Herr Redl, wir erreichen Sie vermutlich gerade in ihrem Wohnort Hamburg – oder?
Nein, ich bin gerade noch auf der Insel Föhr, da hatte ich gestern Abend eine Lesung zweier Kriminalgeschichten aus dem vom „Stern“ herausgegebenen Magazin „Crime“. Damit bin ich schon seit ein paar Jahren auf Tour. Einmal, in Gießen, stand am nächsten Morgen in der Zeitung: „Die Stimme des Grauens lag wie ein dunkler Mantel über dem Publikum.“ Ein Satz, der mich wirklich stolz gemacht hat.
In Fellbach sind Sie jetzt mit Freund Ulrich Tukur zu Gast und lesen deutsche Gedichte. Wie kam’s zu diesem Projekt?
Wir sind öfter zusammen im Urlaub, und bei Spaziergängen entstehen so Ideen für mögliche Bühnenprojekte. Da sind wir draufgekommen, dass die deutsche Sprache aus dem Bewusstsein der Menschen immer mehr verschwindet, dass sich um die deutsche Sprache keiner mehr kümmert, auch weil die Nazis das so vereinnahmt haben, etwa die wunderbaren Gedichte von Eichendorff oder Theodor Storm. Wir dachten, wir müssten doch mal wieder deutsche Balladen vortragen, um die Leute daran zu erinnern, was unsere deutsche Sprache an Schönheit, Kraft und Ausdrücken zu bieten hat. An den Schulen kümmert sich eh keiner mehr darum.
Wie sind die Reaktionen?
Das fing schon bei der Premiere im St. Pauli Theater an, da kommen wildfremde Leute auf uns zu, drücken uns die Hand mit leuchtenden Augen und bedanken sich dafür, dass sie diesen Abend als Erlebnis empfunden haben, weil sie vergessen hatten, was für eine wunderbare Sprache die deutsche Sprache ist. Und das erleben wir nach jeder Lesung. Da sitzen zwei Schauspieler auf der Bühne zusammen mit einer großartigen Pianistin, die das Ganze mit zeitgenössischer Musik begleitet. Eigentlich ist es vom Aufwand her nicht viel, wir haben ja nur den Text, aber die Wirkung ist sehr stark und sie trägt uns wie von Zauberhand durch den Abend. Für Tukur wird Fellbach ein Heimspiel, er ist ja Schwabe, er wird dann auch Schiller auf Schwäbisch sprechen, der war ja auch Schwabe.
Und da sind sie immer mal wieder mit dem Projekt unterwegs.
Wenn’s halt geht. Ulrich Tukur hat als gefragter Film- und Fernsehschauspieler sehr viel zu tun. Ich bin ja etwas älter als er, habe mich sozusagen beruflich schon etwas beruhigt, muss niemand mehr etwas beweisen. Er ist 66 und ich bin 75.
Neun Jahre, na so viel Abstand ist das aber nicht.
Aber hallo: Ab 70, das kann ich Ihnen auch schon prophezeien, da sendet der Körper Signale, da werden Sie sich wundern, das ist nicht mehr lustig, 60 bis 70, das waren die besten Jahre meines Lebens. Nicht nur, weil ich da meine jetzige Frau kennengelernt habe, sondern ich war konzentriert, ich war vital und habe viel unternommen – auch beruflich.
Sie lesen am Sonntag in Fellbach, also im Rems-Murr-Kreis, und im nördlichen Randgebiet spielt der Film, der Ihr Durchbruch als Schauspieler war und für den Sie ja auch den Grimme-Preis erhalten haben: „Der Hammermörder“.
Tatsächlich, ich war schlagartig der Bösewicht der Nation und blieb das ja auch jahrzehntelang, weil sich Fernsehredakteure nichts anderes mit mir vorstellen konnten. Aber das Problem haben andere Kollegen auch, die vielleicht immer nur den lieben Vater, den gutmütigen Papa spielen, der harmlos daherkommt und immer nett ist – was mit ihnen selbst oft gar nichts zu tun hat. Aber seit einigen Jahren bin ich ja der Kommissar im Spreewald. Kein Bösewicht also. Nur bin ich mittlerweile über die Pensionsgrenze hinaus, drehe also nur noch ein oder zwei Teile, und dann ist das auch vorbei.
