – die Präzision vor der Kamera und den Ausnahmezustand der Bühne. „Theater ist für mich wie zwei Stunden Marathon. Man ist körperlich völlig durch, aber die Seele ist befreit.“ Und doch hat er sich ein zweites Standbein aufgebaut: Er inszeniert. „Ich habe schon in der Schule Regie geführt, völlig größenwahnsinnig“, erzählt er lachend. Und heute, mit Inszenierungen wie dem Rechercheprojekt „Das Kraftwerk“ in Cottbus oder „Der Zauberer von Öz – Eine Fußballtragödie“, seiner Arbeit am Theater Bremen über Mesut Özil, hat er eine Handschrift gefunden: politisch interessiert, nah an realen Konflikten, forschend. „Wenn man spürt, dass das, was man macht, Relevanz hat – das ist das schönste Gefühl.“

Theaterstück über Mesut Özil

Als Regisseur hat er auch gelernt, was er als Schauspieler braucht – und was er vermeiden will. Toxische Arbeitskultur verabscheut er: „Es muss ein sicherer Ort sein, aber trotzdem ein Ort, an dem man gemeinsam an Grenzen geht.“ Und er glaubt an das Team: „Die beste Idee im Raum gewinnt.“

Bei aller Ernsthaftigkeit spricht aus Tafreshian eine unangestrengte Dankbarkeit. Er ist keiner, der das eigene Pensum heroisiert. Während der Dreharbeiten zu „Krank Berlin“ pendelte er nachts von Berlin nach Cottbus, um morgens wieder in Proben zu stehen. „Das war der Wahnsinn.“ Aber er sagt es ohne Pose. Eher wie jemand, der froh ist, dass sein Leben voll ist – und dass die Kunst Antworten liefert, wo das Leben Fragen stellt.

Aram Tafreshian hätte auch mal Lust, wieder in Stuttgart zu spielen

Auf Stuttgart blickt er dabei keineswegs nostalgisch, aber mit Wärme. „Ich hätte auch Lust, mal wieder in Stuttgart zu spielen“, sagt er. Heimat ist für ihn kein Pathoswort, eher ein leiser Zusammenhang. Vielleicht deshalb, weil seine eigene Biografie – halb iranisch, aufgewachsen im Südwesten – ihn sensibel gemacht hat für Zugehörigkeit und Zuschreibung. In seiner kommenden Inszenierung spielt der Umgang mit dem Islam in Deutschland eine Rolle. „Das interessiert mich total – auch persönlich.“

Am Ende des Gesprächs wird klar: Aram Tafreshian ist ein Künstler, der sich nicht entscheidet, sondern erweitert – das Spielerische durch das Forschende, die Bühne durch die Kamera, die eigene Herkunft durch gesellschaftliche Fragen. Einer, der neugierig bleibt. „Ich würde gerne alles wissen“, sagt er einmal. Und man glaubt ihm jedes Wort.

Aram Fafreshian: „Schwesterherz“ und „Krank Berlin“

Film
Das Kinodrama „Schwesterherz“, sas 2025 auf der Berlinale Premiere feierte, stammt von der aus Stuttgart stammenden Regisseurin Sarah Miro Fischer, es erzählt von einer jungen Frau, die damit konfrontiert wird, dass ihr geliebter großer Bruder eine Frau vergewaltigt haben soll. „Schwesterherz“ ist in Stuttgart im Kino Delphi am 21. Januar (18:15 Uhr), 22. Januar (16:15 Uhr) und am 26. Januar (16:15 Uhr) zu sehen. Bei der Vorstellung am Mittwoch, 21. Januar, wird Sina Miro Fischer anwesend sein.

Serie
Die erste Staffel der Serie „Krank Berlin“ ist bei Apple TV+ verfügbar. Die Serie ist eine Koproduktion des Streamingdiensts mit dem ZDF. In der ZDF-Mediathek und bei ZDFneo sollen die acht Episoden voraussichtlich im ersten Halbjahr 2026 ausgestrahlt werden. Zudem ist die Veröffentlichung einer zweiten Staffel noch in diesem Jahr geplant.

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