Stuttgart - Max Simonischek ist die schönste Frau des Deutschen Theaters. Zumindest macht er Maren Eggert in Jon Fosses „Starker Wind“ in Berlin starke Konkurrenz. Mit ungerührter Miene posiert er im Schlauchkleid, nachdem er sich – noch in Hose und Hemd - mit der Kollegin auf den Theatersitzen im Saal und auf dem Boden geherzt und gewälzt hat.
Simonischek (39) spielt einen jungen Mann, der mit der Frau eines anderen Mannes lebt – was der wiederum nicht akzeptieren will. Die freundliche Unverfrorenheit, mit der Simonischeks Figur eine Ménage-à-trois vorschlägt, gehört zu den lustigsten Szenen der Saison. Und dem Regisseur Jossi Wieler gelingt es, surreale Szenerien realistisch und dadurch aufs Schönste ambivalent irrlichtern zu lassen.
Dass der Schauspieler humorbegabt ist, hat schon Armin Petras bemerkt, der ehemalige Stuttgarter Intendant engagierte im Jahr 2015 Max Simonischek für „Buch (5 ingredientes de la vida)“. Wie er da seiner Angebeteten zu imponieren versucht, die Haarsträhnen aus der Stirn pustet und weltmännisch, doch im Fremdsprachenkauderwelsch „dos pernos“ an der Bar ordert, das hatte Charme. „Ich spiele tatsächlich sehr gerne komische Rollen, zuletzt zum Beispiel in Wien ,Pension Schöller‘“, sagt Max Simonischek, der während einer Drehpause zum ZDF-Krimi „Laim“ Zeit für ein Gespräch findet. Warum er nicht häufiger für derlei angefragt wird? Es mit seinem Aussehen zu erklären, liegt nahe. Und Simonischek ist nicht kokett genug, um das zu leugnen: „Wenn man mich so sieht, denkt man vielleicht nicht als erstes an die komödiantischen Rollen, sondern an die heroischen Figuren.“
Keine Lust auf den gut aussehenden Schwiegersohn
Fürs Fernsehen und den Film bekomme er häufig den „gut aussehenden Schwiegersohn“ angeboten oder werde abgelehnt mit der Begründung „sieht zu gut aus“. Ein Grund mehr, dem Theater treu zu bleiben. „Das Theater ist meine erste Heimat. Und das Aussehen ist dort nicht so ein Thema.“
Keine Schwiegersöhne, aber Heroisches gab’s jede Menge. Derzeit ist er als Kohlhaas zu sehen. In der fürs Theater adaptierten Kleist-Novelle ist kein Raum für Humor. Düster die Bühne, dreckig und speckig die Kerls, die sich über Gerechtigkeit streitend in mörderische Aktivitäten verstricken. Gegen Ende werden dem nur an Rache denkenden Kohlhaas und Männern generell die Leviten gelesen. Das Rachestück wird zu einem über toxische Männlichkeit in der Inszenierung von Andreas Kriegenburg.
Das Scheitern ansteuern
„Grundsätzlich bin ich ein Auslaufmodell“, sagt denn auch Max Simonischek, „Toxische Männlichkeit ist natürlich absolut ein Thema, das behandelt werden muss, die Debatten sind dringend an der Zeit. Man muss insgesamt wach bleiben und sehen, wann die notwendigen Auseinandersetzungen ins Destruktive kippen.“
Mit Kriegenburg hat Simonischek schon öfter gearbeitet. „Starker Wind“ von Fosse war die erste Produktion mit Jossi Wieler. „Ich habe zugesagt, weil ich auf der Suche nach immer neuen Begegnungen bin. Das macht einen großen Teil des Berufes aus, Regisseure zu finden, die einen begeistern. Mit steigender Erfahrung wird die Gasse da immer enger. Das Stück von Jon Fosse lag so völlig am anderen Spektrum dessen, was ich bisher gespielt hatte, dass mich das gereizt hat“, so der Schauspieler. „Das ist etwas, das man immer wieder wagen muss – das Scheitern anzusteuern, damit zu rechnen, das ist unabdingbar für kreative Prozesse. Ich finde es wichtig, sicheres Terrain immer wieder zu verlassen.“
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Was für den Schauspieler auch bedeutet, mal Regie zu führen, in Mozarts Zauberflöte den Papageno zu singen. Und manchmal doch fürs Fernsehen zu arbeiten, wie jetzt in München, wo eine Folge von „Laim“ mit Simonischek als Titelheld entsteht. Die Rolle sei definitiv keine Bewerbung auf einen „Tatort“-Kommissar. „Ich würde den Laim nicht für einen ,Tatort’ hergeben. Mein Hunger nach Kommissaren im deutschen Fernsehen ist damit abgedeckt, bis ich in die Grube fahre. Es gibt den Laim seit elf Jahren, das bleibt etwas Besonderes, weil wir nicht so viele Folgen drehen. Von mir aus können wir noch ganz lange machen – wohl dosiert.“
So bleibt Zeit für andere Projekte, für einen Abend mit Jazzmusik und Tschechow-Texten in Wien etwa. Die Figuren, die zwischen Tragik und Komik schwanken, ihre latente Verzweiflung, dürften dem Schauspieler liegen. Ein „Kirschgarten“ oder „Platonow“ – vielleicht sogar mit seinem Vater Peter Simonischek, der zuletzt im Kinofilm „Toni Erdmann“ begeistert hat. „Ich hoffe“, sagt Max Simonischek“, „dass wir in absehbarer Zeit einmal gemeinsam auf der Bühne stehen.“ Tschechow oder etwas anderes – anschauen würde man sich das.
Der Bühnenstar
Max Simonischek
Der Schauspieler, der 1982 in Berlin geboren wurde, absolvierte seine Schauspielausbildung an der Universität Mozarteum in Salzburg. Er hatte Engagements am Gorki Theater in Berlin, dem Burgtheater Wien, dem Schauspiel Frankfurt, Kammerspiele München und Schauspiel Stuttgart und arbeitete mit Regisseuren wie Andreas Kriegenburg und Armin Petras, sowie Andrea Breth, Stephan Kimmig, Johan Simons, Karin Henkel und Jan Bosse.
Für seine Theaterarbeiten erhielt unter anderem den Wiener Theaterpreis Nestroy. Für seine Filmarbeiten gab’s den Deutschen sowie den Schweizer Fernsehpreis, ebenso zwei Nominierungen zum Schweizer Filmpreis als Bester Hauptdarsteller.
Theater
Max Simonischek spielt derzeit am Deutschen Theater in Berlin die Titelfigur in Heinrich von Kleists „Michael Kohlhaas“ in der Regie von Andreas Kriegenburg (nächster Termin: 22. Februar) und den jungen namenlosen Mann in „Starker Wind“ von Jon Fosse in der Regie des ehemaligen Stuttgarter Opernintendanten Jossi Wieler - nächste Vorstellungen sind am 19. und 25. Februar.
Am Tiroler Landestheater in Innsbruck inszeniert er einen Abend über Kafka „Kafka stirbt – Kafka umírá“. Die Uraufführung ist am 18. Juni 2022.
Film und TV
Als Kommissar Lukas Laim ist er seit 2012 in der ZDF-TV-Reihe „Laim“ zu sehen, die nächste Folge ist für 2022 geplant. Die aktuelle Folge „Laim und die Tote im Teppich“ ist in der Mediathek des ZDF abrufbar.
Der preisgekrönte Kinofilm „Die göttliche Ordnung“ ist auf DVD erhältlich.