Nicholas Ofczarek, 1971 in Wien geboren, gastiert mit der Musicbanda Franui in Stuttgart und interpretiert Thomas Bernhards „Holzfällen“. Foto: Burgtheater/Tommy Hetzel
Er spielt hoch intelligente Psychopathen ebenso eindringlich wie in sich gekehrte Kommissare – und er interpretiert in Stuttgart „Holzfällen“. Bei einer Begegnung mit Nicholas Ofczarek in Wien sagt der Schauspieler, welche Künstler ihn faszinieren und was ihn an der Arbeit nervt.
Ob Nicholas Ofczarek wohl einmal bei einem künstlerischen Abendessen im Ohrensessel sitzend die sogenannte bessere Gesellschaft beobachtet hat? Das tut natürlich nichts zur Sache in der Kunst, wo es nicht um Nachspielen der Wirklichkeit geht. Und es ist also auch bei einem Treffen mit dem Schauspieler Nicholas Ofczarek, wenn man mit ihm über Thomas Bernhards „Holzfällen“ spricht, in dem ein Ohrensessel prominent vertreten ist, nicht relevant.
Weltbekannt ist er dem filminteressierten Publikum durch die TV-Serie „Der Pass“, wo er an der Seite von Julia Jentsch als Kommissar Gedeon Winter ermittelt, die aktuell auf internationalen Streamingportalen zu sehen ist. Theaterfans verehren den Schauspieler wegen unterschiedlichster Figuren, die er mit wichtigen Regisseurinnen und Regisseuren erarbeitet hat. Und jetzt auch wegen Thomas Bernhards Ohrensesselgrantlertext „Holzfällen“, den er gemeinsam mit der Musicbanda Franui interpretiert.
Szene aus Berhards „Holzfällen“ mit Nicholas Ofczarek und Franui. Foto: Burgtheater/Tommy Hetzel
Am Abend vor dem Treffen verkörperte Nicholas Ofczarek die Titelfigur in Büchners „Dantons Tod“. Danton wird häufig deutlich sympathischer als der radikale Technokrat Robespierre dargestellt; Ofczarek interpretiert ihn mit nonchalantem Lächeln als einen , liberalen Politiker. Als einen Mann, der sich auf seinen Erfolgen so ausruht, dass ihm im Traum nicht einfällt, er könne von einem Extremisten jemals selbst abserviert werden. Eindrucksvoll. Mehr mit dem Leben in Europa heute kann eine Interpretation eines Revolutionsstückes aus dem 19. Jahrhundert kaum zu tun haben.
Der Künstler als Diener des Werks
Am nächsten Spätvormittag also die Begegnung im Café der Provinz in der Josefsstadt. Für die wenigen Minuten Verspätung entschuldigt er sich überaus höflich, die Zeit fürs Getränkebestellen muss Ofczarek dafür nicht aufbringen. Der Ober weiß, was der Künstler trinkt – etwas mit Koffein.
Wien ist Ofczareks Heimatstadt, er arbeitete als junger Künstler frei an Theatern, bis ihn der große Claus Peymann ans wichtigste deutschsprachige Theater, die Burg, engagierte. Dort ist er, bis auf einen Abstecher nach München ans Residenztheater, geblieben.
Jüngst arbeitete er dort häufiger mit dem niederländischen Regisseur Johan Simons. „Er ist kein Regisseur“, korrigiert Ofczarek. Nach dem fragenden Blick seines Gegenüber führt er aus: „Er ist Künstler. Künstler sind Menschen, die schauen zu, wie du etwas versuchst“, und berichtet von Probenprozessen, bei denen lange am Tisch gesessen, der Text ge- und besprochen wird.
