Herr Friedel, ist die Serie „The White Lotus“ ein Krimi, eine Gesellschaftssatire oder womöglich einfach eine coole Version von „Das Traumschiff“?
Bevor ich die ersten Staffeln gesehen habe, dachte ich tatsächlich, dass das eine Art Hollywood-„Traumschiff“ ist. Aber „The White Lotus“ ist weitaus mehr, weitaus tiefer gehend, weitaus klüger. Das muss ich jetzt leider so sagen, auch wenn „Das Traumschiff“ in Deutschland durchaus gesellschaftliche Themen auf eine sehr weiche Art thematisiert. Aber hier ist es schon der Genre-Mix, der den Reiz der Serie ausmacht. Auf der einen Seite ist es ein Krimi, der mit den Erwartungen spielt. Auf der anderen Seite geht es um Gesellschaftskritik. Aber es gibt auch wunderbare Schauwerte, sexy Momente, schöne Menschen. „The White Lotus“ ist ein buntes Potpourri aus verschiedenen Serien.
Sie haben auf Ko Samui gedreht. Profitiert man als Schauspieler auch von der touristischen Attraktivität eines solchen Drehorts?
Ich hatte manchmal ein schlechtes Gefühl, dabei von Arbeit zu sprechen, weil es da traumhaft schön war. Und wenn man da schon mal dreht, versucht man touristisch alles mitzunehmen, was geht, wenn man drehfrei hatte. Trotzdem lag der Fokus natürlich auf der Arbeit.
Sie spielen Fabian, den Manager des Luxusressorts. Der wirkt zwischen dem Hotelpersonal und den Gästen ziemlich verloren. Wie würden Sie ihn beschreiben?
Ich finde das mit der Verlorenheit ein ganz schönes Bild für ihn: Er hat seine Heimat verlassen, ist ganz weit weggereist, um Spiritualität und innere Mitte zu finden. Und dass ihm genau das fehlt, birgt komödiantisches Potenzial.
In einer Szene verrät Fabian Hotelgästen, dass er angefangen habe, Songs zu schreiben und Klavier zu spielen. Ist es ein Zufall, dass auch Sie selbst Songs schreiben und Klavier spielen?
Das ist kein Zufall. Als ich für die Rolle besetzt wurde, hatte ich einen langen Zoom-Call mit Mike White, dem Showrunner der Serie. Er wollte mich kennenlernen, und er hat sich dafür interessiert, was ich über die Figur denke. Wir haben dann auch darüber gesprochen, dass die Hotelbesitzerin, Fabians Chefin, früher eine berühmte thailändische Schauspielerin und Sängerin war, und dass man schon in der ersten Folge merkt, dass er ein Fan von ihr ist. Die Idee, das mit Fabians eigenen Ambitionen ein bisschen weiter auszuführen, fand Mike White ganz spannend.
Apropos Fan. Bei welcher Band würden Sie mit Ihrer eigenen Band, Woods Of Birnam, gerne mal im Vorprogramm auftreten?
Auf jeden Fall bei Radiohead. Das wäre ein absoluter Traum. Ich bin ein Riesenfan, und ich hatte das große Glück, Thom Yorke von Radiohead bei der Promoarbeit an „The Zone of Interest“ kurz treffen zu können. Depeche Mode wären natürlich auch toll. In meiner Band spielen ja auch Musiker, die früher bei Polarkreis 18 waren und schon im Vorprogramm von Depeche Mode aufgetreten sind. Und die haben gemeint, dass es sein kann, dass man als Vorband dem Hauptact gar nicht begegnet, weil der immer abgeschottet wird.
Fabian ist eine Nebenfigur, die oft für komische Momente sorgt. Haben Sie sich auf diese Rolle mit der gleichen Ernsthaftigkeit vorbereitet, wie Sie es für die Rolle des Rudolf Höß in „The Zone of Interest“ getan haben?
Wenn man Komödie spielt, ist die Ernsthaftigkeit bei der Arbeit vielleicht noch viel wichtiger als sonst. Wenn man einen Witz vorspielt oder versucht, witzig zu sein, kann das schnell unfreiwillig komisch werden. Aber der Rechercheaufwand ist für so eine Rolle viel kleiner. Ich würde sogar behaupten, dass ich für die Rolle des Fabian gar nicht recherchiert, sondern instinktiv gearbeitet habe. Bei „The Zone of Interest“ war das ganz anders. Da habe ich mich intensiv vorbereitet.
Man kennt Sie bisher vor allem aus historischen Stoffen: von „Das weiße Band“ über „Elser“ bis „The Zone of Interest“. Vicky Krieps, die ebenfalls oft in historischen Filmen mitspielt, hat mir einmal gesagt, dass das daran liege, dass sie ein „altes Gesicht“ habe. Ist das bei Ihnen genauso?
