Schauspielhaus Neuronengewitter in den Alpen

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Diese Saison ist die Saison der Elfriede Jelinek: Ihre „Winterreise“ wird überall gespielt, jetzt auch im Schauspielhaus - Nora Schlocker inszeniert.

Alles ganz schön verworren: Eine Szene aus der „Winterreise“. Foto: Staatstheater
Alles ganz schön verworren: Eine Szene aus der „Winterreise“. Foto: Staatstheater

Stuttgart - Die Wand ist nicht aus Beton, sondern aus Papier – und grellweiß ragt sie in die Höhe, glatt und strukturlos, mit einer geradezu klinischen Aggressivität, die Schlimmes befürchten lässt für den Raum, der sich dahinter verbirgt. Und ja, tatsächlich: die sterile Papierwand ist die Wand eines Gefängnisses, durch die sich nun Finger und Hände bohren, um in gieriger Ungeduld den Weg ins Freie zu öffnen. Und schon liegt die seziermesserscharf geschnittene Silhouette zerfetzt zu den Füßen der Eingekerkerten, schon stieren sie als Flüchtlinge mit dumpfen Augen blöd ins Parkett des Schauspielhauses: vier in Trainingsjacken und Skihosen gepackte, verängstigte und verstörte Menschenkreaturen, von denen wir glauben sollen, sie würden jetzt auch in die Menschenwelt gestoßen. Das werden sie aber nicht. Sie werden nur in den Gedankenstrom eingespeist, der sich endlos mäandernd durch den Kopf der Elfriede Jelinek zieht.

Man kennt das. Schon seit Jahren versorgt Jelinek die Theater mit Texten, in denen es weder Handlung noch handelnde Personen gibt. Verschwunden und untergegangen sind Fabel & Figuren im nämlichen, sehr mächtigen Gedankenstrom, erschlagen von jähen Gedankenblitzen, die jederzeit alles mit allem in großer Erhellung verknüpfen wollen. Was Jelinek da manisch in ihren Textflächen verwebt, sind freilich keine Beobachtungen aus erster, sondern immer nur aus zweiter Hand. Zurückgezogen, wie sie in Wien und München lebt, surft sie durch die Medienwelt, schaut Fernsehen, liest Zeitungen und geht ins Netz. Und ebendort findet sie auch ihre neuen und frischen Stoffe, die sie gerne mit alten, verblichenen Stoffen des bürgerlichen Bildungskanons hübsch aufmotzt. Kurzum: die Nicht-Dramatikerin arbeitet mit Vorfabrikaten und Assoziationsketten. Und diese Ketten wiederum zieht sie wortspielerisch durch ihre Textblöcke, ohne vor blöden Kalauern zurückzuschrecken.

Entkrampfende Wirkung von Blödeleien

Halt, stopp: nichts gegen die entspannende und entkrampfende Wirkung von Blödeleien! Gar nichts! Aber wenn sich dieser Nonsens, scheinbar von allem Ballast befreit, am Ende als Aphorismus aufspielt und so tut, als sei er zur reinen Intellektualität vorgedrungen, dann stapelt er doch hoch. Jelinek lässt das manchmal geschehen, zumindest in dem Stück, das sich sogar den Titel aus dem gusseisernen Bestand der Hochkultur geliehen hat. In der „Winterreise“ kokettiert die österreichische Literatur-Nobelpreisträgerin mit dem gleichnamigen, 1828 beendeten Liederzyklus der Großromantiker Franz Schubert und Wilhelm Müller – und der lieben Not, das 2011 in München uraufgeführte Nicht-Drama nun auch in Stuttgart szenisch zu beleben, unterzieht sich die Jungregisseurin Nora Schlocker. Es handelt sich dabei um die letzte Premiere im Schauspielhaus vor dem Umzug ins Nord.

Sobald die klinisch aggressive Wand eingerissen ist, blickt man in einen Raum, der ebenfalls vor sanfter Gewalt strotzt. Freilich auf seine Weise. Statt Papier jetzt Holz, helles Holz, geradezu eine Orgie aus Kiefern, mit denen die Bühnenbildnerin Marie Roth eine sich nach hinten perspektivisch verjüngende Hütte gezimmert hat: eine alpine Ski- und Wanderhütte, klar, befinden wir uns doch in der „Winterreise“. Und dass die kahlen alpenländischen Wände keinerlei Schmuck und Fenster aufweisen, sondern nur bestens getarnte Türen, auch diese Kargheit geht in Ordnung. Denn in dieser Hüttenhermetik kommt keine Hüttengemütlichkeit auf, dafür aber doch jene gemütvoll gemeine Dämonie, die man für Jelinek wohl braucht. Die deutsche Romantik, als Kulturepoche und Lebenshaltung begriffen, ist für die Autorin die Kehrseite des deutsch-österreichischen Grauens – so etwa könnte man die Grundthese des Stücks formulieren.

