Schauspieler Wolfgang Höper ist tot Der kluge König des Theaters

So kannte und liebte das Stuttgarter Publikum seinen Staatsschauspieler: Wolfgang Höper bei einer Lesung im Jahr 2005. Foto: Factum-Weise//Eva Herschmann

Wenn er seine Augen anknipste, seinen Bariton erhob und ins Parkett zwinkerte, lag ihm das Publikum zu Füßen: Der große Stuttgarter Schauspieler Wolfgang Höper ist mit 87 Jahren an den Folgen einer Corona-Infektion gestorben.

Stuttgart - Er war der „Theatermacher“ von Thomas Bernhard und der Musikmacher am „Kontrabass“ von Patrick Süskind. Und er war noch unendlich viel mehr, denn in seinem langen Schauspielerleben verkörperte Wolfgang Höper exakt 224 Rollen, penibel aufgelistet in einer alten Kladde, die er bei Gesprächen gerne aus der verbeulten Aktentasche zog. Und doch glänzte er als Theaterdirektor und Orchestermusiker in einem Maße, als wären die beiden Künstlerfiguren nur für ihn und niemand sonst geschrieben worden, für ihn als großen Tragikomiker, der weiß, dass er auf verlorenem Posten steht und dennoch aufbegehrt. „Utzbach wie Butzbach“, spuckte er im Bernhard-Stück voller Verachtung in das Wirtshaus, in dem seine Schmierentruppe auftreten sollte. Und „Sarah! Sarah!“ brüllte er voller Verzweiflung in den nur herbeigeträumten Konzertsaal, um der von ihm angebeteten Sopranistin endlich seine Liebe zu gestehen – im Solostück von Süskind, das er wie jedes Solo schon deshalb liebte, weil ihn niemand dabei störte.

 

Szenenapplaus für den Souverän

Wolfgang Höper war ein Bühnensouverän. Seinen Szenenapplaus sahnte er genussvoll ab, damals in den achtziger, neunziger Jahren im Kleinen Haus, wie das Schauspielhaus noch hieß, als der „Theatermacher“ und der „Kontrabass“ bei ihrem Zug durch die Theater auch hier landeten. Ein Publikumsliebling, der unangefochtenste von allen, war er schon lange davor. 1933 in Braunschweig geboren, verschlug es Höper nach Stationen in Hildesheim, Mannheim und Wiesbaden 1966 nach Stuttgart. Die Intendanten kamen und gingen, er aber blieb – und blieb um so mehr, als er Anfang der siebziger Jahre ein Unglücksjahr in Düsseldorf verbrachte und reumütig zurückkehrte. Danach wurde er in Stuttgart zur gefeierten Institution, als Sprecher im Radio, als Rezitator auf Kleinkunstbrettern, aber doch vor allem als Spieler auf der weiten Theaterbühne, der immer wusste, was er tat.

Künstlerisch entwickelte sich Höper zu einem Kind der Achtundsechziger, geprägt vom Intendanten Peter Palitzsch, der ihm das „analytische Denken“ beibrachte. Man müsse eine Rolle wie eine Landkarte mit Bergen und Tälern, Straßen und Flüssen lesen, sagte Höper, man müsse die Himmelsrichtungen einer Figur erkunden und jeden Fleck auf der Seelenkarte ausfüllen. „Dann kann ich eine Bühnenfigur sinnvoll ins Spiel bringen“, erklärte der Verwandlungskünstler 1997, als er aus heiterem Himmel, weil er künftig ohne Verpflichtungen leben wollte, seinen Dienst im Kleinen Haus quittierte. Ein starker Abgang, schließlich war der regelmäßig auch bei den Salzburger Festspielen brillierende Höper gerade wieder zum Berliner Theatertreffen eingeladen worden: als Philosoph Hermokrates, der sich den Attacken Amors zu erwehren sucht in Marivaux’ „Triumph der Liebe“.

Messerscharfe Artikulation

Für den Kopfspieler Höper war auch dieser in Liebesnot geratene Schlaukopf eine Paraderolle. Als Theatermacher und Kontrabassist hatte er exemplarisch vorgeführt, wie sich in der Welt verlorene Wutbürger trotz aller Aussichtslosigkeit aufbäumen, in Rage reden und von den Gefühlslawinen, die sie auslösen, begraben werden. Jetzt aber, als heiterer Philosoph, wich er den Lawinen aus – mit Witz, Ironie und Sarkasmus, dem ganzen Besteck, mit dem sich ein Mensch die bedrängende Welt vom Leibe halten kann. „Bin nicht geschaffen, geliebt zu werden“, sprach Hermokrates – und Höper zwinkerte komplizenhaft ins Parkett, weil dort drunten keinem verborgen bleiben konnte, dass nicht nur für die Rolle, sondern auch für den Darsteller das genaue Gegenteil galt.

Höper wurde geliebt. Wenn er seine blauen Hans-Albers-Augen anknipste, lag ihm das Publikum zu Füßen. Und wenn er seinen honigsüßen Bariton mit der messerscharfen Artikulation, die selbst verschlungenste Satzperioden transparent machte, auf Bühnenlautstärke drehte, erst recht. Das in Film und Theater hoffähig gewordene Genuschel war ihm zuwider, was er so schroff nie formuliert hätte. Denn Höper, der – wie jetzt bekannt wurde – bereits am Montag mit 87 Jahren infolge einer Corona-Infektion gestorben ist, war nicht nur ein großer Künstler, sondern auch ein feiner Mensch, ein Grandseigneur durch und durch. Einer wie er kommt nicht wieder.

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