Frau Bürkle, die Inhaltsbeschreibung von „Im toten Winkel“ klingt nicht ganz einfach. „Ein kalt-brutaler, subtil gerahmter Politthriller in drei Kapiteln“, heißt es in den Erläuterungen – scheint eher herb-harter Stoff zu sein?
Ja, und vor allem einfach wahnsinnig spannend. Ein politischer Trip ins Herz der Finsternis – das Kind als Reinkarnation der Gewalt der Eltern und der hilflose Versuch des gebildet-selbstbewussten Europas, dies abzubilden. Die Handlung in Chronologie erzählt ist eigentlich simpel: Zu Beginn begleiten wir ein deutsches Filmteam, das eine Dokumentation über eine kurdische Frau dreht, die mit einem besonderen Ritual dem Verschwinden ihres Sohnes gedenkt. Begleitet wird das Team von einer jungen Studentin, die dolmetscht, und deren Nachbarskind, dem sie Nachhilfeunterricht gibt. Es kommt zu sonderbaren Zwischenfällen, das Kind scheint geheimnisvolle Visionen zu haben, und dann schraubt sich der Film erbarmungslos Kapitel für Kapitel immer tiefer hinein in die Familie dieses Kindes. Es gibt immer wieder Zeitsprünge und dadurch Lücken in der Erzählung, quasi „tote Winkel“, in die wir (noch) nicht hineinsehen können. Letztendlich geht es um die Frage, wie eine Gesellschaft mit ihren kollektiven Traumata umgeht und vor allem um die Spuren, die ein auf Gewalt und Paranoia gründendes System in den Menschen und in diesem Fall vor allem auf der Täterseite hinterlässt.
Welche Herausforderungen waren zu meistern – in einem Film mit Darstellern aus verschiedenen Sprachen, mit Herausforderungen und schwierigen Bedingungen vor Ort in der Türkei?
Nun, die Dreharbeiten fanden 2021 von April bis Juni in Kars, ganz im Osten der Türkei, statt. Die größte Herausforderung war, wie für uns alle und überall zu dieser Zeit, die Pandemie-Situation. Tägliche Testungen, immer wieder die Anspannung, ob man überhaupt weiterarbeiten kann. Ich liebe es, wenn ich durch meine Arbeit an fremde Orte komme. Die Landschaft dort ist irrsinnig schön und weit und wild und rau. Die Menschen extrem gastfreundlich. Politisch alles sehr angespannt und komplex, weil die ganze Region Grenzgebiet und seit Jahrhunderten umkämpft ist. Das spürt man vor Ort sehr. Überall militärische Checkpoints. Als wir dort waren, galt ein strenger Lockdown in der Türkei – alle Straßen leergefegt. Wir waren dadurch natürlich sehr präsent mit unseren Dreharbeiten. Vielleicht hat aber genau diese Situation dazu geführt, dass die Zensur uns in Ruhe ließ, weil man froh war, dass überhaupt gearbeitet werden konnte. Großartige Mitarbeiter, sogenannte Locals, die also vor Ort leben, wie beispielsweise unser Fahrer, der auch im fertigen Film zu sehen ist, haben uns auf wunderbare Weise durch diese Fremde gelotst und wussten bei jedem Checkpoint und Kontrollbesuch das Richtige zu antworten.
Ich vermute mal, es ist ein Film, der auch an Obrigkeiten rüttelt – gab es da Schwierigkeiten, eventuell auch in den Möglichkeiten den Film überhaupt aufführen zu können?
Also in der Türkei hat „Im toten Winkel“ bei sämtlichen Filmfestivals Preise abgeräumt – in Istanbul bester Film, bestes Drehbuch, Kritikerpreis, in Ankara gleich sieben Auszeichnungen. Und er kommt jetzt auch in der Türkei in die Kinos. Das ist tatsächlich erstaunlich. Aber vielleicht dachte man, ach so ein kleiner Arthaus-Film, das interessiert nicht weiter. Zumindest dachte man das vielleicht während unserer Dreharbeiten.
Wie war und ist Ihre Verbindung zu Ayse Polat – die ja zuletzt im „Borowski-Tatort“ in Kiel Regie geführt hat?
Für mich ist diese Arbeit auf mehreren Ebenen ein großes Geschenk. Das größte Geschenk ist sicher die Begegnung mit Ayse Polat, mit der es so großartig ist zusammenzuarbeiten und zu denken. Ayse hat fünf Jahre an diesem Drehbuch geschrieben. Diese Sorgfalt merkt man – ich habe noch selten ein so komplexes, kluges und mutiges Drehbuch gelesen. Dann die Möglichkeit im Ausland zu arbeiten. Meine tollen Kollegen, allen voran Max Hemmersdorfer, – mein Kameramann im Film - mit dem ich quasi rund um die Uhr zusammen war und natürlich unser echter Kameramann Patrick Orth, der unter anderem „Toni Erdmann“ gedreht hat und mit dem zu arbeiten einfach eine große Freude war. Und jetzt sind wir alle zusammen mächtig stolz auf diesen präzisen, schonungslosen, aufwühlenden Film, den Ayse geschaffen hat.
