Schauspielhaus im Nord Mehr Lagerhalle als Lustgarten

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Die provisorische Spielstätte des Stuttgarter Schauspiels steht bereit: Die Premieren der Theatersaison 2012/13 können kommen. Nur das gastronomische Umfeld ist etwas dünn.

Grün, die Farbe der Hoffnung, weist den Weg zur Behelfsspielstätte. Foto: Matthias Dreher
Grün, die Farbe der Hoffnung, weist den Weg zur Behelfsspielstätte. Foto: Matthias Dreher

Stuttgart - Garten der Lüste“ ist der Titel eines Triptychons des Malers Hieronymus Bosch, bei dem man nicht genau weiß, ob es als eine sinnesfrohe Darstellung irdischer Vergnügungen zu begreifen ist oder doch eher als Warnung vor den diesseitigen Verlockungen, die ins Fegefeuer führen. Das Original des Gemäldes ist im Besitz des Prado in Madrid; eine Replik schmückt das neue Foyer der Interimsspielstätte Nord in der Löwentorstraße, wohin das Schauspiel Stuttgart für die Spielzeit 2012/13 ausweicht.

Dort herrschte diese Woche tagsüber Hochbetrieb. Es wurde emsig gewerkelt und geprobt. Die Behelfsspielstätte ist bezugsfertig, zumindest bis März soll hier großes Theater geboten werden. Im Idealfall ist bis dahin die Sanierung des Schauspielhauses abgeschlossen, so dass dort noch vor den Sommerferien wieder der Betrieb aufgenommen werden kann. Im Idealfall wohlgemerkt.

Die Atmosphäre eines Gartens, der zu lust- und geistvollem Spiel inspiriert, versprüht das Provisorium indes nicht. Eher den Charme eines Lagerhauses. Kein Wunder, liegt die Spielstätte Nord doch in einem Industriegebiet. Immerhin ist diese Übergangslösung gegenüber anderen denkbaren Standorten günstig. Neuer Hauptspielort ist so das Probenzentrum, in dem sich bereits die Studiobühne befindet. Jede andere Lösung, etwa die Verlegung des Spielbetriebs in ein Großzelt, wäre deutlich teurer gewesen, sagt Ingrid Trobitz. „Wir sind froh, dass die Oper so toll reagiert und diese hausinterne Lösung akzeptiert hat – auch wenn sie jetzt weniger Raum für Proben zur Verfügung hat“, so die Sprecherin des Schauspiels.

Großer Ringtausch

Die Schauspiel-Produktionen werden also auf der bisherigen Probebühne der Oper zu sehen sein. Die Oper wiederum wird ihre Proben auf der bisherigen Probebühne des Schauspiels, ebenfalls im Nord, abhalten, während die ehemalige Spielstätte Depot am Ostendplatz wieder in Betrieb genommen wird, damit dort fortan die Theaterleute die Stücke einstudieren können. Auch diese interne Lösung erfordert also einiges an Logistik.

Das Foyer, das für die Bewirtung genutzt werden wird, verbreitet den Charme des Provisorischen. Die neue Große Bühne, bei der bereits das eindrucksvolle Bühnenbild für die Premiere der Inszenierung „Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur Heiligen Schrift“ installiert ist, fasst immerhin 400 Besucher. Der Zuschauer nimmt auf relativ bequemen Plastiksitzen Platz. Eine Drehbühne ist vorhanden, an der Decke hängen zahlreiche silbern glänzende Scheinwerfer.

Foyer und Große Bühne sind durch einen langen Gang verbunden, ohne Ortskenntnis dürfte der Weg aber schwer zu finden sein, da die Räumlichkeiten insgesamt eher unübersichtlich sind. Daher wird zunächst mehr Personal eingesetzt, um den Besuchern Irrwege zu ersparen. Unproblematisch ist auch die Verkehrsanbindung. Mit dem Auto ist die Spielstätte bequem von der B 10 aus zu erreichen, Stadtbahnhaltestellen liegen in der Nähe. Eine Stunde vor Beginn öffnet das kostenlose Parkhaus. „Ich fürchte trotzdem, dass so mancher den Weg hierher scheut und lieber auf die Wiedereröffnung des Schauspielhauses wartet“, sagt Trobitz.

Ein Manko ist das Fehlen von Restaurants und Bars in der Umgebung. Bleibt nur der Gastronomiebetrieb im Foyer, wo zumindest noch eine Stunde nach Ende der Vorstellung Gäste bewirtet werden sollen. Ingrid Trobitz: „Wir werden unser Möglichstes tun, damit sich das Publikum auch hier wohlfühlt.“




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