Was, dann wollen Sie nicht mehr?
Wie soll das gehen, was soll ich denn ermitteln? Ich bin doch zehn Jahre über die Pensionsgrenze hinaus.
Ihr Kollege Rolf Schimpf war als „Der Alte“ doch auch noch mit deutlich über 80 als Kommissar aktiv.
Ja, aber das ist doch alles völlig unglaubwürdig. Ist ja auch wurscht, ich werde weiter meine Lesungen machen und mich langsam aber sicher zurückziehen. Ich habe 50 Jahre in diesem Beruf gearbeitet, und ich kann Ihnen sagen, mir reicht’s. Besonders das Theaterspielen, das war sehr anstrengend.
Sie haben im Laufe der Jahre auch einige CDs aufgenommen.
Ja, eigene Sachen, die ich selbst komponiert und geschrieben habe, aber auch Texte von anderen Autoren, etwa Baudelaire.
Wenn man die lobenden Besprechungen liest, bekommt man richtig Lust, die mal anzuhören. Die gibt’s noch zu kaufen?
Klar, die kann man alle noch bestellen, die kann man auch zu Weihnachten verschenken, wenn man mag. Oder auch meine Biografie „Das Leben hat kein Geländer“, die ich gerade geschrieben habe. Da steht alles drin, was ich so erlebt habe. Es sind Aufzeichnungen aus einer analogen Zeit sozusagen, ich bin ja Jahrgang 1948, ein Kind der 50er Jahre. Damals war alles sehr viel anders, da gab’s noch Prügel in der Schule und so weiter, das ist mit heute überhaupt nicht mehr zu vergleichen. Ich hatte einiges zu erzählen, da ich einiges erlebt habe in meiner Familie. Auf Amazon bekam ich hervorragende Besprechungen für das Buch. Und ich hatte außerdem das große Glück, mit dem ehemaligen Lektor des Suhrkamp-Verlages zusammenzuarbeiten, Rainer Weiß. Auf meine erstaunte Frage, wie ich denn zu der Ehre käme, dass er sich meines Buches annehmen wolle, sagte er nur: „Ich kümmere mich jetzt um den Nachwuchs“.
Dann startet Ihre schriftstellerische Nachwuchskarriere jetzt also mit 75 Jahren richtig durch?
Nein, nein. Das Buch ist veröffentlicht, ein zweites werde ich nicht schreiben. Aber ich kann jedem nur raten, es einmal selber zu versuchen, in die eigene Vergangenheit abzutauchen. Dabei kommen Dinge zum Vorschein, die man längst verdrängt hat, weil man nur sehr ungern daran erinnert werden möchte.
Vom Zauber der Sprache
Herkunft
Am 20. April 1948 in Schleswig geboren, wächst Christian Redl in Kassel auf, geht dort auf die Waldorfschule und spielt mit 18 Jahren im Schultheater Shakespeares „Hamlet“ in eigener Bearbeitung. Seine Ausbildung absolviert er an der Schauspielschule Bochum. Zudem ist er Schlagzeuger und Gitarrist in einer Band.
Karriere
Es folgen zahlreiche Engagements an renommierten Bühnen in Frankfurt, Bremen und Hamburg. Seinen Durchbruch im Fernsehen bringt 1990 die Hauptrolle in „Der Hammermörder“. Der Spiegel urteilt: „Ein Klassiker des deutschen Fernsehfilms.“ Anschließend übernimmt er Rollen in Filmen wie „Das Trio“, „Solo für Klarinette“, „Der Untergang“, „Yella“ „Krabat“, „Die Päpstin“ oder „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“. Seit 2006 ist Redl der wortkarge Kommissar Thorsten Krüger in mittlerweile 15 Folgen der ZDF-Reihe „Spreewaldkrimi“. Allein die Liste seiner Mitwirkung an Hörspielen umfasst zwei Seiten. In diesem Jahr ist seine Autobiografie „Das Leben hat kein Geländer“ erschienen.
Lesung
„Vom Zauber einer verwehenden Sprache“ ist der Titel des Abends mit deutschen Gedichten und Balladen. Beginn ist am Sonntag, 15. Oktober, um 19 Uhr in der Schwabenlandhalle Fellbach. Mitwirkende: die Schauspieler Ulrich Tukur und Christian Redl und Pianistin Olena Kushpler.