Schauspieler Benito Bause „Es braucht mehr Vielfalt im Fernsehen“

Benito Bause spielt in „All you need“ facettenreich den Protagonisten Vince (rechts). Foto: ARD Degeto/Andrea Hansen

Jung, divers und farbenblind – diesen Attributen folgen immer mehr TV-Formate. In der neuen ARD-Serie „All you need“ spielt der 30-jährige Benito Bause die Hauptrolle, einen schwarzen, schwulen Medizinstudenten. Ein Gespräch über Vorurteile, Klischees und Rassismus.

Stuttgart - Streamingdienste haben mit Reality-Formaten wie „Queer Eye“ und fiktionalen Serien wie „Bridgerton“ die diverse Gesellschaft längst im Blick. Nun zieht der öffentlich-rechtliche Spartensender ARD One mit der Serie „All you need“ über eine schwule Männer-WG nach. Entwickelt und gedreht wurden die bisher fünf Folgen von einer bewusst diversen Crew um Autor und Regisseur Benjamin Gutsche. Den schwarzen Protagonisten Vince verkörpert der an der Leipziger Schauspiel-Hochschule ausgebildete Benito Bause. Im Interview erklärt er, warum es manchmal legitim ist, auf Klischees zurückzugreifen und warum Formatentwickler in den USA in Sachen Diversität weiter sind als die Deutschen – obwohl der Rassismus gegen schwarze Menschen dort regelmäßig lebensbedrohliche Formen annimmt.

 

Herr Bause, wie geht es Ihnen?

Super! Es ist Frühling, ich bin in einer glücklichen Beziehung, beruflich gut aufgestellt und freue mich auf das, was kommt.

In Ihrem Youtube-Video für das derzeit geschlossene Münchner Residenztheater wirken Sie ziemlich einsam; Sie sprechen da mit einem imaginären Hund und der KI Alexa.

Das Video stammt aus der für mich sehr unsicheren ersten Coronazeit, als ich perspektivlos und vereinsamt war. In der Zwischenzeit hat sich das geändert, ich durfte wieder drehen und andere Projekte vorbereiten.

Für die Serie „All you need“ standen Sie als Berliner Medizinstudent Vince vor der Kamera, 29 Jahre alt, schwarz und schwul. Eine im deutschen TV noch immer seltene Figur. Woran liegt das?

Es braucht mehr Vielfalt im Fernsehen, vor und hinter der Kamera. „All you need“ geht hier mit gutem Beispiel voran. Denn wenn die Entscheiderpositionen diverser besetzt sind, kommt auch die repräsentierte Realität im deutschen Fernsehen der tatsächlichen näher. Denn immerhin haben 25 Prozent der Menschen hier einen Migrationsvordergrund – so sag ich es gerne –, und irgendwie wollen wir doch alle, dass gezeigt wird, wie das Leben wirklich ist. Statt irgendwelcher Stereotype, die nicht nur die Wirklichkeit verzerren, sondern überhaupt erst die unterschiedlichen Lager polarisieren.

Sind die USA in Sachen Diversität weiter mit sogenannten farbenblinden Serien wie „Bridgerton“?

Bridgerton ist für mich nicht wirklich colour-blind, weil sie genau diese Thematik von “dark-“ und „light-skinned“ aufnimmt. Sie zeigt, dass man als light-skinned viel einfacher Teil der mehrheitlich weißen Gesellschaft ist. Aber ich verstehe Ihren Punkt und glaube, dass die Amerikaner in der Besetzung weiter sind, so verrückt es klingt, weil das eine Extrem das andere hervorruft.

Wie meinen Sie das?

In den USA gibt es einen viel stärkeren, lebensgefährlichen Rassismus gegen schwarze Menschen, den man so in Deutschland nicht findet. Deswegen gibt es in den USA eine umso stärkere Gegenbewegung. Gleichzeitig bilden zum Beispiel internationale Streamingdienste wie Netflix mittlerweile auch diese diverse Realität mit People of Color ab.