Szene mit Nicholas Ofczarek aus Büchners „Dantons Tod“ in der Regie von Johan Simons. Foto: Burgtheater/Matthias Horn
Oder die Arbeit mit Frank Castorf etwa bei Horváths „Kasimir und Karoline“. „Zunächst wurde viel über ganz andere Dinge geredet, ob man beim Friseur war, wie es einem geht, und irgendwann geht das Gespräch in Probenszenen über. Castorf baut den intellektuellen Raum, dort ist man auf sich gestellt, muss überleben auf der Bühne.“
Weniger beglückende Begegnungen? Die hatte er auch. „Ich erlebe viel Mittelmaß und Dilettantismus, schwindendes handwerkliches Wissen auch. Ich sehe dagegen den Künstler als Diener des Werks.“ Ganz besonders ungern hört er die Frage – und aufs Lustigste, im betont gezierten Ton spricht er sie aus: „Was ist daran das Aktuelle?“
Gedankenräume eröffnen
Sprich, das was Regie und Dramaturgie heute oft umtreibt, wie kann man einem alten Werk tagesaktuelle Themen unterjubeln. „Es geht in der Kunst nicht darum, eine Message rüberzubringen. Lasst doch dem Zuschauer einen Interpretationsraum.“ Deshalb auch, sagt er, arbeite er gerne mit Kollegen, die Gedankenräume eröffnen, aber halt auch anspruchsvoll sind, zuweilen als schwierig gelten. „Schwierig? Das zählt für mich nicht. Hauptsache, sie sind gut. Ich arbeite gern mit den Schwierigen.“
Auch wenn durch die Me-too-Debatte ein Wandel im Umgang miteinander in Gang gekommen ist, sind Machtstrukturen auch an den Bühnen ein Thema. „Ich habe am Theater Machtmissbrauch erlebt“, sagt Nicholas Ofczarek, „auch durch Frauen. Ich habe gelernt mich zu wehren. Stop kann man sagen. Ich sage heute auch mit Vergnügen gern nein. In der Arbeit mit Künstlern stellt das kein Problem dar.“
Foto: dpa/Peter Kneffel
Spricht man ihn neben Kasimir und Danton etwa auf weitere beeindruckende Rollen an, blickt er nach unten, schweigt kurz, blickt auf: „schwierige Arbeit!“ Oder, mit einem genüsslich entgeisterten Ruf und Betonung auf dem S: „Ich hab’s gehasst!“ Wobei das gelegentlich nur die Probenumstände betrifft, von denen die Zuschauerin ja nicht weiß zum Glück.
Aufs Eindrucksvollste gegen den Strich interpretiert hat er beispielsweise 2006 Don Pedro, Prinz von Arragon, in Shakespeares „Viel Lärm um nichts“. Einen überraschend düsteren, unheilvollen Ton brachte die aufgekratzte Komödie. Hatte man beim Lesen dem Prinzen kaum Beachtung geschenkt, bleibt beim Zuschauen seine selbstherrliche Königsgeste in Erinnerung: die Leute können sich ver- und entlieben wie sie wollen, wirklich zählt nur, was er will, der Prinz. Schaler geschmeckt hat ein Komödien-Happy End selten.
Zehn wichtige Rollen von Nicholas Ofczarek im Theater
Herzog von Alba in Schillers „Don Karlos“, Regie: Andrea Breth
Johanns in Nestroys „Zu ebener Erde und erster Stock oder Die Launen des Glücks“, Regie: Anselm Weber
Zawisch in Grillparzers „König Ottokars Glück und Ende“, Regie: Martin Kuše
Don Pedro in Shakespeares „Viel Lärm um nichts“, Regie: Jan Bosse
Junger Grenzgänger in Schönherrs „Der Weibsteufel“, Regie: Martin Kuse
Leutnang Greising in Schnitzlers „Spiel im Morgengrauen“ – sein Regiedebüt
Jedermann in Hofmannsthals „Jedermann“ bei den Salzburger Festspielen, Regie: Christian Stück
Kasimir in Horváths „Kasimir und Karoline“, Regie: Frank Castor
Knieriem in Nestroys „Lumpazivagabundus“, Regie: Matthias Hartmann
Danton in Büchners „Dantons Tod“, Regie: Johan Simons
Er als Don Pedro hatte einen starken Auftritt: das Kinn kaum merklich nach vorne gereckt und zwischen den Zähnen seine Wut herausgezischt. Um es mit den Worten von Fanny, der Kommissars-Freundin aus dem Frankfurter „Tatort“-Krimi zu sagen: „Paul, da ist einer, der mir Gänsehaut macht.“ Ofczarek spielte in der Folge „Die Geschichte vom bösen Friederich“ einen eleganten, hoch intelligenten Narzissten. Und er zeigte, wie er alle Nuancen beherrscht, vom exaltierten Irren über den eloquenten Intriganten bis zum spießigen Angestellten.
Oft ist er da in Nahaufnahme, im Profil zu sehen. Klassisch, hohe Stirn, leicht höckrige Nase, energisches Kinn, ein bisschen später Nachfahre des irischen Décadent Oscar Wilde, zumal, wenn er das Haar nach hinten kämmt. Als nonchalant lakonischen Dichterdandy würde man ihn gern häufiger sehen. Öfter noch zeigen darf, kann, soll er allerdings das latent Gefährliche, dem Jähzorn zugeneigte. Das liegt wohl auch an seinem Blick, der so ambivalent ist, so müde, als habe er alles Elend der Welt gesehen, wobei unergründlich bleibt, ob er daran still verzweifelt oder rasend aufbegehrt.
