Schauspieler Philipp Hochmair „Goethe ist Tarantino“
Philipp Hochmair (48) interpretiert blinde Ermittler ebenso glaubwürdig wie bestialische Verbrecher. Ein Gespräch über Paparazzi, Putin und darüber, warum Goethe cool ist.
Philipp Hochmair (48) interpretiert blinde Ermittler ebenso glaubwürdig wie bestialische Verbrecher. Ein Gespräch über Paparazzi, Putin und darüber, warum Goethe cool ist.
Philipp Hochmair (48) ist ein viel gefragter Schauspieler. Jüngst beeindruckte er in dem Fernsehfilm „Die Wannseekonferenz“. Jetzt ist er wieder als Sonderermittler in den Wien-Krimis „Blind ermittelt“ der ARD zu sehen. Ein Gespräch über Paparazzi, Putin und darüber, warum Goethe cool ist.
Herr Hochmair, in den neuen Wien-Krimi-Folgen machen Sie Tai-Chi in einem super Loft. War das Ihre Idee?
Nein, das war die Idee von Katharina Mückstein, unserer Regisseurin. Ich finde es plausibel. Die vorherigen Fälle hatten immer etwas mit dem Privatleben des Ex-Kommissars zu tun, mit seiner Familie und seiner Erblindung. Jetzt beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Er zieht aus dem Hotel seiner Familie in das Loft, bekommt einen Sonderermittlerstatus. Er löst nun Fälle, die nichts mit ihm direkt zu tun haben. Tai-Chi-Übungen stehen auch dafür, dass er zu sich selbst neu finden will, die neuen Aufgaben neu betrachtet.
Vom Loft aus hat man einen tollen Blick auf Wien und den Stephansdom. Und in den zwei neuen Folgen gibt es Wien-Spezifisches: Mord am Prater und einen Fall zu einem Foto der toten nackten Kaiserin Sissi. Die ist ja derzeit wieder beliebt, auch in neuen Verfilmungen.
Die Idee, dass ein Foto die Menschen tötet, die es anschauen, hat mich sehr fasziniert. Paparazzi hat es ja schon immer gegeben! Es existiert ja auch ein Foto von Bismarck, der tot auf dem Bett liegt. Die Fotografen wurden damals festgenommen und schwer bestraft. So ist es hier auch. Das Foto zieht eine Blutspur durch die vergangenen 100 Jahre. Auch spannend, dass unsere Folge jetzt perfekt zum Sisi-Revival passt.
Die Konstellation genialer Detektiv und eher zupackender Assistent kennt man auch von dem Duo Holmes und Watson. Waren die beiden Vorbilder für Ihr Ermittlerduo?
Das hatte eher den Grund, dass wir verschiedene gesellschaftliche Hintergründe und Sounds einbringen wollen, den rauen Ton des Assistenten aus Berlin und den gepflegten Ton des Wieners.
Abgesehen von der Pointe, dass ein Blinder Dinge „sieht“, die ein sehender Kommissar nicht erkennt – wie haben Sie die Rolle des Blinden erarbeitet?
Ein wichtiger Punkt war, mit Menschen zu reden, die nicht sehen. Und ich habe das Museum „Dialog im Dunkeln“ besucht, wo man in absoluter Dunkelheit zum Beispiel essen geht. Die meisten wollen da gleich wieder rauslaufen, weil es erst mal zu heftig ist. Für mich war es ein Einstieg in die Rolle. Am Anfang hat man natürlich Angst, kennt sich nicht aus. Aber langsam orientiert man sich und lernt, damit umzugehen.
Körperlich eingeschränkt müssen Sie auch in dem Fernsehfilm „Die Wannseekonferenz“ agieren – da sitzen Sie meist am Konferenztisch, körperbetontes Spiel ist kaum möglich. Wie haben Sie sich auf Ihre Rolle des NS-Verbrechers Reinhard Heydrich vorbereitet?
Jede Rolle hat ihren Rhythmus und ihr Universum, das versuche ich zu finden. Das gehört zur Arbeit des Schauspielers, dass er den eigenen Körper passend einsetzt, so wie ein Musiker sein Instrument dem Rhythmus des Werks anpasst. Ich überlege: Wie ist der Herzschlag der Rolle und des Films, wie dynamisch, wie ruhig?
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Ihr Heydrich wirkt besonnen, fast sympathisch, was in krassem Kontrast zu seiner Rede steht.
„Dass einer lächelt und doch ein Schurke ist“ – wie es in „Hamlet“ über König Claudius heißt. Ich hatte schon lange vor der Rolle eine Biografie über Heydrich gelesen, ich setze mich häufiger zur Inspiration für Rollen mit menschlichen Abgründen auseinander.
Was hat Sie gerade an Heydrich interessiert?
