Schauspielhaus Intendant Weber geht

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Der Intendant des Stuttgarter Schauspiels, Hasko Weber, wird 2013 das Haus verlassen.  
   

Hasko Weber geht aus rein persönlichen, nicht aus sachlichen Gründen. Foto: Steinert
Hasko Weber geht aus rein persönlichen, nicht aus sachlichen Gründen. Foto: Steinert

Stuttgart - Die Entscheidung kommt überraschend. Und sie dürfte auch die Mitglieder des Verwaltungsrats der Stuttgarter Staatstheater, die sich am Montag zu einer turnusmäßigen Sitzung trafen, einigermaßen kalt erwischt haben: Hasko Weber, seit 2005 erfolgreicher Intendant des Schauspiels, wird Stuttgart auf eigenen Wunsch verlassen. Seinen noch bis 2013 laufenden Vertrag wird er erfüllen, aber nicht mehr verlängern. „Nach acht Jahren Intendanz“, so Weber, „erscheint mir dieser Schritt richtig und konsequent. Theater braucht Kontinuität, aber es braucht auch Brüche und Veränderungen.“

Das ist eine klare Ansage für eine Entscheidung, mit der zu diesem Zeitpunkt niemand gerechnet hat. Wohlgemerkt: zu diesem Zeitpunkt. Denn mit einem Abschied von Hasko Weber musste man schon rechnen, gehört er doch zu der immer seltener werdenden Sorte von Menschen, die nicht auf alle Ewigkeiten an ihren Chefsesseln kleben. Daraus hat der Intendant nie einen Hehl gemacht, weshalb man ihm getrost glauben kann, wenn er nun „keine sachlichen, sondern rein persönliche Gründe“ für seinen Abschied geltend macht. 2013 wird er zudem fünfzig Jahre alt, ein biografischer Einschnitt, der bei dem Entschluss, zu neuen Ufern aufzubrechen, eine Rolle gespielt haben dürfte – neben dem völlig zutreffenden Hinweis, dass Theater eben von „Brüchen und Veränderungen“ lebt.

Im Abgang zeigen sich seine Stärken

Es lebt aber auch von „Kontinuität“ – und in dieser Hinsicht muss man dem 1963 in Dresden geborenen Intendanten hohen Respekt zollen, dass er seinen Abschied just zum jetzigen Zeitpunkt ankündigt. Denn es ist auch der richtige Zeitpunkt, nicht zu früh und nicht zu spät. Hätte er seinen Weggang früher angekündigt, hätte sich eine Unruhe im Haus ausgebreitet, die zur Unzeit gekommen wäre, nämlich mittendrein in den Bau des Probenzentrums und in die Vorbereitung der Theatersanierung. Hätte er ihn später angekündigt, wäre die Suche nach einem Nachfolger unter Druck geraten. So aber hat Weber alles getan, um Schaden vom Haus abzuwenden: Das Probenzentrum steht, die Sanierung des Stammhauses läuft, der Spielbetrieb im Ausweichquartier floriert – und die Träger des Theaters, Stadt und Land, können ohne Eile, aber mit Verstand nach einem neuen Mann, einer neuen Frau fürs Schauspiel fahnden.

Noch im angekündigten Abgang zeigen sich also die Stärken von Hasko Weber. Er ist ein Intendant, der sein Haus mit ruhiger und sicherer Hand in die Zukunft zu führen weiß und bei aller Streitlust, die er in die Stadt trägt, doch verbindlich, verantwortungsvoll und berechenbar bleibt. Dass er auch mit seiner künstlerischen Programmatik punkten kann, steht außer Frage. Schon in seiner ersten Saison wurde das Schauspielhaus zum „Theater des Jahres“ gewählt – und auch wenn er diesen Erfolg bis jetzt nicht wiederholen konnte, legen er, seine Regisseure und Dramaturgen doch immer wieder überraschende und bundesweit aufsehenerregende Inszenierungen vor. Dass der uneitle Theatermann einen guten Job macht, ist schließlich auch den zuständigen Politikern nicht entgangen. Die beiden Dienstherren – Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster sowie Peter Frankenberg, der Kunstminister des Landes – haben hinter den Kulissen alles getan, um den Intendanten zu halten. Aber Weber, dessen Zukunft nach 2013 völlig offen ist, ließ sich nicht halten, vielleicht auch deshalb, weil ihm das Schicksal seines Stuttgarter Vorgängers vor Augen stand. Friedrich Schirmer war zwölf Jahre in Stuttgart und am Ende künstlerisch doch sichtlich erschöpft.

Weber wird ein unbequemer Zeitgenosse bleiben

„Ich bedaure die Entscheidung von Hasko Weber“, sagt Minister Frankenberg, „respektiere aber seine Beweggründe. Er hat dem Schauspielhaus viele neue Impulse gegeben und das Theaterleben in Stuttgart bereichert. Er ist ein ebenso innovativer und erfolgreicher Theatermacher. Und ich weiß“, so schließt der Minister seine Eloge, „dass er in den kommenden beiden Spielzeiten seine volle Kraft dem Schauspiel widmen wird.“ Genau daran, dass er sein Theater weiter mit Feuer führen wird, lässt auch der Intendant keinen Zweifel. „Ich freue mich auf die Zeit, die mir in Stuttgart noch bleibt“, sagt Weber.

Was bleibt, wird im Herbst – vermutlich Mitte Oktober – zunächst der Rückumzug ins sanierte neue Schauspielhaus sein. „Das ist ein historischer Vorgang“, betont Weber, denn so umfassend wie jetzt sei das bald fünfzigjährige Theatergebäude noch nie renoviert worden. Eben darum zielten derzeit alle Kräfte auf eine starke Eröffnungsspielzeit 2011/12, bevor dann auch schon die Abschiedssaison 2012/13 folge. Konkrete Namen und Projekte nennt Weber dafür noch nicht; es müsste aber mit dem Teufel zugehen, wenn der überzeugte Teamarbeiter ausgerechnet zum Abschied von seiner bewährten „Stuttgarter Dramaturgie“ abweichen würde: von einem politischen Theater in der Tradition von Palitzsch und Peymann, einem anstößigen und widerständigen Offensivtheater, das unmissverständlich Stellung bezieht zu den Vorgängen in Stadt und Land.

Hasko Weber wird, bei aller persönlichen Verbindlichkeit, als Künstler ein unbequemer Zeitgenosse bleiben. Und deshalb ist es jetzt doch ein bisschen bemerkenswert, dass Politiker zum Abschied Hymnen auf ihn singen. Die schwäbische Liberalität, noch ist sie nicht verloren.