Düstere Interpretationsspur

Es scheint, als folge auch Nora Schlocker dieser wenig originellen, aber sehr düsteren Interpretationsspur. Jelineks robust gebaute Siebzig-Seiten-Prosa verteilt sie auf sieben Spieler, auf Toni Jessen, Boris Koneczny und Bijan Zamani sowie auf Gabriele Hintermaier, Sarah Sophia Meyer, Rahel Ohm und Nadja Stübiger. Und fast alle Figuren, die sie sprechen und verkörpern, stammen aus einem Reich zwischen Leben und Tod und sind ähnlich deformiert wie das grotesk-realistische Ausbrecherquartett im stummen Prolog: Zombies auf der Wanderschaft im Textgeröll, durch das neben dem Liedermacherduo Schubert & Müller auch noch der Philosoph Martin Heidegger und das Entführungsopfer Natascha Kampusch stolpert. Mal versteht man, warum all diese Leute unterwegs sind, mal versteht man es nicht.

Der Fall Kampusch jedenfalls macht es dem Publikum ausnahmsweise leicht. Der Bühnenkerker ist gesprengt, das acht Jahre weggesperrte Mädchen endlich frei – und freimütig fallen auch die Kommentare aus, die zu hören sind, nachdem Natascha Kampusch via Fernsehen an die Öffentlichkeit gegangen ist. „Was denkt sie sich denn? Ist sie was Besonderes? Wieso glaubt sie, dass sie jetzt über uns steht?“, empören sich die Damen, die in ihrem Kleinbürgerleben zu kurz gekommen sind. Zuckersüß geblümte Kleidchen übergeworfen, banalisieren sie mit Niedertracht das Leid des Opfers – und dankbar nimmt man das böse Kabarett entgegen, allein schon deshalb, weil man seinen Sinn kapiert hat. Ja, man wird genügsam und labt sich auch – noch eine Idee der Regisseurin – an den drei Intermezzi, mit denen Schlocker die Jelinek-Ströme staut: Ein Bub und zwei Mädchen, allesamt im Musikschulalter, spielen und singen in der Albtraumhütte tatsächlich Lieder aus der „Winterreise“! Sehr schräg, sehr dilettantisch und darum sehr sympathisch.

Sein und Zeit

Doch dann schießt der kurz aufgestaute Strom auch schon wieder los. Über das Internet und den Bankenskandal ergießt er sich, über Alzheimer und die Familienhölle, wild aufgeschäumt und vorangepeitscht durch das Neuronengewitter, das im Kopf der Autorin zu toben scheint. Aber selbst dann, wenn man ihre Themen erkennt, bleibt der Inhalt der Sätze, mit denen sie diese Themen obsessiv umkreist, oft im Dunkeln. Dann könnte es sein, dass es in der zähen „Winterreise“ gerade wesentlich um Sein und Zeit geht und es dort also wieder gewaltig heideggert. Und dann versteht man außer pseudophilosophischem Gequarke eben gar nichts mehr.

Das ist schlimm. Doch noch schlimmer ist, dass man schon bald auch keinerlei Neigung verspürt, die dunklen Stellen bei Elfriede Jelinek überhaupt aufhellen zu wollen. Das rätselhafte Stück weckt kein Interesse, keine Neugier, kein Feuer, nichts – und das, obwohl es just die „Winterreise“ war, mit der die Schriftstellerin im vergangenen Jahr zur „Dramatikerin des Jahres“ avancierte. Mittlerweile ist ihre etwas andere Schubertiade auch im Repertoire der Theater angekommen. In dieser Saison spielen zehn Bühnen das geschwätzige Stück nach, erste Häuser mit besten Regisseuren. Und auch dieser Erfolg ist uns ein großes, ungeheures Rätsel, das Nora Schlocker mit ihrer Inszenierung nicht auflösen kann. Bemüht hat sie sich.