„All you need“ stellt schwule Protagonisten ins Zentrum der Erzählung, es wird in der Serie aber auch nicht an Klischees gespart, etwa, dass schwule Männer schnellen Sex im Sauna-Club suchen. Befördert das nicht wieder Vorurteile?

In „All you need“ ist jede Rolle anders angelegt, so wie es auch im Leben nun mal ist, die Darstellung ist durchaus komplex. Man muss es so sehen: Für manche ist der Umgang mit homosexuellen Menschen Normalität, für andere aber nicht. Wir bedienen mit der Serie Klischees vor allem auch aus dem Grund, um sie aufzubrechen.

Sollten sich Kritiker und Publikum entspannen, statt Böses zu vermuten, wo nichts Böses ist?

Ja, absolut. Wenn unser schwuler Regisseur und Drehbuchautor Benjamin Gutsche über zentrale Orte der Berliner Queer-Community schreibt wie etwa den Sauna-Club Boiler, inwiefern kann das dann überhaupt Klischee sein?

Also geht es in der Serie um Realitäten . . .

Genau! Es war ein großer Anspruch, die Geschichte aus der queeren Community heraus zu erzählen. Das hat sich auch in der weitgehend queer besetzten Crew gezeigt. Es geht bei „All you need“ aber vor allem um universelle Themen wie Liebe, Freundschaft, Familie.

Hatten Sie schon einmal ein Rollenangebot, das Sie abgelehnt haben?

Ja! Kürzlich kam das Angebot, einen Geflüchteten zu spielen. Per se ist das in Ordnung, problematisch war aber, dass diese Figur Spielball der Erzählung war, sie hat nicht gesprochen, war Inbegriff eines Opfers, ein traumatisiertes Bündel Elend. Das entspricht für mich nicht der Realität. Geflüchtete sind die stärksten Menschen, wenn sie so eine Reise auf sich nehmen, es hierher schaffen und sich dann ein Leben aufbauen. Da habe ich Nein gesagt und dafür auch den Rückhalt meiner Agentur bekommen.

Apropos schlechte Rolle: Können Sie Ihre Kolleginnen und Kollegen verstehen, die mit der Aktion #allesdichtmachen ihrem Unmut über die Corona-Auflagen Luft machen wollten?

Nicht wirklich! Tut mir leid, das sind Topverdiener, die alle trotz Lockdown drehen konnten. Diesen Versuch einer Satire finde ich unsensibel und teils zynisch. Gleichzeitig denke ich, die Tragweite und fehlende Positionierung der Aktion waren vielen Kolleginnen und Kollegen nicht bewusst, insofern tut mir das auch leid. Aber die Aktion als solche finde ich nicht gut.

Diversität im Zentrum

Benito Bause, Jahrgang 1991, hat deutsche, italienische und tansanische Wurzeln, wuchs in Hannover auf und studierte Schauspiel in Leipzig. Als Ensemblemitglied des Münchner Residenztheaters trat er während der Pandemie in Youtube-Videos auf und verarbeitete darin humorvoll die Folgen des Lockdown-Blues. Neben der Schauspielerei konzentriert sich Bause noch auf die Musik und arbeitet an eigenen Songs.

Serienkonzepte: „Bridgerton“ ist nur eine von mehreren US-Serien, die aktuell mit farbenblinden Ensembles arbeiten. Im historisch verorteten Plot wird die britische Königin mit dunkler Haut von der guyanisch-britischen Schauspielerin Golda Rosheuvel verkörpert. Die Serie ist bei Netflix verfügbar.

Mit der Figur des Arztes Dr. Carsten Flöter gab es zwar schon in der deutschen „Lindenstraße“ einen schwulen Protagonisten, „All you need“ ist jedoch die erste Drama-Serie in Deutschland, die eine Gruppe schwuler Freunde mit diversen sozialen Hintergründen ins Zentrum der Erzählung rückt. Die Serie ist vom 7. Mai an in der ARD-Mediathek verfügbar, bei One wird sie am 16. Mai um 23.15 Uhr und am 17. Mai um 21.45 Uhr ausgestrahlt. Eine zweite Staffel ist in Arbeit.

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