Die Weltpremiere war bereits im Februar 2023 auf der Berlinale – eine lange Zeit, bis ein solches Projekt in die Kinos kommt? Oder vielleicht auch etwas schade, wenn zwischen Entstehung und der Veröffentlichung zwei Jahre liegen?
In diesem Fall hat Ayse sich tatsächlich viel Zeit für den Schnitt genommen, was mit der sehr komplexen Struktur des Filmes zu tun hat. Es gibt Zeitsprünge und Lücken in der Geschichte, die sich erst im Laufe des Films zusammenfügen. Gleichzeitig wird aus mehreren Perspektiven erzählt, mit unterschiedlichen Kameras. Im Schnitt wird erst der eigentliche Film „geschrieben“, oder der Schnitt ist der zweite Schreibprozess nach dem Drehbuch, so hat Ayse das mal formuliert. Andere Entscheidungen liegen dann wieder bei der Produktionsfirma und dem Verleih. Offensichtlich wollte man erst die Festivals bereisen und dann in die Kinos.
Der Film jetzt im Orfeo zu sehen – ist es bei aller Routine für Sie vielleicht doch etwas Besonderes, selbst dabei zu sein, wenn er in der Heimat gezeigt wird und viele Freunde und Bekannte dabei sind?
Das ist auf jeden Fall was ganz Besonderes. Es ist sehr selten, dass man auf eine Arbeit wirklich stolz ist und denkt, das, was wir da machen, ergibt Sinn. In diesem Fall tut es das. Ich freue mich sehr auf Montagabend und das anschließende Gespräch – ich hoffe , es kommen so viele Menschen, dass das Orfeo den Film gleich weiter im Programm lässt! Es ist auch ein Film, der unbedingt auf der großen Leinwand geschaut werden muss. Dafür haben wir ihn ja gemacht.
Theater, Fernsehen, Kino und Hörbücher
Herkunft
Katja Bürkle wird 1978 in Stuttgart geboren und wächst in Fellbach-Schmiden auf, wo sie auch Rhythmische Sportgymnastik betreibt, was ihr bis heute bei zahlreichen körperintensiven Rollen zugute kommt.
Karriere
Nach dem Schauspielstudium an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart ist sie dort bis 2008 fest engagiert und zieht dann nach München, wo sie an den Kammerspielen und am Residenztheater spielte. Außerdem ist sie bei den Salzburger Festspielen engagiert. Zuletzt ist Katja Bürkle in zahlreichen Fernsehproduktionen wie „Tatort“, in „Die Bestatterin“ im März 2023 oder „Schuss in der Nacht – Die Ermordung Walter Lübckes“ im Jahr 2020 zu sehen.
Hörspiele
Für Hörbücher hat Katja Bürkle ein besonderes Faible. Eingelesen hat sie beispielsweise mehrere Bücher der „norwegischen Queen of Crime“ Anne Holt („Ein Grab für zwei“ oder „Eine Idee von Mord“) mit jeweils sensationellen Laufzeiten von circa 850 Minuten. Ihr Hörbuch-Herzensprojekt aus dem vergangenen Jahr ist „Frei. Erwachsenwerden am Ende der Geschichte“ von Ley Ypi.
Kritiken
In bundesdeutschen Tageszeitungen gab es dieser Tage hervorragende Besprechungen für „Im toten Winkel“. Die Süddeutsche Zeitung mit Sitz in München tituliert ihn als „Kurdistan-Drama“ und urteilt unter der Überschrift „Geisterland“: „Ayşe Polats ,Im toten Winkel’ macht aus dem verdrängten Trauma der kurdischen Bevölkerung in der Türkei einen multiperspektivischen Mystery-Thriller.“ Die Frankfurter Rundschau erkennt „Spannung bis zum Gehtnichtmehr“ und lobt: „Getragen wird der in drei Akte aufgeteilte Film von einem exzellenten Schauspielteam. Das wird angeführt von Katja Bürkle als Dokumentarfilmerin.“ Und die Kulturabteilung des Rundfunks Berlin Brandenburg (RBB) erkennt einen „Politthriller mit großem Sog“ und vergibt vier von fünf Sternen.
Präsentation
Karten (zu 12 Euro) zur Vorstellung des aktuellen Films „Im toten Winkel“ am Montag, 8. Januar 2024, um 19 Uhr können im Orfeo (Adresse: Butterstraße 1 in Fellbach-Schmiden) reserviert werden unter 0711/ 51 68 12. Auch am Dienstag, 9. Januar, ist Katja Bürkle persönlich vor Ort, und zwar in Esslingen, wenn „Im toten Winkel“ um 18 Uhr im Kommunalen Kino gezeigt wird. In Stuttgart ist der Film ab diesem Donnerstag, 4. Januar, im EM-Kino zu sehen.