Er hat eine beängstigend dämonische Ausstrahlung. Das ist ähnlich, wie man es bei dem russischen Präsidenten Putin sieht, der keine Miene verzieht, ruhig, fast einnehmend wirkt. Blut und das Grauen dahinter haben da keinen Platz. Es gibt keine Form von Empathie und Anteilnahme, die man an ihm erleben könnte.
Nun haben Sie für diese Rolle Preise bekommen. Fürchten Sie nicht, wenn Hollywood anruft, dass Ihnen nur eine Nazirolle angeboten wird?
Ach, es gäbe Schlimmeres. Ich hätte nichts dagegen, wenn Hollywood anriefe, auch wenn es eine Nazirolle wäre. Ich spiele ja übrigens schon den dritten Nazi – zuvor im Film „Ein Dorf wehrt sich“ und jetzt auch in dem Kinofilm „Das Glaszimmer“, der Ende April ins Kino kommt.
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Im Theater sind Sie eher mit Heldenstoffen unterwegs. Seit 25 Jahren spielen Sie das Solo „Werther“ nach Goethes gleichnamiger Novelle. Nun sind Sie schon fast in dem Alter, in dem Sie Werthers Vater sein könnten . . .
(Lacht) Goethe ist ja auch selbst in hohem Alter noch in die Wertherfalle getappt. Er hat sich als 70-Jähriger in eine 18-Jährige verliebt und wieder genau so wie Werther verhalten. Das Thema unglücklicher Liebe ist also nicht altersgebunden.
Kürzlich haben Sie mit Schiller-Balladen Furore gemacht, seit ein paar Jahren spielen Sie Hofmannsthals „Jedermann“ als Solo. Ganz schön mutig: Klassiker und von manchen genderbesorgten Menschen als sogenannte Alte-weiße-Männer-Literatur bezeichnet . . .
Erst mal sind das Kombinationen von Buchstaben, die unglaublich toll sind. Sie haben eine Energie und einen Inhalt. Das will ich zum Klingen bringen! Ich liebe Klassiker und schätze die Kraft, die dieser Literatur innewohnt und verloren zu gehen droht. Ich will mich dem Verlust dieser Diamanten entgegenstellen.
Die Soloabende bestreiten Sie mit Ihrer Band. Wozu die Musik?
Es hilft sehr, die Vorgänge musikalisch zu begreifen. Früher war ins Theater gehen für mich verspannt, ein bildungsbürgerlicher Vorgang, man musste ordentlich sitzen, still sein. Mit der Band gelingt es mir, Literatur anders freizulegen, den Wahn, der in manchen Figuren, Vorgängen steckt, zu entfesseln. Und ich kann das Publikum mithilfe meiner Band besser erreichen und klar machen: Goethe ist einer von uns. Goethe ist cool, Goethe ist Tarantino.
Vermissen Sie nicht Ihre Mitspieler? Man sagt doch immer Theater sei Teamarbeit.
Ich bin ja nicht allein. Ich habe tolle Musiker, das Publikum, Licht, den Raum. Das ist immer ein Dialog.
Würden Sie den „Jedermann“ auch bei den Salzburger Festspielen interpretieren, wo er ja schon seit hundert Jahren gezeigt wird?
Selbstverständlich. Ich bin ja schon einmal für den erkrankten Tobias Moretti eingesprungen.
Ärgert es Sie nicht, dass er so kurz vor dem Tod erst seine Schandtaten bereut und ihm vergeben wird – während ein anderer vielleicht sein ganzes Leben lang schon gut war?
(lacht) Sie sind wohl eine Reue-Kapitalistin?
Vermutlich!
Für mich ist es das Stück der Stunde. Und ein unvergängliches Thema: Wir klammern uns an materielle Werte, verlieren die Religion und andere seelischen Werte aus dem Fokus. Sich daran wieder zu erinnern ist eine wichtige Aufgabe. Es ist doch toll, wenn jemand überhaupt mal so weit ist und bereuen kann! Wie froh wären wir, wenn Trump oder Putin öffentlich bereuen würden, um Vergebung bitten würden oder ihnen die Erkenntnis käme, dass nicht alles richtig war, was sie getan haben.
Info
Zur Person
Philipp Hochmair wurde 1973 in Wien geboren. Nach seiner Ausbildung am Max-Reinhard-Seminar in Wien arbeitete er an Theatern wie der Volksbühne Berlin, dem Schauspielhaus Zürich, dem Thalia-Theater in Hamburg und am Burgtheater Wien, in dessen Ehrengalerie er aufgenommen wurde.
TV-Krimi aus Wien
Der Wien-Krimi „Blind ermittelt – Tod im Prater“ ist am 21. 4. um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen, der Wien-Krimi „Blind ermittelt – Die nackte Kaiserin“ am 28. April um 20.15 Uhr im Ersten.
Wannseekonferenz
Der ZDF-Film „Die Wannseekonferenz“ von Matti Geschonneck ist noch bis 24. Januar 2023 in der ZDF-Mediathek verfügbar.