Ich glaube ja. Und es wundert mich sehr, dass Vicky und ich noch nie zusammen in einem Film gespielt haben. Michael Haneke meinte damals bei „Das weiße Band“, dass ich ein historisches Gesicht habe, das in solche Geschichten passt. Es gibt auch Schauspieler, deren Gesichter sehr modern wirken. Denen glaubt man nicht so richtig, dass sie in früheren Zeiten schon gelebt haben könnten. Mir selbst macht es zwar Spaß, in eine Zeitmaschine zu steigen und Klamotten aus früheren Zeiten tragen zu dürfen. Ich fand es jetzt aber auch ganz toll, mal in der Gegenwart anzukommen. Und ich fände es gut, wenn man in künftigen Projekten nicht immer nur den historischen Friedel zu sehen bekommt.
Und wie wichtig finden Sie es, dass Filme oder Serien auch etwas über das Hier und Jetzt aussagen und damit letztlich politisch sind?
Ich finde es toll, wenn es eine Serie wie „The White Lotus“ schafft, zu unterhalten und trotzdem politisch zu sein. Politik fängt ja schon in der Familie an: Wie kommunizieren wir zu Hause? Wie sprechen wir miteinander? Welche Meinungen geben wir von uns? Wenn dich Filme oder Serien auf unterhaltsame Weise emotionalisieren, denkst du viel stärker und intensiver darüber nach, als wenn du das Gefühl hast, du guckst gerade einen Lehrfilm. Manche schreckt es ja schon ab, wenn da Politthriller oder so draufsteht. Wenn man es schafft, wichtige gesellschaftliche Themen popcornmäßig zu verpacken, öffnet das hoffentlich Herz und Hirn.
Für Sie ist ja sogar Shakespeares „Macbeth“, den Sie selbst für das Theater Dresden inszeniert haben, vor dem Hintergrund von Putins Angriffskrieg auf die Ukraine ein brisanter, hochaktueller Stoff.
Ich glaube, gerade bei klassischen Stoffen ist es wichtig, dass man sich fragt: Warum erzählt man das heute? Warum setzen wir uns mit diesem Thema auseinander? Einfach nur eine Geschichte erzählt zu bekommen, ist mir auch als Rezipient nicht genug. Es geht darum, Parallelen zum eigenen Leben zu entdecken. Ich drehe zum Beispiel zurzeit die finale Staffel von „Babylon Berlin“, die kurz vor der Machtergreifung der Nazis spielt. Es gibt dort auch Szenen, bei denen ich erschrocken merke, wie da Parteien miteinander um einen Kompromiss ringen, um die Nazis zu bekämpfen. Wie wir wissen, gelingt es ihnen nicht. Und man denkt schon manchmal an die jetzige politische Situation in Deutschland. Wenn es der Serie gelingt, dir die Parallele deutlich zu machen und dich auf unterhaltsame Weise zu emotionalisieren, öffnest du dich vielleicht und fragst dich: Wo sehe ich mich aktuell, und wie möchte ich künftig leben?
Das gilt auch für „Macbeth“?
In „Macbeth“ geht es um eine universelle Sache, die leider nie alt wird. Den Umgang mit Macht und den Missbrauch von Macht bekommen wir ja gerade in den USA leider in einer erschreckenden Art und Weise vorgeführt, dass man denkt: Das ist amerikanische Unterhaltung auf niedrigstem Niveau.
Christian Friedel und „The White Lotus“
Person
Christian Friedel wurde 1979 in Magdeburg geboren. Er ist Schauspieler, Regisseur und Musiker. Er war unter anderem Hauptrollen in Michael Hanekes „Das weiße Band“, in Jessica Hausners „Amour fou“, in Oliver Hirschbiegels „Elser“ und in Jonathan Glazers „The Zone of Interest“. 2011 gründete Friedel mit ehemaligen Musikern der Band Polarkreis 18 („Allein Allein“) die Band Woods of Birnam.
Serie
Die achtteilige Staffel der Anthologieserie „The White Lotus“, die Gesellschaftssatire und Krimi vermengt, startet am 17. Februar exklusiv bei Sky und Wow. Zum Cast der neuen Staffel gehören neben Christian Friedel auch Leslie Bibb, Carrie Coon, Walton Goggins, Jason Isaacs, Michelle Monaghan, Parker Posey, Patrick Schwarzenegger und Aimee Lou Wood. Die ersten beiden Staffeln von „The White Lotus“ sind weiterhin bei Sky und dem Streamingdienst Wow abrufbar.