Zuletzt beispielsweise in den Staffeln der Fernsehserie „Der Pass“, die auch mit überwältigenden fast schwarz-weißen Winterlandschaftsbildern von Bäumen, Bergen, dunklen Tälern beeindruckt und zeigt: Der Natur ist es egal, wie verkommen der Mensch ist. Nicholas Ofczarek verkörpert einen wortkargen Kommissar, der mit Korruptionsvorwürfen und inneren Dämonen kämpft, aber sich in den Fall um einen psychopathischen Mörder verbeißt und weiter ermittelt, als die anderen meinen, es sei alles aufgeklärt und erledigt.
Ein Hang zum Manischen
Auf das düstere Werk folgt demnächst bei einem anderen Bezahlsender, Amazon Prime, etwas Heiteres, aber ebenfalls mit dem „Pass“-Team Nicholas Ofczarek und Julia Jentsch: die Komödie „Drunter und Drüber“.
Den Hang zum Manischen hingegen, wie er dem „Pass“-Kommissar Gedeon Winter zu eigen war, spielt er in ganz anderem Zusammenhang aus – bei „Holzfällen“, auch seine Musikalität betont er, der Text trägt nicht umsonst den Untertitel „Eine Erregung“. Der 300-Seiten-Text variiert furios das Ende des langen ersten Satzes, in dem der Ich-Erzähler feststellt, „dass es ein gravierender Fehler gewesen ist, die Einladung der Auersbergers anzunehmen.“
Das Werk schraubt sich lakonisch, traurig, belustigt, wütend in immer neue Empörungshöhen über die Wiener Kulturbourgeoisie, das Burgtheater, Religion, Politik, die Kunst. Stets schwingt auch dies mit: die Trauer um die gestorbene Freundin Joana.
Bernhards Text ist auch ein Totentanz. Nicholas Ofczarek sagt: „Ich sehe den Abend wie ein Konzert mit elf Stimmen, es ist eine Romanmusikalisierung, wir sehen uns gemeinsam im Dienst des großen Mannes, unterstreichen manchmal eine Stimmung, manchmal sprechen, spielen wir dagegen an.“
Und dann, nach zwei Stunden im Café, kommt die Rede jetzt doch auf den Ohrensessel und die feine Wiener Gesellschaft. Gibt es die noch? Ja. Und, war er als langjähriges Burgtheaterensemblemitglied auch einmal bei so einem „künstlerischen Abendessen“ eingeladen? „Ja“, sagt er.
Und, mit vergnügt wirkendem Lächeln: „ Ich fühlte mich fehl am Platz – und ich saß sogar in einem Ohrensessel“. Selbstredend kommt der Bernhard-Abend ohne solch ein Polstermöbel aus. Kunst ist keine Nachahmung des Lebens, im schönsten Fall ahmt das Leben die Kunst nach.
Ofczarek sehen
Theater „Holzfällen“ von Thomas Bernhard mit Nicholas Oczcarek und Franui ist am 27. Januar und am 1. März im Schauspielhaus Stuttgart zu erleben (in Wien am 9.2., 25.2., 5.3.). Im Wiener Burgtheater spielt der Schauspieler Büchners „Dantons Tod“ (15. März), „Dämonen“ von Dostojewski (beides in der Regie von Johans Simons).
Premiere „Burgtheater“ von Elfriede Jelinek in der Regie von Milo Rau ist eine Koproduktion des Burgtheater mit den Wiener Festwochen und feiert am 18. Mai Premiere (weitere Termine 20., 23. Mai, 1., 9., 14., 20. 6.)..
Film Bis 1.7.2025 ist in der ARD-Mediathek die „Tatort“-Folge „Die Geschichte vom bösen Friederich“ (Erstausstrahlung 10. April 2016) zu sehen. In mehreren Streaming-Diensten wie WOW, RTL+, Netflix, zu sehen sind die drei Staffeln der Krimi-Serie „Der Pass“. Einen dekadenten Fiesling spielt er in der Serienkomödie „Altes Geld“ (Netflix). Der Kinofilm „Der Räuber Hotzenplotz“ von 2022 mit Nicholas Ofczarek in der Titelrolle ist auf DVD erhältlich. In der ARD-Mediathek verfügbar ist die sechsteilige Serie „Kafka“, in der Nicholas Ofczarek den Vater des Dichters verkörpert.